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Karoline Herfurth im Interview: 

«Ich hatte wirklich Todesängste»

14. Nov 2008 09:19
Karoline Herfurth
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In Caroline Links «Im Winter ein Jahr» spielt Karoline Herfurth ihre bislang anspruchsvollste Rolle. Julia Wilczok sprach mit der Schauspielerin über Herausforderungen, Nacktszenen und sportliche Rollen.

Vom «Spiegel» bis zur «Bild»-Zeitung wird Karoline Herfurth zurzeit als Wunderkind des deutschen Kinos gefeiert. In der Tat scheint es, als habe die Berlinerin bislang karrieretechnisch alles richtig gemacht: Die Rolle des Mirabellen-Mädchens in der Kinoadaption von Patrick Süßkinds «Das Parfüm» verhalf ihr zum Durchbruch und ebnete der 24-Jährigen noch dazu den Weg zu internationalen Produktionen. Gerade stand sie für Bernhard Schlinks Bestseller-Verfilmung «Der Vorleser» neben Kate Winslet und Ralph Fiennes vor der Kamera.

Was sie jedoch nicht daran hindert, auch weiterhin in deutschen Produktionen zu brillieren: Aktuell ist Herfurth in Caroline Links Kinofilm «Im Winter ein Jahr» zu sehen. In dem Familiendrama spielt sie die junge Tanzstudentin Lilli, die durch den plötzlichen Tod des Bruders aus der Bahn geworfen wird. Ein physischer wie psychischer Drahtseilakt für Herfurth, und somit die bisher wohl anspruchsvollste Rolle für die 24-Jährige Absolventin der renommierten Schauspielschule Ernst Busch.

Netzeitung: Wie haben Sie Zugang zu der Figur der Lilli gefunden? Brauchten Sie eine Art Schlüssel?

Herfurth: Die Figur war anders als alle, die ich vorher gespielt habe. Auch weil sie für mich schon lange vor den Dreharbeiten präsent war. Ich habe im Dezember gewusst, dass ich die Lilli spielen werde und im Juni haben wir angefangen zu drehen. Ich hatte also seit Februar mit dem Thema Tod zu kämpfen, mit Verlust- und Todesängsten. Das hat mich unglaublich eingeholt und ich musste immer versuchen, das ein bisschen von mir wegzuhalten.

Dadurch habe ich noch einmal ganz anders gelernt, schauspielerisch umzugehen - mit der Trennung von mir als Person und der Psyche einer Figur. Ich habe gar keinen Schlüssel gebraucht, um in die Rolle reinzugehen, sondern eher einen, um wieder rauszugehen. Die Figur war für mich so schlüssig in der Entwicklung, dass ich das Gefühl hatte, alles genau verstanden zu haben. Diese Einsamkeit, die Lilli nach dem Tod des Bruders erlebt. Ich musste eher aufpassen, da nicht zu tief reinzugehen.

Netzeitung: Wie sind Sie die Belastung nach Drehschluss losgeworden?

Herfurth: In der Vorbereitungszeit habe ich innerhalb von anderthalb Monaten alle zehn Staffeln «Friends» geguckt. [lacht] Das war das beste, um mich in eine andere Welt zu bringen. Außerdem habe ich viel «Bibi Blocksberg» gehört und «Lustige Taschenbücher» gelesen, leichte Unterhaltung als Gegengewicht. Ich hätte kein schweres Buch lesen oder anstrengende Filme gucken können.

Netzeitung: Ein ganz schön großes Opfer für eine Rolle, oder?

Herfurth: Eigentlich ist es ja ein Geschenk. Dass ich einen Film machen kann, der so viel von mir verlangt. Drei Monate sind ja eine absehbare Zeit. Eine schauspielerische Auseinandersetzung, die man sich nur wünschen kann. Als Werdegang zu einer professionellen Schauspielerin musste ich lernen damit umzugehen, dass eine Figur so viel von mir verlangt.

Netzeitung: Hätten Sie direkt im Anschluss noch eine solche Rolle spielen können?

Herfurth: Direkt nach dem Film konnte ich gar nichts mehr machen, da habe ich erstmal eine Pause eingelegt. Ich musste leider ein tolles Projekt absagen, aber ich hätte es einfach nicht geschafft.

Netzeitung: Haben Sie während der Dreharbeiten etwas über sich selbst gelernt?

Herfurth: Ich habe mich eben vorher mit dem Thema Tod noch nie so auseinandergesetzt. Ich habe keine Erfahrung mit Tod in meiner Familie. Ich habe viel über meine Ängste gelernt und ich hatte zwischenzeitlich wirklich Todesängste. Zum Beispiel kann ich seitdem nicht mehr fliegen.

Netzeitung: Wie haben Sie sich denn vorbereitet, wenn Sie nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen konnten?

