Zum Stauffenberg-Film «Operation Walküre»: 

netzeitung.de«Tom Cruise ein Kontroll-Freak? Aber nein!»

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Tom Cruise als Stauffenberg (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Tom Cruise als Stauffenberg
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Operation Walküre» startet erst 2009, gilt aber schon als Flop. Die Netzeitung sprach mit Drehbuchautor Christopher McQuarrie über die Probleme des Stauffenberg-Porträts, den verborgenen Charme seines Hauptdarstellers und das schwere Leben nach einem Oscar.

Längst abgedreht, immer wieder verschoben, und nun immerhin mit einem ersten Trailer auch in den deutschen Kinos präsent: «Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat» von Regisseur Bryan Singer mit Tom Cruise als Graf Stauffenberg erregt schon weit vor seinem Kinostart die Gemüter. Kerstin Rottmann hat Drehbuchautor Christopher McQuarrie getroffen, der sich redlich mühte, die viele Negativ-PR über den Film vergessen zu machen. Neuer Starttermin des Films ist übrigens im Januar 2009.

Netzeitung: Hallo Mr. McQuarrie – müssen wir uns Sorgen um Ihren Nachtschlaf machen? «Operation Walküre», den Film, für den Sie das Drehbuch verfasst haben, gilt in den USA bereits als kapitaler Flop, und das, obwohl ihn kaum jemand gesehen hat.

Christopher McQuarrie (lacht): Nein, keine Sorge, ich schlafe immer noch sehr gut. Und was die Vorverurteilung in den Medien angeht – denn nichts anderes ist das Problem – ich komme lieber von hinten. Mir ist lieber, jetzt wird über den Film geschimpft, als dann, wenn ihn die Leute gesehen haben.

Netzeitung: Wie waren denn die Reaktionen derjenigen, die ihn schon kennen?

McQuarrie: Die, die ihn bisher wirklich gesehen haben, fanden ihn gut. Wir hatten bisher drei Testscreenings in den USA, und «Operation Walküre» kam mit jeder Version besser an.

Netzeitung: Was würden Sie denn dem durchschnittlichen US-Zuschauer sagen – warum sollte er ins Kino gehen und sich ein NS-Drama ansehen, das auch noch ohne Happy End auskommen muss?

McQuarrie: Nun, es ist einfach eine großartige Geschichte, und ich kann Ihnen sagen: Davon schaffen es nicht viele in den USA auf die Leinwand. Ich würde also sagen: Leute, das ist eine Geschichte, wie Ihr sie so noch nie gesehen habt. Am besten erzähle Ihnen mal, wie ich überhaupt auf das Thema 20. Juli kam...

Netzeitung: ...aber gerne doch...

McQuarrie: Angefangen hat für mich alles vor rund sechs Jahren, bei einem Berlin-Besuch. Damals besuchte ich auch den Bendlerblock und ließ mir die wirklich beeindruckende Geschichte dieses historischen Ortes erzählen. Noch dort im Hof sagte ich zu meinem Freund, der mich begleitet hatte, «Hey, das wäre doch ein wahnsinnig guter Film!» «Falsch Chris», hat mein Kumpel damals gesagt. «Eine Geschichte aus Europa, aus dem zweiten Weltkrieg, in der kein einziger Amerikaner mitspielt – vergiss es.» Die nächsten zwei Jahre habe ich dann ihm und mir bewiesen, dass es doch geht.

Netzeitung: Wie denn?

McQuarrie: Indem ich den ersten Entwurf eines Drehbuchs fertiggestellt habe. Gemeinsam mit meinem Partner Nathan Alexander haben wir eine Geschichte entwickelt. Er hat sich um die historischen Fakten gekümmert, ich war mehr für den fiktionalen Teil zuständig. Dann allerdings habe ich das Exposé erst einmal in die Schublade gelegt und niemandem gezeigt.

Netzeitung: Warum?

McQuarrie: Naja, die ersten Reaktionen in den USA waren tatsächlich nicht sonderlich enthusiastisch. Ich wurde natürlich immer wieder gefragt, Hey Christopher, woran arbeitest du gerade? Und immer wenn ich dann anfing: Also da waren diese deutsche Offiziere, die Hitler stürzen wollten – dann war das Thema meistens schnell erledigt. (grinst).

Netzeitung: Wie also ging es dann weiter?

