Im Laufe ihrer zehnjährigen Bandgeschichte schienen Tocotronic zuletzt vor allem erhabene Popsongs schreiben zu wollen. Nun überraschen Dirk von Lowtzow, Arne Zank, Jan Müller und – neuerdings – Rick McPhail mit einer Rockplatte namens «Pure Vernunft darf niemals siegen». Was haben sich die Hamburger bloß dabei gedacht? Die Netzeitung sprach mit Sänger Dirk von Lowtzow. Netzeitung: In neun Tagen haben Sie das Album diesmal aufgenommen. Wieviel Kisten Bier schafft man in der Zeit? Von Lowtzow: Och, es ging eigentlich recht gesittet zu. Wie immer bei uns.
Von Lowtzow: Also verkürzt gesagt: Ja. Es war unser Wunsch, diesmal schneller und näher am Material zu arbeiten. Netzeitung: Ist das jetzt Rock’n’Roll? Von Lowtzow: Kann man sagen. Rockmusik hat uns viel stärker als bei der letzten Platte als Idee interessiert. Bei der letzten Platte haben alle um uns herum vom «rocken» geschrieben. Das hat uns sehr trotzig gemacht. Denn das meiste, was so rockt und rollt, ist eh nur konservativer Scheißdreck. Deshalb haben wir seinerzeit sehr antirockig gearbeitet. Bei den Konzerten haben wir dann festgestellt, dass es uns doch wieder Spaß macht. Dennoch wollten wir aber diesen Schweiß und diesen männlichen Rock-Bullshit vermeiden. Netzeitung: Wie haben sich Tocotronic denn in den zehn Jahren ihres Bestehens verändert? Von Lowtzow: Schwierig. Was ich schön finde, ist, dass wir mit den Jahren immer weniger routiniert geworden sind, wie man das ja blöderweise oft bei Rockbands beobachten kann. Sondern unsicherer, angstvoller und zweifelnder.
Von Lowtzow: Das ist auch unangenehm, weil das Plattenmachen und Touren ein sehr aufwühlender Prozess ist. Aber andererseits sind wir deshalb dankbar, weil man dann nicht in so eine Routine verfällt und denkt «So, das reißen wir jetzt mal runter.» Netzeitung: Was sind denn Ihre Ängste? Von Lowtzow: Was aufzunehmen, das uns auch befriedigt. Die Erfahrung beim letzten Album, wo wir anderthalb Jahre im Studio gesessen haben, war unglaublich intensiv und kräftezehrend. Man hat ja auch dauernd Versagensängste, das ist ja ganz logisch und darf das dann ja auch ruhig als Künstler thematisieren. Ich finde nichts schlimmer als selbstbewusste Rockmusiker. Netzeitung: Jetzt wollte ich gerade sagen, dass die ganze Platte sehr selbstbewusst klingt und wie ein Statement gegen die Angst rüberkommt. Von Lowtzow: Aber allein, dass man das thematisiert, und nicht bloß singt «Come on, be my girl», zeugt ja davon, dass man sich damit beschäftigt. Bei uns ist es jedenfalls so: Je länger wir das hier machen, desto dünner wird für uns das Eis, auf dem wir uns bewegen. Netzeitung: Also ist es Ihnen wichtiger, wie die anderen auf ein Stück reagieren? Von Lowtzow: Ja, so eine Herangehensweise wie der Dichter Fernando Pessoa hat mich immer sehr begeistert. Man lebt wie ein Buchhalter und schreibt völlig verschwuppelten Wahnsinn. Netzeitung: Wären die Tocotronic-Fans schockiert, wenn sie herausfinden, wie unspektakulär Sie leben? Von Lowtzow: Soo langweilig ist mein Leben aber auch nicht. Das ist ja alles relativ. Das wäre auch zu persönlich, darüber zu berichten. Ist doch egal, wie ich lebe. Netzeitung: Aber Sie, müssen Sie nichts erleben, um sich neu mit Ideen aufzufüllen? Sowas wie Weltreisen? Von Lowtzow: Hm, ich reise ja sehr ungern. Das hat mich nie so interessiert. Ich bin sehr gern zu Hause. In dem Sinne betreibe ich keine Recherche oder mache Selbstversuche, aber unbewusst passiert das auf jeden Fall. Ich und wir alle sind sehr neugierig, kommen viel mit Leuten in Kontakt und unterhalten uns viel mit Menschen. Die Phase zwischen zwei Platten ist schon immer mit einem Lernprozess verbunden. Netzeitung: Beim Stück «Aber hier leben, nein danke», dachte ich, Dirk will auswandern. Das Motto des Songs ist ja «An sich ganz schön hier, aber lieber ohne mich.» Von Lowtzow: Das Lied ist eine radikale Absage gegen das Gefühl, das momentan so vorherrscht. Nämlich das Gefühl, wie toll es ist, im Hier und Jetzt und ganz besonders in unserem schönen Deutschland zu leben. Dieses Lied ist einfach die größtmögliche Absage gegen jede Form von Patriotismus, der ja in gesteigerter Form schnell zum Nationalismus wird. Netzeitung: