Wir sind Helden: «Das System verleibt sich alles ein»
Netzeitung: Nach dem Riesenerfolg der «Reklamation» waren Sie die Hoffnungsträger der deutschen Musik. Und wurden zusätzlich für die konsumkritischen Texte hoch gelobt, von «Zeit» bis Harald Schmidt. Begegnen Sie dem Riesendruck so locker, wie es die Single «Gekommen, um zu bleiben» suggeriert?
Judith Holofernes: Die Reaktionen waren ja auch eher positiv. Aber es ist schon beängstigend, wie flüchtig die eigene Persönlichkeit ist. Das Bild, dass ich von mir habe, hat nicht mehr Realität, als das, welches andere von mir haben.
Frage: Warum klingt die neue CD so melancholisch? Wegen der Erfolges des Debuts «Reklamation», der Träume, die zu schnell keine mehr sind?
Netzeitung: Die Texte sind auch einfacher, weniger politisch.
Holofernes: Ich habe weniger Wortspiele gebraucht, schreibe jetzt assoziativer. Das sie weniger politisch sind, war keine Absicht. Ich schreibe einfach über das, was mich gerade beschäftigt. Das war eben bei der ersten CD Konsumkritik und Medien. Was mich im letzten Jahr am meisten beschäftigt hat, war Vergänglichkeit. Aber die nächsten Lieder können auch wieder hoch politisch sein.
Netzeitung: War es nicht auch der Versuch, dem Konsumkritiker- Image zu entfliehen?
Holofernes: Es macht schon Spaß, die Erwartungshaltung nicht zu erfüllen, gerade noch mal so unter der Hand weg zu switchen.
Netzeitung: Statt dessen kritisieren Sie die Musikmanager als «Zuhälter». Obwohl Sie es bei einem kleinen Label doch gut erwischt haben...
Tourette: Wir haben das Glück, Leute mit Geschmack zu haben, die uns völlige künstlerische Freiheit lassen- oder lassen müssen. Aber wir sehen umso deutlicher, was mit anderen Bands passiert.
Netzeitung: Ihr Erfolg auf einem kleinen Label war eine Ohrfeige für die großen Labels, die sich auf das kurzfristige Ausschlachten synthetischer Superstars beschränkt hatten. Nun sind die Charts voll mit deutschsprachigen Bands mit süßer Sängerin.
Holofernes: Zu Anfang hat es schon einen kleinen Stich versetzt, dass auch wir mit dem, was wir aus Überzeugung machen, zur Vorlage der Industrie werden. Aber dann dachten wir: Wer sind wir, dass wir dachten, uns passiert das nicht? Das System verleibt sich eben alles ein. Ob Che Guevara auf Handtüchern oder die konsumkritische Band als verkaufsorientiertes Nachmachprodukt. Naja- vielleicht kommen ja auch noch gute Bands in dem Sog hoch.
Holofernes: Die großen Musikkonzerne werden immer so weiter machen. Aber sie werden dabei ja kleiner und kleiner... hihi.
Netzeitung: Vergangenes Jahr wurde wegen einiger Texte und patriotischer Aussagen von Mia und Virginia Jetzt verbittert diskutiert, ob man völlig unbeschwert auf Deutsch texten darf, wie in anderen Sprachen auch. Verstehen Sie die Diskussion?
Holofernes: Ja. Absolut. Die Diskussion wurde aber von beiden Seiten, den Medien und den betreffenden Bands, sehr ungeschickt geführt. Da wurde von den Medien mit dem Dampfhammer auf Kakerlaken geschlagen. Und die Bands und ihre Vermarkter verhielten sich auch sehr naiv. Wir lassen uns jedenfalls nicht auf schwarz-rot-goldenen Samplern veröffentlichen! Ich singe deutsch, einfach weil ich es besser kann. Es ist keine Bekenntnisfrage. Wir hören auch lieber englische Bands. Das ist eher unser Einfluss.
Tourette: Musik ist nicht besser, weil sie deutsch ist! Dann würde halt nur das schwedische Hit-Texter-Team ausgetauscht durch ein deutsch-sprachiges... Wenn, sollte man Newcomern eine Chance geben. Aber ohne Quoten. Oder einfach in den Radio-Stationen mehr redaktionelle Freiheit gewähren. Die Radioleute sagen mir immer: «Wir würden gerne ganz andere Sachen spielen, aber wir dürfen nicht.»
Holofernes: Ein Computerprogramm sucht das aus. «Welche Musik stört zu welcher Tageszeit am wenigsten?»... Aber Studien zeigen ja, dass viele Leute diese Dauerschleifen gar nicht mehr hören wollen.
Tourette: Nein, gar nicht. Aber wenn man eine Frontfrau hat und die auch noch drei Sätze sinnvoll aneinander reihen kann, ist sie eben die Gefragteste für die Medien. Naja, wir sind ja auch stolz auf unsere Judith...
Holofernes: «Judith und ihre Jungs» können wir nicht mehr hören! Andererseits kenn ich bei Coldplay halt auch nur den Namen des Sängers.Wenn man vorne auf der Bühne steht, wird man eben zur Identifikationsfigur.
Wir sind Helden-CD «Gekommen, um zu bleiben» ist erschienen auf Labels.
Das Gespräch führte Florian Maaß

