netzeitung.deWir sind Helden: «Das System verleibt sich alles ein»

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Wir sind Helden (Foto: Labels<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wir sind Helden
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das zweite Album «Von hier an blind» ist da: Die Netzeitung sprach mit Wir sind Helden über Schritte zum Glück, die Lust an kleinen Labels und ein Leben nach der musikalischen Konsumkritik. Thema: Wir sind Helden Wir sind Helden: Popmärchen, zweiter Teil

Wir sind Helden waren die Überraschungsstars des vergangenen Jahres. Mittlerweile hat sich das Debütalbum der Hamburger Band («Die Reklamation») mehr als 500.000 Mal verkauft, bei der letztjährigen Echo-Verleihung wurden die Newcomer mit gleich drei Preisen ausgezeichnet. Nun legt die Band mit ihrem zweiten Album «Von hier an blind» nach. Mit der Netzeitung sprachen Sängerin Judith Holofernes und Gitarrist Jean-Michel Tourette über das Leben nach dem Hype.

Netzeitung: Nach dem Riesenerfolg der «Reklamation» waren Sie die Hoffnungsträger der deutschen Musik. Und wurden zusätzlich für die konsumkritischen Texte hoch gelobt, von «Zeit» bis Harald Schmidt. Begegnen Sie dem Riesendruck so locker, wie es die Single «Gekommen, um zu bleiben» suggeriert?

Jean-Michel Tourette: Natürlich hat jeder für sich die Erwartungshaltung bemerkt. Mir war schon klar: Oh, jetzt machen wir richtig bedeutende Songs, die verschiedene Leute wichtig nehmen. Aber wir haben uns nie zusammen gesetzt und ein Konzept gemacht. Wir haben nicht überlegt: Hm, verkauft es sich besser, wenn wir zwei oder besser drei politische Stücke dazu nehmen? Wir haben uns einfach hin gesetzt und Musik gemacht für unsere zweite CD. Zu mehr hätten wir auch keine Zeit gehabt.

Judith Holofernes: Die Reaktionen waren ja auch eher positiv. Aber es ist schon beängstigend, wie flüchtig die eigene Persönlichkeit ist. Das Bild, dass ich von mir habe, hat nicht mehr Realität, als das, welches andere von mir haben.

Frage: Warum klingt die neue CD so melancholisch? Wegen der Erfolges des Debuts «Reklamation», der Träume, die zu schnell keine mehr sind?

Holofernes: Der Erfolg hat mich schon gefreut. Erfüllte Träume bieten zwei Möglichkeiten: Entweder sofort nach dem nächsten zu streben. Oder aber zu schauen, was hinter den erfüllten Träumen steckte. Was man wirklich braucht, um glücklich zu sein. Loszulassen, was man nicht dazu braucht. Eine wichtige Voraussetzung zum Glück. Ich bin getrieben von Glückssuche. Zu wissen, dass man nicht ewig Zeit hat, ist ein großer Schritt zum Glück. Gerade weil es mir so gut ging, wollte ich mich den Dingen stellen, die einen unglücklich machen. Die Angst vor Tod, oder Verlassen zu werden. Wenn man sich dem mal gestellt hat, gibt es nicht mehr viel, das einen behindert. Die Lieder haben für mich selber daher etwas Fröhliches.

Netzeitung: Die Texte sind auch einfacher, weniger politisch.

Holofernes: Ich habe weniger Wortspiele gebraucht, schreibe jetzt assoziativer. Das sie weniger politisch sind, war keine Absicht. Ich schreibe einfach über das, was mich gerade beschäftigt. Das war eben bei der ersten CD Konsumkritik und Medien. Was mich im letzten Jahr am meisten beschäftigt hat, war Vergänglichkeit. Aber die nächsten Lieder können auch wieder hoch politisch sein.

Tourette: Wir sind weiterhin eine politische Band. Das kann man auch sein, ohne immer explizit politische Texte zu haben.

Netzeitung: War es nicht auch der Versuch, dem Konsumkritiker- Image zu entfliehen?

Holofernes: Es macht schon Spaß, die Erwartungshaltung nicht zu erfüllen, gerade noch mal so unter der Hand weg zu switchen.

Netzeitung: Statt dessen kritisieren Sie die Musikmanager als «Zuhälter». Obwohl Sie es bei einem kleinen Label doch gut erwischt haben...

