Christine Kaufmann: «Älter werden ist nicht so schlimm, wie es aussieht»
Als die Ehe nach wenigen Jahren zerbrach, ging Kaufmann zurück nach Deutschland, wo sie unter anderem mit Rainer Werner Fassbinder und Werner Schroeter drehte. Gefeiert wurde unter anderem ihr Auftritt in Herbert Veselys Film «Egon Schiele - Exzesse» (1981), in dem sie die Frau des Malers spielte. Dazu kamen zahlreiche Theater-Auftritte.
Netzeitung: Frau Kaufmann, Sie schreiben Sätze wie «Meine Mutter hätte mich mal fragen sollen, ob ich Schauspielerin werden möchte» oder «Ich wäre so gerne unsichtbar gewesen». Bereuen Sie es, Schauspielerin geworden zu sein?
Christine Kaufmann: Nein, überhaupt nicht. Doch schienen damals alle davon auszugehen, dass - wenn man etwas erfolgreich macht als Kind - das Kind es auch toll findet. Wäre es nach mir gegangen, wäre ich wohl eher nicht Schauspielerin geworden. Ich habe durch den Zufall des frühen Ruhms, dessen Schattenseiten zu früh kennengelernt.
Netzeitung: Das hört sich aber doch nach Reue an...
Kaufmann: Nein. Ich bereue Fehler. Aber diese Arbeit war kein Fehler. Das war einfach etwas, das passiert ist wie vieles im Leben. Hinterher ist es sehr leicht, es zu verwerten - und es auch positiv zu verwerten. Es ist ja immerhin eine Erfahrung, nach der sich viele Leute sehnen, und die man erst, wenn man es erfahren hat, revidieren kann. Berühmtheit hat tolle Seiten. Es macht wahnsinnigen Spaß, wenn die Leute applaudieren das kenne ich vom Theater. Aber es gibt auch viele Seiten, die sind so abstrakt und so seltsam, dass sich selbst der schöne Teil nicht lohnt.
Netzeitung: Teilweise scheinen Sie all die Menschen warnen zu wollen, die auf die berühmten 15 Minuten Ruhm hoffen...
Kaufmann: Ich warne nicht vor dem Stadium des Berühmtseins. Ich warne davor, sein Leben zerfließen zu lassen, in der Hoffnung für 15 Minuten berühmt zu werden. Das ist das Problem. Es spielt im Bewusstsein vieler Leute und in der Wahrnehmung einfach eine zu große Rolle. Ich denke diese Gefahren waren schon immer da, aber heute kommt es mir sehr extrem vor mit den 15 Minuten.
Netzeitung: Der Titel Ihrer Biografie lautet «Christine Kaufmann und ich. Ein Doppelleben», und Sie beschreiben Ihren Versuch, beide Leben das der Berühmtheit und das der Privatperson unabhängig voneinander zu leben. Wird man in diesem Prozess nicht zerrieben?
Kaufmann: Vielleicht...
Netzeitung: Zum Teil klingen die Berichte über die Ignoranz gegenüber Ihrer Karriere vor allem in Deutschland ein wenig verbittert. Zum Beispiel dass vergessen wird, dass sie einen Golden Globe gewonnen haben...
Kaufmann: Es hat mich eher amüsiert. Hätte ich gewollt, dass es anders ist, hätte ich ja darauf bestehen können. Aber ich finde es sehr gefährlich, wenn sich Journalismus in Propaganda verwandelt.
Netzeitung: Wie meinen Sie das?
Kaufmann: Früher hat man die Leute im Fernsehen nicht danach besetzt, ob sie eine Haarspray-Werbung bekommen. Es ist eine seltsame Propaganda-Maschinerie entstanden, in der es fast ausschließlich nach wirtschaftlichen Interessen geht. Gerade im Fernsehen gibt es mittlerweile eine Diktatur der Mittelmäßigkeit. Da geht es nur noch um product placement. Ich glaube, heute nimmt man nicht mehr die beste Schauspielerin oder den besten Schauspieler, sondern die, die sich die Haare färben oder in bestimmten Turnschuhen rumrennen. Auch dieses «Ich bin ein Star Holt mich hier raus!» ist eine reine Werbegeschichte. Das hat überhand genommen.
Netzeitung: Waren oder sind Ihre vielen Reisen eine Art Flucht vor dem ganzen Rummel?
