In den 90ern wurde er als androgyner Frontmann von Suede zur Gallionsfigur des Britpop. Nun legt Brett Anderson sein zweites Soloalbum vor. Julia Wilczok sprach mit ihm über seine Rockstar-Vergangenheit, Kontrolle und die Regeln des Musikbiz.
Dieser Teppich! Ein fleckig-verfilzter Pop-Art-Alptraum in einem Berliner Hotel, sicherlich ein Relikt der neunziger Jahre, verdirbt nicht nur einer an Extremsituationen gewöhnten Journalistin die Laune, sondern auch Brett Anderson (hochgewachsen, sehr schlank und mit diesem dandyhaft federnden Gang). Gut, der Mann ist Künstler und darf ruhig empfindlich auf diese Beleidung seines sensiblen Geschmacksempfindens reagieren. In diesem Fall kann es ihm aber wirklich niemand verübeln, denn der Ekel-Radar dürfte hier auch bei Ästhetik-Autisten ausschlagen. Angewidert nimmt Anderson auf der (ebenfalls schlechten) Kopie eines Bauhaus-Klassikers Platz - der denkbar undankbarste Start für ein Interview.
Dabei hätte der einstige Sänger der Britpop-Band Suede doch allen Grund zur Euphorie - gerade hat er sein zweites Soloalbum «Wilderness» veröffentlicht, und das ist wirklich zu 100 Prozent Brett Anderson.
Netzeitung:Mr. Anderson, die Auflösung von Suede liegt nun fünf Jahre zurück. Werden Sie nicht sentimental, wenn Sie an die alten Britpop-Tage zurückdenken?
Anderson: Ob ich so etwas wie Nostalgie spüre? Nein. Ich finde auch nicht, dass es solo besser wäre. Es ist einfach anders. Ich bin stolz auf das, was ich damals gemacht habe, auch wenn ich heute finde, dass ich einige Dinge besser hätte machen können. Ich würde mich aber auf keinen Fall in eine Zeitmaschine setzen, um ins Jahr 1996 zurückzukehren. Man kann nicht immer in der Vergangenheit leben.
Netzeitung:Hören Sie sich die alten Suede-Songs noch mal an?
Anderson: Ich höre sie natürlich nicht ständig, aber sie sind auf meinem iPod.
Netzeitung:Seit Sie solo unterwegs sind, rackern Sie sich häufig an Setlisten von 25 oder mehr Songs ab. Andere Musiker verlassen nach 45 Minuten die Bühne. Wieso verausgaben Sie sich so?
Anderson: Zu Suede-Zeiten haben wir das auch manchmal gemacht. Aber ich kann inzwischen auf ein Repertoire aus neun Alben zurückgreifen. Die alten und die neuen Sachen. Wenn ich die Setliste schreibe, denke ich immer, «das kann ich nicht rauslassen, dieses und jenes hier aber auch nicht». Ich habe viele Songs geschrieben auf die ich sehr stolz bin, also will ich sie auch spielen.
Netzeitung:Ihre Texte wirken sehr intim. Wie persönlich sind sie denn?
Anderson: Meine Lyrics waren schon immer sehr persönlich. Ich schreibe auch nur selten aus der dritten Person. Das persönliche an meinem neuen Album ist jedoch, das ich alles selbst gemacht habe. Da stecken meine Tränen drin, mein Schweiß und mein Blut. Ich habe die Songs geschrieben, ich habe die Instrumente eingespielt und das Artwork entworfen. Das ist alles meins und nicht ich, der zur Musik einer Band singt. Es ist die kreativste Erfahrung, die ich je gemacht habe.
Netzeitung:Sie haben das Artwork selbst entworfen - kommen da neue künstlerische Ambitionen ans Tageslicht?
Anderson: Vielleicht schon. In letzter Zeit habe ich ein bisschen gezeichnet und ich liebe einfach Kunst an sich. Anstelle des Cover-Fotos hatte ich ursprünglich vor, mich selbst zu porträtieren – dann hätte ich wirklich alles selbst gemacht. Diese Idee habe ich dann aber doch verworfen.
Netzeitung:Klingt, als wären Sie ein Perfektionist.
Foto statt Selbstporträt: Das Album-Cover von 'Wilderness'
Foto: PR
Anderson: So habe ich das noch nie gesehen, aber ich mag es einfach, die Dinge richtig zu machen. Um ein Album aufzunehmen, muss man sich schließlich fallen lassen, man muss auf seinen Instinkt hören und das Unterbewusstsein das Steuer übernehmen lassen. Es ist eine unbeherrschbare Gewalt, vielleicht vergleichbar mit dem Urschrei. Auf der anderen Seite braucht man natürlich auch eine Menge Disziplin. Und man muss einfach wissen, wann es genug ist, sonst versinkt das Werk an der Fülle der eigenen Ideen. Ich habe «Wilderness» in sieben Tagen aufgenommen. Ein Perfektionist arbeitet drei bis vier Jahre an einem Album. Andere Menschen sind also besessener als ich.