McQuarrie: Erst gemeinsam mit Regisseur Bryan Singer («X-Men», A.d. Red.). Er und ich, wir kennen uns, seit wir kleine Jungs sind. Wir beide sind mit meiner, unserer Idee dann zur Produktionsfirma United Artists gegangen. Unser Kontakt dort war Paula Wagner (langjährige Geschäftpartnerin von Cruise und damalige Chefin des Studios, A.d.R.), und bei ihr haben wir uns auch gut aufgehoben gefühlt. Wissen Sie, wir wollten vor allem Respekt und künstlerische Unabhängigkeit bei der Umsetzung. Wir wollten einen kleinen Film machen, keinen großen Blockbuster. Das ist uns auch gelungen, und ich bin stolz darauf, dass «Operation Walküre» nie seine Seele verloren hat.

Netzeitung: Naja, ein «kleiner Film» ist «Operation Walküre» ja mittlerweile wohl nicht mehr. Wie hoch lag denn das Budget?

McQuarrie: (lacht) Nun, ich glaube, dazu äußere ich mich lieber nicht. Aber soviel kann ich Ihnen sagen: Bei den zunächst veranschlagten 70 Millionen Dollar ist es nicht geblieben.

Netzeitung: Wann stieß Tom Cruise als Hauptdarsteller dazu?

McQuarrie: Tja, das kann ich noch heute nicht genau datieren. Die ersten Gespräche, die Bryan und ich mit ihm geführt haben, hat er in seiner Funktion als Head of the Studio wahrgenommen. Vor uns saß also nicht der Schauspieler Tom Cruise, vor uns saß der Produzent Tom Cruise. Wir haben uns dann viele Male getroffen, es waren intensive Gespräche, in denen um den Stoff, um die Geschichte ging. Oft saßen wir so da, vor uns einen ganzen Stapel an historischen Büchern über Stauffenberg, Bücher, die sein Bild auf dem Titel hatten. Aber nie hat einer von uns beiden gefragt: «Tom, willst Du eigentlich mitspielen?» Irgendwann im Laufe dieser Meetings aber verschwammen die Grenzen. Bryan sprach über Stauffenberg nicht mehr als «er», sondern mit «Du», ebenso Tom – er sagte nicht mehr «er», sondern «ich». Beim Rausgehen nach einem dieser Treffen fragte ich meinen Freund dann: «Sag mal Bryan, spielt Tom in dem Film mit?» Er sagte: «Ich glaube ja!»

Netzeitung: Haben Sie im Vorfeld geahnt, was für eine wichtige, aber auch durchaus kontrovers diskutierte Person Graf Stauffenberg in Deutschland ist?

McQuarrie: Nein, vor meinem Besuch im Bendlerblock hatte ich nur vage Vorstellungen von einem Offizier mit Augenklappe und mit nur noch einer Hand. Später, als ich mich mit seiner Geschichte beschäftigt habe, habe ich die Verbindung zu General Rommel entdeckt, und zu den anderen Leuten im militärischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Wissen Sie, wir sind Deutschland auch ein wenig missverstanden worden.

Netzeitung: Inwiefern?

McQuarrie: Was wir zeigen wollten, war ein Film über ein «Event», sprich, ein Ereignis, und zwar die Ereignisse am 20. Juli 1944. Nicht die Person Stauffenberg stand dabei im Vordergrund, sondern die Leistung eines ganzen Schauspielerensembles. Ich würde den Film daher grob in zwei Teile unterteilen. Zunächst stellen wir eine Gruppe von Charakteren und ihre Motive vor. Dann kommt das eigentliche Ereignis, der Tag sozusagen, sprich, der Attentatsversuch in der Wolfsschanze, den wir so faszinierend fanden. Dass der und die späteren Hinrichtungen im Bendler-Block nur ein kleiner Teil einer viel größeren Umsturzplanes waren, haben wir zugegebenermaßen erst nach und nach erkannt – und mussten dann auch umdenken.

Netzeitung: Haben Sie die durchaus kritischen Reaktionen in Deutschland überrascht?

McQuarrie: Also, mit keiner Reaktion habe ich nicht gerechnet. Das wäre ja auch dumm von mir gewesen. Aber das Ausmaß und die Breite der Medienaufmerksamkeit hat mich dann doch überrascht. Aber im Nachhinein war es dann auch wieder nicht so schlimm. Es gab halt immer wieder Zwischenfälle, aus denen die Medien viel zu viel gemacht haben.

Netzeitung: Zum Beispiel die Sache mit der Drehgenehmigung im Bendlerblock...

McQuarrie: (lacht) Genau. Ehrlich gesagt, hat es da nie ein Problem gegeben. Wir haben die Genehmigung anstandslos bekommen, allerdings war man zunächst ein wenig zögerlich, weil es gerade schon einen Dreh gegeben hatte. Außerdem hat man natürlich großen Wert darauf gelegt, dass wir uns anständig verhalten und nichts kaputt machen. Aber das war auch kein Problem.

