Shooting-Star Milow im Interview:
«Ich habe einfach alles auf eine Karte gesetzt»
Netzeitung: Die 50-Cent-Coverversion «Ayo technology» ist gerade sehr erfolgreich. Stört Sie die Brutalität und das Pornografische in dem Lied nicht? Geht Ihnen das «she is always ready, when you want it» im Gegensatz zu Ihren reflektierten eigenen Stücken - leicht von den Lippen?
Er ist über Voyeurismus und Cybersex und ich habe keine Lust, mich auf das klassische Singer-Songwriter-Répertoire zu beschränken. 50 Cent und ich bilden extreme Gegensätze. Niemand würde uns jemals miteinander in Verbindung bringen und plötzlich fallen unsere Namen andauernd in einem Satz.
Netzeitung: Hat 50 Cent sich schon bei Ihnen gemeldet?
Milow: Bisher noch nicht. Das Youtube-Video hat aber inzwischen Zehn Millionen Klicks und das kann ihm nicht entgehen. Vielleicht findet er es auch blöd, dass ich es gecovert habe. Aber ich finde es gut, dass im Jahre 2009 alles möglich ist und dass man zwei so unterschiedliche Genres einfach mischen kann und es kommt was komplett Neues dabei raus und neue Ebenen werden sichtbar und die Leute entdecken neue Bedeutungen in dem Lied.
Milow: Ja, sobald du eine akustische Gitarre in der Hand hältst, denken die Leute, du singst ernste oder Liebeslieder. Ich spiele das Stück zur Primetime im Fernsehen und keiner schnallt, was ich da gerade von mir gebe. Keiner reagiert. Die Verwirrung gefällt mir. Die Zuhörer kommen nicht auf die Idee, dass ich in dem Moment etwas Pornografisches spiele. Ich muss eigentlich lachen, wenn ich «I'll be in this bitch until the club close ...» singe.
Netzeitung: Wieso nennen Sie sich Milow?
Milow: Der Name bedeutet nichts Besonderes. Ich hab ihn Ende 2003 ausgesucht und wollte ihn nicht andauernd ändern. Mein richtiger Name ist Jonathan Vandenbroeck und das kann sich ja kein Mensch merken. Außerdem wollte ich eine Grenze zwischen Künstler und Privatperson. Es sieht nicht aus, wenn du alle drei Tage deinen Namen änderst und ich mag den Namen immer noch: Milow.
Netzeitung: Ist Jonathan anders als Milow?
Milow: Ja, Jonathan ist viel netter. (lacht) Ich mache Musik, weil ich Musik liebe und die romantische Idee habe, viele Leute gleichzeitig zu erreichen und sie den Alltag vergessen zu lassen. Ich mache Musik nicht um ein Star zu sein. Ich möchte nicht, dass jemand mein Gesicht sieht und sagt 'Hey, das ist ja der sowieso', sondern ich möchte, dass sie meine Musik toll finden. Die Person dahinter muss ein Geheimnis bleiben.
Milow: Das war keine bewusste Entscheidung. Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, ernsthaft Musik zu machen wollte keiner mit mir arbeiten. Es gab kein Label, deshalb hab ich mein eigenes gegründet. Es gab keinen Manager, deshalb wurde ich mein eigener Manager.
Am Anfang war das eine ganz schöne Achterbahnfahrt mit vielen Höhen und vor allem Tiefen. Aber dann wurde ich immer besser in diesen Business-Angelegenheiten und jetzt bleibe ich mein Boss, weil ich eine Art «Control Freak» bin. Ich mag es, die verschiedenen Bereiche selbst zu bestimmen.
Netzeitung: Und wie fühlt sich das an, dass sich plötzlich die Großen der Branche auf Sie stürzen?
Milow: Das ist immer noch unglaublich. Ich habe sechs Monate lang E-Mails an sämtliche Labeles geschickt und es hat sich nicht mal jemand die Mühe gemacht zu antworten. Die haben gedacht, es wäre Spam: «Hello, I am a Singersongwriter from Belgium ...» Sie haben mir offensichtlich nicht geglaubt und als ich dann den Nr. 1-Hit in Holland hatte, kamen die Anrufe. Auch zwei große deutsche Labeles waren interessiert und ich dachte 'wieso nicht?'
Netzeitung: Sind Sie glücklich, dass Ihre Anliegen inzwischen nicht mehr wie Spam behandelt werden?
