netzeitung.deAdam Green: «Wer weiß, ob George W. Bush überhaupt existiert»

 Herausgeber: netzeitung.de

Adam Green (Foto: Offizielle Website<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Adam Green
Foto: Offizielle Website
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Angeblich wollen 80 Prozent seiner Fans mit dem 24-jährigen New Yorker Sänger ins Bett. Mit der Netzeitung sprach Adam Green über Buddy Holly, den «Gehirnfick» der Medien und seinen Babysitter.

Netzeitung: In Deutschland sind Sie erfolgreicher als irgendwo sonst auf der Welt. Wie kommt das?

Adam: Ich habe mal einen Journalisten gefragt, und der meinte, es hätte wohl damit zu tun, dass meine Musik die Deutschen an Kurt Weill erinnert und dass meine Großmutter die Verlobte von Franz Kafka war. Und das stimmt wirklich. Aber was das damit zu tun hat, keine Ahnung.

Netzeitung: Finden Sie auch, dass Sie wie Kurt Weill klingen?

Adam: Vielleicht mal hier und da, mir schmeichelt dieser Vergleich durchaus. Aber im Großen und Ganzen finde ich nicht, dass man mich mit Weill vergleichen kann.

Netzeitung: Wie schätzen Sie selbst Ihr Album ein?

Adam: Leicht. Es soll keine Belastung für die Menschen sein, wenn sie es hören. Ich mache keine Musik als Psychotherapie. Die Leute, die meine Musik hören, sollen sich wohl fühlen.

Netzeitung: Und wie fühlen Sie sich beim Schreiben?

Adam: Wohl. Wenn ich singe, habe ich keine Angst vor irgendetwas, dann fühle ich mich sehr stark und unverwundbar. Ich singe so ziemlich jeden Tag, aber ich kann nicht jeden Tag einen Song schreiben. Das dauert bei mir immer lange.

Netzeitung: Wie lange denn?

Adam: Drei Wochen, manchmal länger. Ich schreibe in der Regel nicht mehr als zwei Zeilen pro Tag.

Netzeitung: Damit die Songs perfekt sind?

Adam: «Perfekt» hört sich vielleicht ein bisschen extrem an. Aber ich will mich wohl fühlen mit allen meinen Songs. Ich muss die ja unheimlich oft singen, da sollten sie schon so gut wie möglich sein. Ich will nicht auf der Bühne stehen und mich wie ein Arschloch fühlen, weil Musik und Text vielleicht nicht interessant genug sind für mein Publikum. Es muss alles stimmen, und es darf niemals, niemals langweilig sein! Das ist das Schlimmste: langweilige Lieder. Sie sollen mir nach Möglichkeit ein neues Gefühl geben, das ich vorher nicht kannte. Wenn ein Lied all diese Kategorien erfüllt, nehme ich es in mein Repertoire auf. Der schnellste Song, den ich je geschrieben habe, dauerte fünf Tage.

Netzeitung: Wie kommen Sie auf eine Zeile wie «Her breasts taste just like breakfast» (Ihre Brüste schmecken wie ein Frühstück)?

Adam: Das reimte sich auf «sunk ships».

Netzeitung: Das ist alles?

Adam: Nunja, «Carolina», das Mädchen, nach dem ich den Song benannt habe, hat wirklich zwei außergewöhnlich große Brüste. Die größten die ich kenne. Wahnsinnsbrüste.

Netzeitung: Und haben Sie sie probiert?

Adam: Nein, nein. Sie war die Freundin eines Freundes von mir.

Netzeitung: Schreiben Sie ausschließlich über wirklich existierende Personen?

Adam: Ja, immer. Emily zum Beispiel, von der «Emily» handelt, kam ins Studio, als wir den Song aufnahmen und gab mir einen fetten Kuss.

Netzeitung: Und die «chubby princess» (dicke Prinzessin)?

Adam: Lassen Sie uns lieber über einen anderen Song sprechen.

Netzeitung: Zu Peinlich?

Adam: Die «chubby princess» handelt von meinem Besuch auf der Reeperbahn in Hamburg. Ich hänge dort immer im «Burger King» ab. Vielleicht mache ich dort mal ein Video. Zu blöd, dass wir solche Orte in New York nicht haben.

Netzeitung: Auf Ihrem neuen Album «Gemstones» sind zwar 15 Songs, aber nur 31 Minuten Musik. Warum sind die Stücke immer so kurz?

Adam: Weil das lang genug ist! Mein Kriterium für ein Album ist, dass es mindestens eine halbe Stunde lang sein sollte. Ich will, dass die Leute alle Songs auf einer Platte kennen und einigermaßen zuügig zum Ende kommen. Und mehr als 15 Songs kannst du beim Hören nicht in dich aufnehmen, finde ich. Denn auch wenn sie kurz sind, sind es ja vollständige Songs.

Netzeitung: Aber Warum sind sie so kurz?

Adam: Weil ich nicht am Ende eines Songs dreimal den Refrain wiederhole, so wie alle anderen. Früher waren die Lieder auch nicht länger als zwei Minuten.

Netzeitung: Sehen Sie sich als Songwriter in der Tradition von Leuten wie Buddy Holly, Frank Sinatra oder Elvis?

Adam: Das tue ich, ja. Mich verbindet mit Buddy Holly mehr als mich mit vielen anderen Zeitgenossen verbindet. Er fing mit 19 an, startete in einer Band, sang dann solo und hat meines Wissens keinen einzigen öden Song geschrieben. Ich mag den Kerl. Bloß starb er, als er in meinem Alter war. Ich hoffe, dass ich länger lebe.

Netzeitung: Es heißt, Sie mögen die meisten der aktuellen Bands nicht?