Netzeitung: Aber dann wurde der ominöse Nachdreh notwendig, da ausgerechnet die Hinrichtungsszene offenbar unrettbar zerstört war.

McQuarrie: Ja, das war schon sehr ärgerlich. Das Material war unbrauchbar. Warum? (wirft die Arme hoch) Niemand kann das erklären, bis heute nicht. Aber wir konnten glücklicherweise problemlos nachdrehen.

Netzeitung: Die Wiederholung der Erschießungsszene war ja nicht die einzige Panne am Set. Tom Cruise gilt als Kontrollfreak – ist er nicht förmlich ausgeflippt?

McQuarrie: Tom, ein Kontrollfreak? Nein, wirklich nicht! Wissen Sie, er ist bei dieser Produktion ja in seiner Funktion als Schauspieler gekommen und nicht als jemand, der auf das Budget zu achten hat. Und da kann ich wirklich nicht klagen – man kann am Set großartig mit ihm zusammenarbeiten.

Netzeitung: In der Öffentlichkeit sieht sein Bild anders aus. Immer wieder gibt es Schlagzeilen, etwa wegen seines Engagements für Scientology, oder auch wegen der Ehe mit Katie Holmes. Bei dem Broadway-Debüt wurden zuletzt gar Demonstranten mit «Free Katie»-Plakaten gesichtet worden ...

McQuarrie: (lacht und winkt ab) Ja, das habe ich auch gelesen. Aber komisch, ich war auch da, und ich habe davon nichts gesehen und gehört. Was ich gesehen habe, war, dass der Hinterausgang der Bühne von unheimlich vielen Fans von Tom und Katie belagert wurden. Sie alle wollten Autogramme oder ein Bild von ihr. Das also zum Thema »Befreit Katie!«

Netzeitung: Trotzdem müssen Sie doch zugeben, dass Tom Cruise seit einiger Zeit ein Imageproblem hat, oder?

McQuarrie: Wissen Sie, Tom ist ein wirklich sehr hart arbeitender Mensch. Er streng sich unheimlich an, um die Leute, die ihr Geld an der Kinokasse lassen, perfekt zu unterhalten. Auch ich habe den Ruf, nicht gerade einfach zu sein, und normalerweise suche ich nach dem Ende einer Produktion möglichst schnell das Weite und sage: Auf Wiedersehen! Anders bei Tom Cruise. Wenn Sie mich jetzt fragen würden, ob ich noch einmal mit ihm arbeiten weill, würde ich sagen: jederzeit! Er ist ein wirklich großartiger Kerl.

Netzeitung: Dennoch hat sich der Eindruck verfestigt, dass bei «Operation Walküre» irgendwie der Wurm drin ist. Warum die vielen Pannen? Warum kommt der Film so spät in die Kinos?

McQuarrie: Tja, das ist für mich wie Alchemie – ich verstehe es auch nicht. Also die vielen Verschiebungen lagen definitiv nicht an der etwa mangelnden inhaltlichen Qualität des Films. Auch das Material war in Ordnung, und ich betone hier, es gab entgegen vieler Gerüchte nur einen Nachdreh: Nur die Szenen im Bendlerblock waren zerstört und mussten nachgedreht werden. Was uns eher Probleme bereitet hat, war sozusagen der rote Faden. Wissen Sie, ein US-Publikum fände eine Charakter gut und nachvollziehbar, der sich nach den Geschehnissen in Afrika (Stauffenberg wurde in Nordafrika 1943 schwer verletzt, als er den Rückzug von Feldmarschall Rommel decken sollte, A.d. Red.) sozusagen an denen rächen will, die ihm das angetan haben. Genau das wollten wir aber nicht! Wir wollten nicht Stauffenbergs möglicherweise biographische oder persönliche Motive zeigen. Wir wollten die Moral betonen, die politische Idee, die hinter den Umsturzplänen steckte. Das war auch dem Stauffenberg-Biograph Peter Hoffmann sehr wichtig, mit dem wir uns beraten haben. Wir haben ihn gefragt, Peter, wenn Dir nur eine Sache an unserem Fim wichtig ist, welche wäre das? Da hat er geantwortet: Die Frage der Moral, bzw. der Unmoral des Naziregimes und der Person Adolf Hitlers.

Netzeitung: Im neuen Trailer, der nun auch in den deutschen Kinos Premiere feiert, sind die eher actionlastigen Szenen in Afrika dennoch recht prominent zu sehen...

