Björk: «Ich umarme keine Bäume»
Netzeitung: Wieso ist «Medulla» ein A-capella-Album geworden?
Netzeitung: Wie kommt das?
Björk: Ein Mensch, der 38 Jahre alt ist, bietet ein farbenreicheres Spektrum als jemand, der 28 ist. Speziell beim Musikmachen merke ich das. Ich kann heute viel mehr als vor zehn Jahren und bin viel selbstsicherer. Wenn ich ein Gemälde wäre, dann hätte ich mehr Farbschichten bekommen. Außerdem habe ich im vergangenen Jahr mein zweites Kind bekommen. Isadora ist jetzt 14 Monate alt.
Netzeitung: Verstehen sich die alten und die jungen Menschen in Island gut?
Björk: Natürlich tun sie das. Ohne alte Menschen gäbe es junge Menschen gar nicht. Eine ungewöhnliche Frage. Wie kommen Sie darauf?
Netzeitung: Bei uns finden die jungen Leute oft, dass die Alten auf ihre Kosten leben. Die Alten wiederum denken, die Jungen wollten ihnen alles wegnehmen, was sie erarbeitet haben.
Björk: Hm. Seltsam. Nein, solche Probleme kennen wir in Island nicht. Bei uns steigt die Wertschätzung für die Menschen, wenn sie älter werden. Besonders für Künstler. Wir haben zum Beispiel viele Literaten, das sind Islands größte Helden. Von denen würde niemand Wunderdinge erwarten, wenn sie 20 sind. Um ein großartiges Buch zu schreiben, musst du gelebt und erlebt haben. Mit 40 werden sie dann langsam gut. Und die Superautoren, die wachsen zwischen 40 und 60 über sich hinaus und werden unsterblich.
Netzeitung: Lernen in Island die Jungen von den Alten?
Björk: Das weiß ich gar nicht. Aber ich glaube, dass in Island die Evolution von modernen, europäischen Werten vielleicht zehn oder 20 Jahre hinter dem Rest des Kontinents her hinkt. Bei uns wird noch viel stärker Wert gelegt auf stabile, familiäre Beziehungen. Die Familien oder auch ganze Sippen halten stärker zusammen. Familienwerte sind nicht uncool. Sondern etwas Großartiges.
Netzeitung: Wann haben Sie zum letzten Mal Ihre Eltern besucht?
Björk: Oh, vor zwei Wochen. Meine Großeltern haben ihre Diamantene Hochzeit gefeiert.
Netzeitung: Das heißt?
Björk: Sie sind seit 60 Jahren miteinander verheiratet. Wahnsinn, oder? Jedenfalls sind wir alle, die komplette Familie, zusammengekommen, um auf dem Land bei Opa und Oma zu feiern.
Netzeitung: Wie sah das aus?
Netzeitung: Sie haben bei Ihren Großeltern gecampt?
Björk: Ganz genau. Zelten macht total Spaß.
Netzeitung: Machen Sie das öfter?
Björk: Als Teenager fast jedes Wochenende. Heutzutage nur noch manchmal. Vor Jahren habe ich mal eine Weile in Manhattan auf dem Dach gewohnt. Also ich hatte meine Wohnung in einem dieser Hochäuser, aber gut schlafen konnte ich da nicht. Also habe ich mein Zelt auf dem Dach aufgebaut. Und konnte super schlafen.
Netzeitung: Wieviel bedeutet Ihnen Natur?
Björk: Wahnsinnig viel. Im Grunde ist doch alles Natur, was sich im Leben abspielt. Ich bin eine sehr aktive Person, ich tue oft Dinge oder verliebe mich und stelle dann erst im Nachhinein fest, wie aufregend das alles ist. Aber ich bin auch unvorhersehbar. Ich würde niemals zu einer Beziehung sagen, dass sie nun «für immer» bestehen wird. Auf die Idee käme ich niemals. Und warum? Weil die Natur zu komplex für ein «für immer» ist. Du kannst ja auch nicht sagen, dass Berlin für immer bestehen wird. Vielleicht kommt bald eine Flutwelle, und die Stadt ist futsch.
Netzeitung: Ist Unvorhersehbarkeit gut oder schlecht?