Milow: Ich genieße es mit Vorsicht. Ich bin von Natur aus skeptisch. Ich glaube etwas erst, wenn ich es erlebe. Es gibt so viele Künstler, von denen Singles veröffentlicht werden, und dann verschwinden sie wieder in der Versenkung. Aber allein schon, was bis jetzt passiert ist, ist mehr, als ich jemals erwartet habe.
Milow: Das kann alles sein. Ich versuche mich da nicht zu beschneiden. Ein Song hat immer eine Länge zwischen drei und acht Minuten und das, was da rein passt, ist begrenzt. Aber ich versuche immer noch neue Ansätze zu finden. Es können wahre Begebenheiten sein. Etwas, das mir passiert ist, etwas, das einem Freund oder einer Freundin passiert ist. Manchmal versuche ich eine besondere Drehung rein zu bringen, in dem ich die Geschichte erzähle, als wäre sie jemandem anders passiert, aber in Wahrheit ist sie mir passiert. Es sind schon so viele Lieder geschrieben worden. Ich versuche welche zu schreiben, die neu sind. Aus einer Perspektive, die neu ist.
Netzeitung: Wann haben Sie Ihr erstes Lied geschrieben?
Milow: Da war ich fünfzehn. Es hieß «Shootingstar» und war sehr langweilig. Es gibt einen so genannten 'Song-Writing-Muskel' den musst du erst trainieren. Das erste Lied ist nicht gut, weil der Muskel noch nicht trainiert ist. Aber je mehr du ihn trainierst, desto besser werden die Lieder. Ich habe mehrere Jahre gebraucht um gut darin zu werden, Lieder zu schreiben. Es hat fünf Jahre gedauert, bis ich mein erstes richtig gutes Stück geschrieben habe.
Netzeitung: Als ich Ihre Platte gehört habe...
Milow: Mochten Sie sie?
Netzeitung: Ja.
Netzeitung: ... hab ich mich gefragt: wieso träumt jemand ausgerechnet von Kanada?
Milow: Das Lied ist nicht über mich. Ich singe zwar die ganze Zeit 'ich' und 'Ich werde nach Kanada ziehen', aber ich will gar nicht nach Kanada ziehen. Aber wenn du so was singst, ist klar, dass du nicht aus den USA oder Kanada kommst. Und ich wollte ein Album aus der Perspektive eines Europäers schreiben. Ich bin auch kein Brite, ich bin Mitteleuropäer und ich finde, das Lied ist eine coole Art, mich zu meinen Wurzeln zu bekennen, auch wenn ich von amerikanischen Singer-Songwritern inspiriert bin. Und zweitens gibt's schon so irre viele Lieder über Amerika und Kanada ist viel uncooler. Das find ich gut.
Netzeitung: Sie sagen, Ihre Generation will alles unter Kontrolle haben. Wie meinen Sie das?
Ich hab das Lied geschrieben, als ich 23 Jahre alt war und es war einfach mein Versuch, etwas Allgemeingültiges über meine Generation zu sagen. Am Anfang hast du große Hoffnungen und Enthusiasmus und nach und nach gehst du Kompromisse ein. Ich bewerte das nicht, ich beobachte das nur.
Heute scheinen bereits die 20-Jährigen einen genauen Karriereplan zu haben, machen in jeden Semesterferien ein Praktikum in einem anderen Konzern statt einen anderen Kontinent zu bereisen. Machen sie das aus Angst? Mir persönlich ist die Lebensqualität wichtiger als der Gehaltscheck. Aber es stimmt: Viele aus meiner Generation konzentrieren sich nur auf ihre Karriere.
Netzeitung: Lässt der Wunsch nach Kontrolle keinen Raum für Träume?
Netzeitung: Haben Sie alles auf eine Karte gesetzt oder haben Sie etwas anderes studiert?
Milow: Ich habe einen Uni-Abschluss. Aber für mich war das Studium eher eine Ausrede, um in Ruhe meine Musik machen zu können. So lange, wie ich studiert habe, hat keiner genervt. Und dann hatte ich das Glück, relativ bald nach dem Studium von meiner Musik leben zu können. Das hat auch funktioniert, weil ich mein eigenes Label hatte. Am Anfang hab ich wenig verdient, aber weil ich mein eigener Boss war, musste ich das Geld mit niemandem teilen. Ich hatte keinen Plan B. Ich hab alles auf eine Karte gesetzt.
Mit Milow sprach Monika Wesseling. Seine Chancen, so erfolgreich zu werden, wie sein Idol Bruce Springsteen, stünden nicht schlecht, sagt sie. Immerhin: Am 31. Mai wird er beim PinkPop Festival in den Niederlanden gleich nach ihm auf der Bühne stehen.

