20. Aug 2008 11:36
Erst war sie «Sophie Scholl» – in «Ich habe den englischen König bedient» spielt Julia Jentsch eine Nazi-Frau.
sprach mit ihr über politische Rollen, Nacktauftritte und Drehen auf Tschechisch.
Jiří Menzels Tragikomödie «Ich habe den englischen König bedient» basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage von Bohumil Hrabal. Der tschechische Film erzählt die Geschichte eines kleinen Mannes, der unbedingt Millionär werden will und sich in die Sudetendeutsche Liza (Julia Jentsch) verliebt. Für dieses Interview hat Jungschauspielerin Jentsch extra ihren Aufenthalt beim Filmfestival in Locarno unterbrochen, wo ihr neuer Film «33 Szenen aus dem Leben» kurz darauf mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.Netzeitung: Die Auswahl Ihrer Filmrollen wirkt sehr mit Bedacht getroffen. Nach welchen Kriterien suchen Sie sie aus?
Julia Jentsch: Ich kann ja nur aus dem auswählen, was mir angeboten wird und da muss mich in erster Linie die Geschichte begeistern. Meistens suche ich einfach eine neue Herausforderung. Das muss keine politische Rolle sein, ich muss nur spüren, welche Haltung des Regisseurs dahinter steht. Natürlich stellt sich diese Frage eher bei politischen Filmen und nicht bei Unterhaltungsstoffen, die mir aber auch noch nie angeboten wurden. Netzeitung: Die Rolle der Liza in «Ich habe den englischen König bedient» war eine ganz neue Herausforderung. Warum haben Sie gezögert, sie anzunehmen?
Netzeitung: Und was hat Sie schließlich überzeugt?Jentsch: Zunächst einmal die Chance, mit einem so tollen Regisseur wie Jiří Menzel arbeiten zu können. Und dann war die Rolle der Nationalsozialistin Liza als lustige, lebensfrohe, kleine Person beschrieben – ein Widerspruch, der mich erst irritiert und dann fasziniert hat. Durch die starke Überzeichnung wird ja vieles bei Menzel noch böser und das fand ich spannend. Ich hätte es aber nicht gemacht, wenn ich für mich keinen Zugang zu der Figur der Liza gefunden hätte.
Netzeitung: Menzel bezeichnet Liza als ein Opfer der Ideologie. Was halten Sie von dieser Deutung?
Jentsch: Er will damit ja nichts schön reden, sondern ein Schwarzweißdenken vermeiden. Indem Menzel Liza so übertrieben fanatisch zeigt, entzieht er sich einer Wertung. Er sagt, dass Menschen wie sie nicht alle nur schlecht waren. Das ist ja der unerträgliche Widerspruch: Da haben liebevolle Familienmenschen gleichzeitig Tausende Juden vernichtet. Dieses Paradoxon zu akzeptieren, hat mir geholfen, Verständnis für Lizas Funktion in der Geschichte zu entwickeln. Sie ist zwar überzogen dargestellt, verkörpert aber die breite Masse der Mitläufer, die den Schrecken ausgeblendet haben und begeistert gefolgt sind. Auch Sophie Scholl war ja erstmal von der Propaganda überzeugt, ist in die Hitlerjugend eingetreten und hatte ein Führer-Porträt im Zimmer – aber sie hat dann zum Glück erkannt, dass es dort nur um Gleichschaltung geht.
Netzeitung: In «Ich habe den englischen König bedient» gibt es eine skurrile Szene mit einem Hitler-Bild, das Liza beim Sex mit ihrem Mann ständig anstarrt. Die Situation ist typisch für Menzels Humor der konsequenten Überzeichnung. Ist es Ihnen da manchmal schwer gefallen, ernst zu bleiben?
Jentsch: Als Julia habe ich mich die ganze Zeit gefragt, oh Gott – was mache ich hier eigentlich? Und gleichzeitig wusste ich: Ok, das ist hier gerade so überhöht dargestellt, mit diesen Pflanzen im Haar und der Musik, das macht es so richtig grotesk und pervers. In der Szene geht es ja darum, einen neuen, perfekten Menschen züchten zu wollen. Wenn ich das jetzt sehe muss ich manchmal lachen, aber vor allem finde ich es gruselig. Besonders die Stelle, als sie sich selbst kurz in Hitler verwandelt. Das hatte ich ganz vergessen und war dann im Kino total erschrocken (lacht).