Björk: Gut natürlich! Ich glaube nicht an Gott, ich bin Atheistin. Aber die Natur ist meine Religion. Sie ist tausendmal stärker als ich, also muss ich mich ihr unterwerfen. Etwas komplett anderes ist es, sich anderen Menschen zu unterwerfen. Das lehne ich ab. Ich will genausowenig, dass sich jemand mir unterordnet.
Netzeitung: Waren Sie schon immer so intim mit der Natur?
Netzeitung: Auf «Medulla» werden Sie von mehreren Chören unterstützt. Sie haben früher selbst im Chor gesungen...
Björk: Kurz. Ich habe mal die Matthäuspassion gesungen, von Bach. Da haben wir drei Monate lang ständig geübt und schließlich vor 1000 Leuten in der Kirche in Rejkjavik gesungen. Ein paar typisch isländische Folksongs haben wir auch im Programm gehabt.
Netzeitung: Warum haben sie aufgehört? Weil Sie lieber wild sein wollten? Sie waren kaum volljährig, als die Sugarcubes gegründet wurden. Und die waren eine ziemlich wilde Punkband
Björk: Nein, ich war auch ein liebes, anständiges Mädchen. Ich bin sehr gut erzogen worden und war nie zickiger als die anderen Kinder. Sag' ich jetzt mal.
Netzeitung: Aber brave Mädchen gründen keine Rockbands?
Björk: Quatsch, natürlich tun sie das. Sofern sie sich für Musik interessieren. Ich wollte mit anderen Kindern rumhängen, die genauso fasziniert vom Musikmachen waren wie ich selbst. Um Jungs oder Drogen ging es mir dabei überhaupt nicht. Die Chorbande hat nicht ihre eigenen Songs geschrieben. Mich aber machte das an, ich fand das ungeheuer romantisch, mit vier Leuten in einem Zimmer zu sitzen, Musik zu machen und Ideen für richtige, eigene Lieder zu haben. Ich war ja zehn Jahre lang in der Musikschule, da haben wir immer nur alte Musik nachgespielt und nachgesungen. Das fand ich langweilig. Ich wollte meine eigene Musik machen.
Netzeitung: Was heißt «Medulla» eigentlich?
Björk: Das ist Latein und steht für «Mark» wie in «Knochen- oder Rückenmark. In Pflanzen gibt es das auch, dieses weiche Zeug in der Mitte, im Stengel. Das ist der Mittelpunkt von Wesen, die am Leben sind.
Netzeitung: Und was hat das mit Ihrer Musik zu tun?
Björk: Ich wollte mich mal in Richtung der Wurzeln allen Lebens bewegen. Wissen Sie, bevor es Religion gab, bevor es Politik gab, als alles noch sehr urwüchsig und roh war. Dieser Urzustand, dieses Reine, Unverfälschte, Primitive, das hat mich immer schon fasziniert.
Netzeitung: Interessieren Sie sich für Politik?
Björk: Ich lese die Zeitung. Aber das ist keine gute Idee, man regt sich doch nur auf. Musik ist viel wichtiger. In einem Raum zu sein und gemeinsam zu singen, das ist so ein schönes Erlebnis. Was wollen die Politiker denn? Die haben viel zu viel Einfluss auf uns Menschen. Wir sollten uns doch nicht von diesen komischen Politikern sagen lassen, wie wir unser Leben zu führen haben. Die Berge, die Liebe, die Natur, unsere Freunde und Familien darum geht es im Leben. Wir sollten uns viel viel mehr nach den Gesetzen richten, die die Natur für uns aufgestellt hat. Wir müssen diesen Planeten und alle seine Bewohner sehr viel stärker respektieren. Aber davon hörst du in der Politik ja nichts.
Netzeitung: In «Triumph of the Heart» singen Sie über Adern und Venen und unterschiedliche Körperteile..?