McQuarrie: Ja, aber Sie müssen die Gewichtigung sehen! Erst hätten es noch mehr Szenen in Afrika sein sollen, aber wir haben uns nach den oben genannten Erwägungen dagegen entschieden. Der dadurch modifizierte Zeitplan bei den Dreharbeiten hat dann übrigens zu neuen Gerüchten in den Medien geführt. Ende Oktober waren die Dreharbeiten in Deutschland beendet, im darauffolgenden Juni dann wurden die Szenen in Afrika gedreht. Das war aber kein Nachdreh, sondern einfach das, was wir ohnehin geplant hatten – aber in kürzerer Version.

Netzeitung: Ein anderes, jüngst kursierendes Gerücht lautet, dass der neue Starttermin – Januar 2008 – auch eine taktische Erwägung ist. Schielen Sie mit «Operation Walküre» etwa auf einen Oscar?

McQuarrie: Ich verspreche Ihnen hoch und heilig, nein – wir pokern da nicht mit! Ich will ganz offen sein: «Operation Walküre» ist einfach nur ein Film, und er bestimmt nicht die neue «Titanic».

Netzeitung: Sie könnten da ja ohnehin gelassen sein. Schließlich haben Sie schon einen Oscar bekommen, 1996, für ihr Buch zu «Die üblichen Verdächtigen». Hat der Preis ihr Leben verändert, und wenn ja, wie?

McQuarrie: Ja, mein Leben hat er wirklich verändert, zum guten wie zum schlechten. Der Oscar verändert die Wahrnehmung, die, die Menschen von dir haben – aber auch die, die man von sich selbst hat. Dieser Preis setzt einen hohen Standard, und den muss man – so habe ich das jedenfalls empfunden – fortan auch halten, auch in den Augen anderer. Für mich kam der Preis deshalb zu früh, viel zu früh. Die darauf folgenden zehn Jahre habe ich dafür bitter bezahlt.

Netzeitung: Wo haben Sie die Trophäe denn aufgestellt? Exponiert oder eher verschämt?

McQuarrie: (windet sich) Oh, der Oscar steht in einem Gästebadezimmer, in meinem Haus in Seattle. Also nein, wirklich nicht sonderlich exponiert (lacht verlegen). Wissen Sie, mir ist das wirklich alles sehr unangenehm. Ich spreche nicht gerne über meinen Oscar.

Netzeitung: Okay, Themawechsel. Hollywood ist durch das Internet und illegale Film-Downloads ziemlich unter Druck geraten. Was glauben Sie – wie sieht die Arbeit in der Traumfabrik in zehn Jahren aus?

McQuarrie: Tja, wer weiß das schon? Allerdings bin ich da nicht so pessimistisch wie manch anderer. Meine Meinung ist: Solange es noch Pärchen gibt, die sich für ein «first Date», sprich, zu ihrer ersten Verabredung treffen wollen, solange wird es auch Filme und Kinosäale geben. Und mal ehrlich, eine DVD oder ein Film, der auf dem Computer gesehen wird, kann nicht das physische Erlebnis eines Kinobesuchs ersetzen. Jeder, der mal eine Film-Comedy mit 500 jubelnden Leuten im Saal gesehen hat, weiß das. Ansonsten hoffe ich aber, dass Dienste wie etwa der iTunes Movie Store den Filemachern einen direkteren Weg zu ihrem Publikum bahnen werden.

Netzeitung: Wie sieht es mit YouTube und ähnlichen Angeboten aus?

McQuarrie: YouTube sehe ich als tolle Chance für Nachwuchsfilmer – sie können sich dort mit kleinen Zweiminütern präsentieren und dabei ihre eigene künstlerische Handschrift entwickeln, sprich, sich schon zu einer Art Marke entwickeln. Genau dort zeigt sich aber auch, was in Zukunft immer wichtiger werden wird – die Mobilisierung einer eigenen Fanbase.

Netzeitung: Das viel beschworene Ende des Studiosystems sehen Sie also nicht in nächster Zukunft – aber was ist mit den Stars? Wird es die weiter geben?

McQuarrie: Ich kann und ich will nicht glauben, dass es jemals eine Zeit ohne Kinostars geben wird! Das wäre auch nicht wünschenswert, auch nicht für die Zuschauer. So wissen sie genau, was sie haben, wenn sie Geld für einen Film ausgeben – auch der Star ist schließlich eine Form der Markenbildung und wie ich finde, eine sehr erfolgreiche.

Das Gespräch führte Kerstin Rottmann.