Ist ja gerade wieder ein Riesenthema. Von Lowtzow: Leider Gottes. Vor fünf Jahren dachte man noch, das sei abgehakt, aber nun werden diese Errungenschaften wieder hervorgeholt. Weil in der gesamten Wahrnehmung und der Kulturszene wieder so ein bescheuerter Backlash stattfindet und man diesem blöden Patriotismus gegenübersteht. Kritiker könnten meinen, wir wären paranoid, aber wir empfinden das so. Netzeitung: Gibt es in der Rock- und Popmusik ja auch, dieses «Wir singen deutsch». Was halten Sie davon? Von Lowtzow: Ich finde das schlecht. Was soll damit gewonnen werden? Ich kann nicht verstehen, wie man sich, wenn man Rockmusik macht, auf eine Nation berufen kann. Schon allein, weil es so furchtbar spießig ist. Mich macht das wütend. Wir sind ja ganz anders sozialisiert worden, in einem Gefüge von Bands, in dem man gelernt hat, dass Gefühle wie Heimatduseligkeit einfach nicht gehen. Das geht ja los bei Filmen wie «Das Wunder von Bern» und geht mit Zeitschriftentiteln wie «Kopf hoch Deutschland» weiter. Wir wissen nicht, was das soll. Netzeitung: Wäre «Spießer» zu sein der ultimative Alptraum? In «Gegen den Strich» sprechen Sie von Spießern, und der Albumtitel selbst ist ja ein sehr anti-spießiges Statement. Von Lowtzow: Niemand ist gefeit vor der eigenen Spießigkeit und jeder kann sein Auto gerne in die Waschanlage fahren. Aber mir geht es um dieses Wohlfühlen in der eigenen Spießigkeit. Klar, das ist schon ein Feindbild. Netzeitung Nun hieß es über Tocotronic immer, sie verkörpern das Lebensgefühl einer Generation. Wie sieht dieses Lebensgefühl im Moment aus? Von Lowtzow: Wir haben uns diesen Anspruch nie auf die Fahnen geschrieben. Das ist so eine Schublade, in der wir halt immer drin steckten. Natürlich haben wir nie das Lebensgefühl einer Generation verkörpert. Schon gar nicht wissentlich und wollentlich. Und schon gar nicht jetzt. Netzeitung: Wieso? Von Lowtzow: Weil diese Generation so durchkommerzialisiert ist. Und welche Generation überhaupt? Wir sind jetzt alle über 30, aber auch 15-Jährige hören Tocotronic. Das ist immer so dieses Szene-Ding. Wir wollten nie Musik für «Die Jugendlichen» machen. Hat uns nie interessiert. Unsere Lieder sollen für alle sein. Netzeitung: Am Anfang haben Sie aber Lieder gemacht, die zum Beispiel «Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein» hießen. Von Lowtzow: Weil das so schön sperrig klang und sich selbst ad absurdum geführt hat, weil es ja als Schlachtruf viel zu lang ist. Das war damals die Zeit der rechtsradikalen Übergriffe, wo Jugendliche Asylantenheime angegriffen haben. Das Lied war ein trotziger Versuch, die linke Jugendkultur, von der wir nicht wussten, ob sie es noch gab, irgendwie einzufangen. Mittlerweile ist das ganze Segment «Jugendkultur» so durchkommerzialisiert. Es ist ja nicht zu ertragen, wenn eine Zeitschrift im Untertitel den Satz «Eigentlich müssten wir erwachsen sein» trägt. Netzeitung: Ist «Pure Vernunft darf niemals siegen» nicht ein ganz ähnliches Statement? Von Lowtzow: Nein, überhaupt nicht. Diese Hefte, wo dazu aufgerufen wird, über die Strenge zu schlagen, während gleichzeitig tausend Tipps gegeben werden, wie man sich an Berufsalltag anpasst, haben mit uns überhaupt nichts zu tun. Wir rufen ja dazu auf, auszuflippen. Dieses Segment «jugendlich» hat keine Bedeutung mehr. Netzeitung: Hat der Begriff den Bezug zum Alter verloren? Von Lowtzow: Mich interessieren eher Begriffe wie «Wahnsinn» oder «Verrücktwerden». Früher hat man von bürgerlich und anti-bürgerlich gesprochen. Heute teilt es sich auf in jugendlich und erwachsen. Das ist komisch. Die Jugendlichkeit, die in solchen Zeitschriften beschworen wird, ist stockkonservativ, da kriege ich die Krise. Bei diesem wild sein, aber nur ein bisschen wild sein, denn die Zeiten sind ja hart. Das ist nicht mehr weit weg von den Zielen der Jungen Union. Netzeitung: Wie kann ich mir das vorstellen, wenn Dirk von Lowtzow wild, verrückt und unvernünftig wird? Sie machen ja einen recht seriösen Eindruck. Von Lowtzow: Sie wissen ja nicht, ob ich abends nackt mit Dornenkrone auf dem Haupt rumlaufe. Das Gespräch führte Steffen Rüth
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