Tourette: Wir haben das Glück, Leute mit Geschmack zu haben, die uns völlige künstlerische Freiheit lassen- oder lassen müssen. Aber wir sehen umso deutlicher, was mit anderen Bands passiert.

Holofernes: Ich finde es einfach schrecklich, wie man mit meiner großen Liebe, der Musik, umgeht. Das Konzerne wie Unilever neben Waschmittel eben auch Musik verkaufen. Und beide Produkte gleich vermarkten und behandeln. Für die Shareholder ist das auch das gleiche. Dabei ist es etwas so Persönliches. Um ein bestimmtes Verkaufsziel zu erreichen, müssen viele Gruppen das aufgeben, was sie eigentlich ausgemacht hat.

Netzeitung: Ihr Erfolg auf einem kleinen Label war eine Ohrfeige für die großen Labels, die sich auf das kurzfristige Ausschlachten synthetischer Superstars beschränkt hatten. Nun sind die Charts voll mit deutschsprachigen Bands mit süßer Sängerin.

Holofernes: Zu Anfang hat es schon einen kleinen Stich versetzt, dass auch wir mit dem, was wir aus Überzeugung machen, zur Vorlage der Industrie werden. Aber dann dachten wir: Wer sind wir, dass wir dachten, uns passiert das nicht? Das System verleibt sich eben alles ein. Ob Che Guevara auf Handtüchern oder die konsumkritische Band als verkaufsorientiertes Nachmachprodukt. Naja- vielleicht kommen ja auch noch gute Bands in dem Sog hoch.

Tourette: Die wollen alle ihr Stück von der Torte haben. Manchmal schon schade, wenn eigentlich gute musikalische Bewegungen dadurch schneller tot sind, als es hätte sein müssen.

Holofernes: Die großen Musikkonzerne werden immer so weiter machen. Aber sie werden dabei ja kleiner und kleiner... hihi.

Netzeitung: Vergangenes Jahr wurde wegen einiger Texte und patriotischer Aussagen von Mia und Virginia Jetzt verbittert diskutiert, ob man völlig unbeschwert auf Deutsch texten darf, wie in anderen Sprachen auch. Verstehen Sie die Diskussion?

Holofernes: Ja. Absolut. Die Diskussion wurde aber von beiden Seiten, den Medien und den betreffenden Bands, sehr ungeschickt geführt. Da wurde von den Medien mit dem Dampfhammer auf Kakerlaken geschlagen. Und die Bands und ihre Vermarkter verhielten sich auch sehr naiv. Wir lassen uns jedenfalls nicht auf schwarz-rot-goldenen Samplern veröffentlichen! Ich singe deutsch, einfach weil ich es besser kann. Es ist keine Bekenntnisfrage. Wir hören auch lieber englische Bands. Das ist eher unser Einfluss.

Netzeitung: Können Sie der geforderten Quote für deutsche Musik dann etwas abgewinnen?

Tourette: Musik ist nicht besser, weil sie deutsch ist! Dann würde halt nur das schwedische Hit-Texter-Team ausgetauscht durch ein deutsch-sprachiges... Wenn, sollte man Newcomern eine Chance geben. Aber ohne Quoten. Oder einfach in den Radio-Stationen mehr redaktionelle Freiheit gewähren. Die Radioleute sagen mir immer: «Wir würden gerne ganz andere Sachen spielen, aber wir dürfen nicht.»

Holofernes: Ein Computerprogramm sucht das aus. «Welche Musik stört zu welcher Tageszeit am wenigsten?»... Aber Studien zeigen ja, dass viele Leute diese Dauerschleifen gar nicht mehr hören wollen.

Netzeitung: In den Medien werden Sie gerne als Judith Holofernes und Band dargestellt. Ist den anderen das recht?

Tourette: Nein, gar nicht. Aber wenn man eine Frontfrau hat und die auch noch drei Sätze sinnvoll aneinander reihen kann, ist sie eben die Gefragteste für die Medien. Naja, wir sind ja auch stolz auf unsere Judith...

Holofernes: «Judith und ihre Jungs» können wir nicht mehr hören! Andererseits kenn ich bei Coldplay halt auch nur den Namen des Sängers.Wenn man vorne auf der Bühne steht, wird man eben zur Identifikationsfigur.

Wir sind Helden-CD «Gekommen, um zu bleiben» ist erschienen auf Labels.

Das Gespräch führte Florian Maaß