Adam: Das stimmt nicht. Die Strokes oder die Libertines, das sind geile Bands. Mit den Strokes bin ich auch befreundet. Ich komme aus der New Yorker Folkszene, bloß kennt niemand all die fantastischen New Yorker Folkbands, warum auch immer. Und HipHop finde ich gut, aber nur die alten Sachen. Kool Keith und so.

Netzeitung: Wollten Sie immer schon Popstar sein oder hätte es gereicht, in kleinen Bars und Cafés zu singen?

Adam: Zumindest habe ich nicht mit diesem Maß an Aufmerksamkeit gerechnet. Aber Erfolg ist gut. Ich akzeptiere, dass ich nun wegen meiner Arbeit prominent bin, das ist in Ordnung. Berühmt zu sein, weil ich zufällig der Gewinner der Lotterie wäre, das würde mich nicht interessieren.

Netzeitung: «Jessica» ist eine Art Ode an Jessica Simpson, die Popsängerin und Reality-TV-Darstellerin...

Adam: Naja, Jessica ist nicht so grandios wie Mick Jagger oder Martin Scorsese, aber irgendwie macht die ja auch eine anständige Arbeit. Ich verdamme so eine Karriere nicht.

Netzeitung: Kommen die Leute zu Ihren Konzerten, weil sie die Musik mögen oder weil als «niedlich» gelten?

Adam: [zögert] Ich bin ein sexy Typ, was soll ich sagen.

Netzeitung: Also kommen viele Mädchen?

Adam: Ja, die kommen. Und stehen dann meistens vorne. Ist doch ein netter Anblick. Aber ich habe eine kleine Lady daheim, die vermisse ich ganz schrecklich.

Netzeitung: In «Choke on a cock» (Erstick' an einem Schwanz) singen Sie über George Bush...

Adam: Im wesentlichen geht es um die Medien. Die gesamte Idee der Massenmedien ist ein Konzept, an das wir uns noch nicht wirklich angepasst haben, weil es erst seit einigen Jahrzehnten existiert. Der Mensch kann schon unterscheiden zwischen Dingen, die wahr sind und solchen, die gelogen sind, aber die Medien sind ein «Gehirnfick», soviel ist mal klar. Wer weiß, ob Bush oder meinetwegen auch Johnny Depp überhaupt existieren. Ich kenne niemanden, der den einen oder anderen schon mal gesehen oder gesprochen hat. Wenn Johnny mich anruft, nehme ich alles zurück.

Netzeitung: Verglichen mit «Friends of mine» ist das neue Album mehr bandorientiert, die Streicher sind auch weg. Wie kommt das?

Adam: Meine Band ist dieselbe seit knapp zwei Jahren. Das sind ausgezeichnete Musiker, und die meisten der Songs habe ich auf Tour geschrieben. Wir haben die direkt immer geübt, und wenn sie fertig waren, haben wir sie abends ins Programm eingebaut. Das war eine tolle Sache. Die Leute fragten sogar schon nach den neuen Songs, obwohl die Platte noch gar nicht aufgenommen war. Als wir «Gemstones» dann aufnahmen, hatten wir alle Songs schon unterwegs gespielt. Und ich hatte ordentlich Selbstbewusstsein, weil ich schon wusste, dass die Songs gut ankamen. Wir haben das alles in einer Woche aufgenommen. Im Studio habe ich besonders oft an Jacques Brel gedacht, an seinen Song «Bruxelles» [singt]. Oder an Lou Reed. Diese Rhythmen auf meiner Platte sind manchmal schon ziemlich komplext [grinst}].

Netzeitung: Sie waren sehr jung, als Sie angefangen haben. Mit 13 haben Sie das Duo Moldy Peaches gegründet. Ziemlich früh...

Adam: Nö, ich wollte Sänger sein, seit ich zwölf bin. Mein Bruder hat mich zu Hause unterrichtet, bis ich 13 war. Meine Eltern wollten nicht, dass ich zur Schule ging, die meinten, das wäre schädlich. Mein Bruder brachte mir also viele Instrumente bei, Klavier, Tuba. Wir spielten klassische Musik von Beethoven oder Strauss. So mit zwölf kam ich drauf, dass zu Musik mehr gehört, als Notenblätter nachzuspielen. Ich lernte Gitarre und wollte meine eigenen Lieder machen. Dann mit 13 bin ich auf eine richtige Highschool gegangen, weil ich das unbedingt wollte.

Netzeitung: Und wie war das nach all den schullosen Jahren?

Adam: Es war sehr komisch. Ich freundete mich mit den ganzen schrägen Vögeln an, zum Beispiel mit einem Drogendealer, der mir immer Indierock mitbrachte, wie Bikini Kill oder Beck. Ich wollte aber trotztdem etwas anderes machen als das. Ich fand meine Richtung so einigermaßen, als ich begann, in einem Plattenladen zu arbeiten. Dort brachten die Typen mir bei, was in den Sechzigern so passiert ist, und ich begann, mich für Folkmusik zu begeistern. Zu meinem 14. Geburstag bekam ich Dutzende von alten Folkplatten geschenkt und drehte fast durch vor Freude. Dann haben meine Babysitterin und Freundin Kimya und ich eine Band gegründet.

Netzeitung: Sie war 21... war das nicht seltsam?

Adam: Das kann man wohl sagen! Von Kimya habe ich all das gelernt, was mir meine Eltern nie beigebracht haben. Es lief auch ganz gut, ich spielte nebenbei in New York in U-Bahn-Stationen und verdiente einigermaßen Geld. Ich lernte Leute kennen aus der Anti-Folk-Szene, spielte meine ersten richtigen Konzerte und wusste: Das will ich jetzt immer machen!

Mit Adam Green sprach Steffen Rüth.