Netzeitung:Gut, aber ein bisschen Kontrollfreak sind Sie schon, oder?
Anderson: Das stimmt. Aber bei dieser Platte ging es ja auch darum, dass ich alleine die Kontrolle über alles habe.
Netzeitung:Was bedeutet Ihnen der Titel?
Anderson: Erst wollte ich das Album unbetitelt lassen, aber das wäre nicht schlau in unserer modernen Welt. Zum Beispiel im Index bei iTunes, da stünde dann «Brett Anderson – Brett Anderson», das wollte ich nicht. Obwohl mir die Idee, auf einen Titel zu verzichten an sich sehr gefällt, weil man so ein klein wenig gegen die Regeln des Musik-Business verstoßen kann. [verstellt die Stimme] «Hier ist mein Album mit seinem albernen Titel und hier ist mein Foto und hier ist mein Interview.» So nach dem Motto, «hier ist meine ordentliche kleine Hausarbeit, bitte geben Sie mir sieben von zehn Punkten». [seufzt] Das alles macht mich einfach fertig, daher war dieses Soloalbum ein schönes persönliches Statement für mich. Alles alleine zu machen, ohne das gewöhnliche Theater.
Aber zurück zum Titel... «Wilderness» beschreibt mich in einer Art Isolation, aber mir gefällt auch die emotionale Bedeutung des Wortes. Schöne, unberührte Natur und ein schönes Album. Erst hatte ich mir einen anderen Titel überlegt, «This Is The Sound of My Heart Beating».
Netzeitung:Doch auch so scheint das Album eine Herzensangelegenheit - In fast all Ihren Songs geht es um Liebe. Haben Sie da Verarbeitungsbedarf?
Anderson: Ich bin ja kein Schauspieler. Ich muss nicht an meinen toten Hasen denken, um mich in Stimmung zu bringen, einen Song zu schreiben. Der Song selbst ist für mich Motivation genug, so kann ich es vielleicht am besten erklären. Natürlich geht es auch darum, in meiner Musik Erfahrungen zu verarbeiten. Man erlebt Dinge so wieder und wieder, das ist schon heilsam. Musik ist schließlich eine emotionale Gewalt!
Netzeitung:Einer Ihrer älteren Songs heißt «Love Is Dead». Haben Sie auch schon mal mit der Liebe abgeschlossen?
Anderson: Oh ja, viele Male. Auch wenn es in dem Song seltsamerweise um die allgemeine Einsamkeit im Leben geht. Das Universum behandelt die Menschen nicht immer fair. Die Welt ist ein kalter und verlassener Ort.
Netzeitung:Wo wir wieder bei der Isolation wären. Können Sie sich denn vorstellen, mal wieder ein Album mit einer Band aufzunehmen?
Anderson: Absolut. Ich weiß zwar nicht wann und mit welcher Band, aber das werde ich auf jeden Fall tun. Vielleicht auch ein weiteres Soloalbum mit Kollaborationen. Bevor irgendwas fest ist, will ich aber noch keine Namen nennen.
Netzeitung:Klassische Musik nimmt einen großen Einfluss auf Ihre Solo-Arbeit. Könnten Sie sich vorstellen, selbst in dieses Genre einzusteigen?
Anderson: Hm, ich bin ja kein klassischer Musiker. Man muss sich immer neue Herausforderungen suchen, aber wenn ich versuchen würde in den Klassik-Sektor einzusteigen, wäre das wohl ein großer Fehler. Ich werde mich natürlich weiterhin von ihr inspirieren lassen und klassische Einflüsse verwenden. Doch keine Angst, ich werde nicht plötzlich zu einem Nigel Kennedy. [lacht] Das wäre überhaupt nicht klug!
Netzeitung:Sie geben häufig Konzerte in Kirchen. Sind Sie eigentlich ein religiöser Mensch?
Brett Anderson: Technisch gesehen nicht. Ich verfolge keine religiöse Doktrin, wenn Sie das meinen. Doch ich denke, dass Spiritualität in der Natur des Menschen liegt. Selbst Atheisten brauchen bestimmte Prinzipien, auch sie sind auf der Suche nach dem Sinn – wenn auch in einem gottlosen Universum. Die Leute brauchen den Glauben daran, dass etwas Höheres über unserer irdischen Existenz steht. Etwas, das größer ist als sie selbst. Ob das nun Gott ist oder die Natur - oder bei manchen Menschen nur eine Fußballmannschaft.