Björk: Es regt mich irrsinnig an, darüber nachzudenken, wie zum Beispiel unser Gehirn funktioniert. Ich würde so gerne mehr über das Gehirn wissen, was es antreibt, wie es tickt. Da bin ich sehr neugierig. Aber ich lese keine Medizinlexika. Ich glaube, diese Begeisterung für den Körper kommt daher, dass ich schwanger war. Wenn du ein Kind kriegst, dann passieren 59 Wunder an einem Tag und du weißt überhaupt nicht, was da überhaupt abgeht. Über diese Prozesse im Körper würde ich gerne mehr wissen. Unser Körper ist schon ein unfassbares Geschenk. Und das Schöne ist, er führt sein Eigenleben. Wir können da kaum was dran machen, der Körper tut, was er für richtig hält.
Netzeitung: Wohnen Sie wieder in Island?
Björk: Ich bin nie wirklich weggegangen...
Netzeitung: ...aber es heißt, sie leben mal in New York, mal in London...
Björk: Schon, aber ungefähr die Hälfte der Zeit bin ich in Island geblieben. Vergangenes Jahr war ich sieben Monate in Island, fünf in New York. Ich liebe beides.
Netzeitung: Wie muss man sich einen Familientag im Hause Björk vorstellen?
Björk: Stinknormal. Echt. Wie bei jedem anderen Paar, jeder anderen kleinen Familie. Wir kochen, arbeiten ein bisschen, gucken Fernsehen oder lieben uns.
Netzeitung: Wie lange sind Sie nun schon mit dem Künstler Matthew Barney zusammen?
Björk: Seit viereinhalb Jahren. Aber das ist echt nicht spektakulär. Im Moment kriegen wir halt weniger Schlaf als sonst, aber da verzichtest du gerne drauf, wenn so ein kleines menschliches Lebewesen Hunger oder Durst hat.
Netzeitung: Ist «Medulla» direkt von Ihrer Schwangerschaft inspiriert?
Björk: Nein, das nicht. Es ist von einer Menge Dinge inspiriert, von meinem Leben halt.
Netzeitung: Die Texte sind schwer zu verstehen, ist das Absicht?
Björk: Tja, vielleicht sind Sie nicht helle genug [lacht]. Für mich sind die Texte und auch die Melodien relativ eindeutig und zugänglich. Ich will ja durchaus verstanden werden. Wenn dem nicht so wäre, würde ich meine Lieder in einem Leuchtturm in Island singen, dort, wo mich unter Garantie niemand hört. Aber ich will CDs machen, und ich reise, und ich singe in Englisch. Ich will verstanden werden.
Netzeitung: Viele denken, Island wäre ein besserer, exotischer Ort mit etwas liebenswert-verschrobenen Bewohnern...
Netzeitung: Fühlen Sie sich für Elfen-Fragen persönlich verantwortlich?
Björk: Ich habe noch nie in meinem Leben eine Elfe gesehen. Und ich rede auch nicht mit Bäumen. Ich habe keine Ahnung. Vor allem englische Journalisten quetschen mich dauernd nach diesem Elfen-Unsinn aus. Ich meine, wer hat denn bitteschön den «Herrn der Ringe» geschrieben? Ein Isländer war es jedenfalls nicht. Ich denke, die Leute projizieren ihre Träume auf uns. Ein Kompliment ist das wohl, wenn auch ein ziemlich absonderliches.
Netzeitung: Mike Patton, der frühere Sänger von Faith No More, singt auf «Medulla» mit. Wie kommt das?
Björk: An sich stehe ich nicht unbedingt auf Rockmusik, mein Freund hatte die Idee mit Mike, der liebt Death Metal. Aber er ist nur ein Fan, kein Musiker. Also hat er mich mit Fantomas bekanntgemacht, das ist Mikes neue Band, eine sauharte Metalband. Hööörrgghhhfäää machen die immer. Das ist schon sehr speziell. Ich dachte 'Vielleicht mag er bei mir singen'. Er mochte. Und singt mit ganz sanfter Stimme.
Netzeitung: Ist eine 'Medulla'-Tour geplant?
Björk: Ach, ich glaub nicht. Keine Lust. Ich war ja gerade mit den Greatest Hits auf Tour, jetzt will ich warten, bis ich noch mehr neue Lieder habe. Wenn ich schon wieder all die alten singen muss, langweile ich mich auf der Bühne.
Mit Björk sprach Steffen Rüth.