Netzeitung: Wenn man sich Ihre Karriere in der Wellness- und Kosmetikbranche betrachtet, war der Ruhm aber ganz hilfreich.
Kaufmann: Nein gar nicht. Wenn der Ruhm helfen würde, würde Uschi Glas sehr viel mehr verkaufen. Sie ist in Deutschland viel berühmter als ich.
Netzeitung: Der Ruhm war kein Sprungbrett?
Kaufmann: Ich glaube, was geholfen hat, war die Tatsache, dass ich bereits sechs Bücher zu dem Thema geschrieben habe und mindestens 300.000 Leute diese Bücher gekauft haben. Ich war Pionierin auf dem Gebiet, dass man nicht am Äußeren sondern am Inneren arbeiten muss, damit man sich wohlfühlt.
Netzeitung: Um noch mal auf Uschi Glas zurückzukommen: Wird da der berühmte Name nicht auch zum Fluch? Sie muss wegen des Streits mit der Stiftung Warentest nicht nur um Verkaufszahlen sondern auch um ihren guten Namen fürchten...
Kaufmann: Die Aufregung wird sich bald wieder legen.
Netzeitung: Sie haben einmal gesagt: «Mit 70 werde ich triumphieren, weil ich die Einzige sein werde, die noch Rollen wie Miss Marple spielen kann.» Glauben Sie nicht, dass dieser Wahn der ewigen Jugend, der immer wieder beschworen wird, bald vorbei ist? In Deutschland sind ältere Frauen wie Iris Berben oder Hannelore Elstner bereits erfolgreicher als ihre jungen Kolleginnen, eine britische Kosmetikfirma wirbt gerade mit einem 96-jährigen Model...
Kaufmann: Und das ist wunderbar! Aber ich fühle mich mit verantwortlich für diese Entwicklung. Ich halte mich für eine absolute Vorreiterin. Ich glaube, dass die Zeit des Schönheitswahns langsam vorbei ist, schon deshalb weil die Leute nach den Operationen so schrecklich aussehen.
Netzeitung: Vor allem sehen sie alle irgendwie gleich aus...
Kaufmann: Ich kann die auch nicht mehr unterscheiden. Die müssten Namensschilder tragen. [lacht] Das ist der amerikanische Einfluss, den darf man nicht unterschätzen.
Netzeitung: Wollen Sie eine Vision wagen, wie es weiter geht?
Kaufmann: Ich bin als Kind in den späten 50er Jahren mit diesen ganzen tollen italienischen Stars aufgewachsen: Silvana Mangano, auch Sophia Loren. Diese Frauen hatten Nasolabial-Falten, und sie waren das, was man heute «geil» nennt! Es waren sexy Frauen, mit fruchtigen Mündern, ein bisschen faltig schon, aber weich. Man konnte sich vorstellen, wie gut sie sich anfühlen. Ich glaube es kommt eine Zeit so wie man heute schon bei den jungen Frauen der Popkultur sieht, dass die individuelle Schönheit wieder stark gefragt ist in der es immer mehr schöne, ältere Frauen geben wird. Ohne Botox und alles hochliften.
Netzeitung: Vielleicht gibt es demnächst ein Re-Lifting?
Netzeitung: In Ihrer Zeit in Hollywood Ende der sechziger Jahre haben Sie nicht nur Tony Curtis geheiratet, sie kannten einfach alle Filmgrößen: von Billy Wilder über Ava Gardner bis Jack Lemmon...
Kaufmann: ... und auch Henry Miller. Es war eine wunderbare Zeit, und ich bin sehr froh, dass ich sie als Hausfrau erleben durfte. Nur Hausfrauen konnten das wirklich genießen [lacht].
Netzeitung: Und dann sind Sie plötzlich gegangen und nach Deutschland zurückgekehrt...
Kaufmann: Ja, aber da habe ich ja mit Fassbinder und Werner Schroeter gearbeitet...
Netzeitung: Aber das wussten Sie doch vorher nicht...
Kaufmann: Entweder man geht, ohne zu wissen wohin man geht, oder man bleibt wo man ist. Absicherung gibt es nicht. Das ist bei mir so.
Netzeitung: Haben Sie von Ihrer Zeit in Hollywood für sich etwas mitnehmen können?
Kaufmann: Ich denke, ich habe noch von einem Drachen, der aus dem Zimmer geht, ein paar Schwanzzacken gesehen. Danach war diese Welt verschwunden.
Mit Christine Kaufmann sprach Sophie Albers.