Herfurth: Ich habe mich mit Psychologen unterhalten, die mir erklärt haben was passiert, wenn jemand in der Familie gestorben ist. Menschen, die sich hinterher gezogen fühlen oder Angst haben. Die denken, diese Tür ist nun offen und ich kann sie nicht mehr schließen. Oder, dass man den Verstorbenen ständig sieht. Dass man plötzlich diese Todesängste hat. Durch die psychologische Beratung habe ich das besser für mich begreifen können. Und die Angst jemanden zu verlieren, kennt wohl jeder.

Netzeitung: Wie viel von Lillis Charakter stammt von Ihnen, wie viel von Caroline Link?

Herfurth: Ich glaube, sie ist unser beider Charakter. Wir haben ihn zusammen geformt. Wir haben nicht allzu lange gebraucht, bis wir wussten, wie wir das umsetzen wollen. Viele Dinge stehen natürlich im Drehbuch, andere haben sich spontan entwickelt.

Netzeitung: Im Film entstehen zwei Gemälde von Ihnen. Wie fühlt es sich an, wenn man selbst zur Kunst erhoben wird?

Herfurth als Lilly in 'Im Winter ein Jahr'
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Herfurth: Das war mir während der Dreharbeiten gar nicht so bewusst, erst als ich den Film gesehen habe. Das erste Bild fand ich, wie auch die Figur der Lilli, sehr befremdlich. Das zweite hängt jetzt bei mir zu Hause. [lacht] Mir ist es nicht unangenehm, weil es ja die Filmfigur ist, die da gemalt wurde.

Netzeitung: Wie haben Sie den Wechsel zwischen der manischen und der depressiven Seite der Lilli gemeistert?

Herfurth: Bestimmte Szenen waren extrem anstrengend. Es gab kaum einen Drehtag, an dem ich nicht eine zerstörerische Stimmung spielen musste. Da fällt mir ein – ich habe noch «Malen nach Zahlen» gemacht zur Ablenkung und gepuzzelt. [lacht] Am ganzen Set herrschte eher gedrückte Stimmung, da hatte man keine Hemmungen, das zu spielen.

Netzeitung: Apropos Hemmungen. Ist es Ihnen schwer gefallen, die Nacktszenen zu drehen?

Herfurth: Ich konnte das noch nie leiden und bin auch immer dagegen. Die Nacktszene mit meinem Kollegen Misel Maticevic war jedoch die erste, die für mich lustig war. Er ist ein unglaublich höflicher Gentleman, da muss man sich nicht unwohl fühlen. Es war ganz professionell und übersteigt auch keine Grenzen. Dadurch war ich locker und hatte keine Angst. Im Raum waren die Kamerafrau, der Tonmann, die Regisseurin und wir beide und wir haben uns totgelacht. Das hätte ich nicht erwartet. Normalerweise werde ich schon eine Woche bevor eine Nacktszene ansteht ungemütlich. Es ist deswegen so schwierig, weil du den physischen Kontakt mit dem Filmpartner nicht spielen kannst, schließlich ist das mein Körper. Aber als Schauspieler ist es schwer zu sagen, ich möchte das nicht, weil Nacktszenen in fast jedem Drehbuch vorkommen.

Netzeitung: Wo ziehen Sie die Grenze? Was würden Sie vor der Kamera nicht machen?

Herfurth: Das ist schwierig zu sagen. Das geht mit Figuren einher, mit Geschichten. Sobald für eine Rolle sehr viel gezeigt werden muss ist es nicht mein Film. Ich wäre so irritiert und verklemmt, das würde dem Film nicht gut tun.

Netzeitung: Haben Ihre Eltern ein Problem mit Nacktszenen?

Herfurth: Die Scham, die man bei Nacktszenen empfindet, ist ja genau das Thema, warum man sich nicht nackt zeigen möchte. Es geht mir nicht darum, dass die Leute mich nackt sehen, sondern es geht mir darum, dass die Grenze zwischen Beruf und Privatem überschritten wird. Das ist eine Intimität, die ich nicht teilen möchte.

Netzeitung: Sie drehen gerade den Film «Berlin '36» über die Hochspringerin Gretel Bergmann. Wie hoch springen Sie selbst zurzeit?

Herfurth: Mit dem dreiviertel Anlauf schaffe ich 1,30 Meter. Aber das ist eine Koordinationssache.

Netzeitung: Erst eine Tänzerin, nun eine Springerin. Es scheint, als würde Sie nur noch sportliche Rollen annehmen.

Herfurth: [lacht] Die Rolle hat mich einfach interessiert. Aber ich habe schon gedacht, «schon wieder ein Film, für den ich viel trainieren muss. Irgendwie ist das jetzt nicht mehr mein Thema». Und gerade Hochsprung war nichts, was ich immer schon mal machen wollte. Aber ich muss sagen, dass es mir unglaublich viel Spaß gemacht hat. Ich habe wirklich Ehrgeiz entwickelt, um über diese blöde Stange rüber zu kommen. Wenn es dazu gehört und es ein toller Film ist, würde ich es also wieder machen.

Mit Karoline Herfurth sprach Julia Wilczok.

 
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