Netzeitung: In dieser Szene sind Sie halbnackt zu sehen. Fällt Ihnen das Ausziehen vor der Kamera schwer?
Jentsch: Ich habe versucht, den Regisseur davon zu überzeugen, dass es nicht nötig ist – das versuche ich eigentlich immer bei solchen Szenen (lacht). Wie man sieht, gelingt es mir nicht immer und manchmal ist es ja auch wichtig für die Geschichte. In diesem Fall war es ok, weil auch so viele andere Frauen in dem Film nackt zu sehen sind. Aber ich reiße mich nicht darum.
Netzeitung: Wie hat die Zusammenarbeit mit Jiří Menzel ansonsten funktioniert?
Jentsch: Die Arbeitsweise war neu für mich, ich musste mich erst an seine genauen Vorstellungen gewöhnen. Das hat auch mit dem Genre der Tragikomödie zu tun – Menzel wollte manchmal ganz besondere Blicke haben, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Ich musste erst ein Gefühl dafür bekommen und Vertrauen aufbauen. Wir haben sehr viel geprobt, um die Szene dann beim Drehen sofort im Kasten zu haben. Das war seltsam, hat aber viel Spaß gemacht.
Netzeitung: Für diesen Film haben Sie zum ersten Mal in einer Fremdsprache gedreht.
Jentsch: Ja, das war mühsam, aber auch faszinierend zu sehen, dass es geht. Zum Glück hatte ich eine geduldige Dolmetscherin. Sie hat mir eine CD für die Aussprache gegeben und ich habe mir die Sätze noch mal in Lautschrift notiert. Das Schlimmste war die Angst, ein Wort zu vergessen und dadurch den ganzen emotionalen Ausdruck nicht mehr hinzubekommen. Die Erfahrung hat mir bei dem polnischen Film «33 Szenen aus dem Leben», den ich danach gedreht habe, sehr geholfen. Da habe ich gemerkt, wie befreiend das Spielen in einer anderen Sprache auch sein kann.
Netzeitung: Für «Sophie Scholl - Die letzten Tage» gewannen Sie 2005 auf der Berlinale den Silbernen Bären sowie den deutschen und den europäischen Filmpreis als beste Schauspielerin. Erhalten Sie seitdem mehr internationale Anfragen?Jentsch: Ich habe einige bekommen, die dann aber nie zustande kamen. Das war auch eine spannende Erfahrung (lacht). Die deutschen Angebote nach den Auszeichnungen waren nicht sehr viele. Das war aber nicht dramatisch, weil ich dann auch sehr viel Theater gespielt habe. Als Außenstehender denkt man, dass nach so etwas alle an einen herantreten, aber so läuft das nicht. Vielleicht, weil viele Filmemacher es nicht spannend finden mit jemandem zu arbeiten, über den gerade sowieso alle reden.
Netzeitung: Jan Dite (Ivan Barnev), die Hauptfigur in «Ich habe den englischen König bedient», ist ein Optimist, der alle Tiefschläge sofort wegsteckt. Wie optimistisch sind Sie?
Jentsch: Ich bin eigentlich eher nachdenklich und grüble viel, aber letztlich bin ich auch ein sehr hoffnungsvoller Mensch. Ich glaube an das Gute und eine positive Entwicklung der Dinge.
Das Gespräch führte Maike Schultz.
Julia Jentsch wurde 1978 in Berlin geboren. Die Absolventin der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch war bis 2006 festes Ensemblemitglied der Münchner Kammerspiele. Mit Hans Weingartners «Die fetten Jahre sind vorbei» wurde sie als Filmstar entdeckt und stand zuletzt als «Effi Briest» vor der Kamera.
Jiří Menzel zählt zu den wichtigsten tschechischen Regisseuren. Gleich für seinen ersten Langfilm «Liebe nach Fahrplan» erhielt er 1966 den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film. 2008 war auch «Ich habe den englischen König bedient» in dieser Kategorie nominiert. Er startet am 21. August in den Kinos - pünktlich zum 40. Jahrestag des Prager Frühlings.