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August Diehl im Interview: 

«Die Leichtigkeit zwischen Leben und Tod»

13. Aug 2008 16:16
August Diehl als 'Dr. Alemán'
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In «Dr. Alemán» spielt August Diehl einen Draufgänger, der als Arztpraktikant in Kolumbien zwischen die Fronten eines Bandenkriegs gerät. Bettina Meier sprach mit dem Schauspieler über seine Rolle, Knochenbrüche und eine andere Kultur.

Netzeitung: «Dr. Alemán» spielt in Cali, Kolumbien und zeigt einen Deutschen mitten im Alltag von Straßengangs. Was ist die Botschaft des Films?

August Diehl: «Dr. Alemán» erzählt die Geschichte einer Feuertaufe, einer inneren Reise und ist im übertragenen Sinn eine Entjungferungsgeschichte eines deutschen Arztassistenten im Ausland. Der Film zeigt uns Deutsche und unsere Sicht auf die Welt und wie wir ein westliches Wertesystem auf andere Kulturen übertragen. Ich fand es mutig, eine rein deutsche Produktion in Kolumbien zu machen, wo ich der einzige deutsche Schauspieler im Film war. Ich habe das als großes Abenteuer erlebt.

Netzeitung: Du spielst den Arztpraktikant und Draufgänger Marc, der sich verliebt und Straßenkindern hilft, ihnen gleichzeitig aber auch schadet. Wer ist dieser Marc?

Diehl: Ich habe Marc als jemand gesehen, der naiv, romantisch, aber auch desorientiert und entwurzelt ist in seiner Heimat Deutschland. Am Anfang ist er noch dieser Deutsche im Urlaub, der etwas naiv Liebenswürdiges hat und so tut als wäre er zu Hause. Dem versucht er aber im Verlauf des Films zu entfliehen, weil er Probleme mit seinen Eltern hat. In seiner kolumbianischen Freundin Wanda findet Marc einen Familienersatz. Aber Marc sucht auch eine Art Hölle, um ein neuer Mensch zu werden. Dabei geht er das Risiko ein, zu sterben. Durch sein europäisch geprägtes Wertessystem kommt er immer wieder in Schwierigkeiten in Kolumbien, weil seine Regeln da nicht gelten. All das kommt in dieser Rolle zusammen.

Netzeitung: Der Film spielt in einem Slum namens Favela Siloé in der Stadt Cali. Dort sind Gewalt und Bandenkriege an der Tagesordnung. Wie authentisch bildet der Film die wirkliche Situation in Kolumbien ab?

Diehl: Der Regisseur Tom Schreiber hat unglaublich geackert, um durchzusetzen, dass wir bei jeder Szene nach dem Land und nach den Leuten suchen. Wir wollten nicht schon in Deutschland vorplanen, wie der Film aussehen sollte. Für die Kolumbianer, die sehr auf unsere Sicherheit geachtet haben, war das oft nicht verständlich. Wir hatten immer Militärpolizei dabei und wir hatten vor allem Schutz vor den Gangstern dort. Da gab es auch Reibereien. Aber ich bin heute, wenn ich den Film sehe, dankbar dafür, dass wir so mutig waren und die Szenen so offen angegangen sind.

Netzeitung: Viele Deiner Schauspielkollegen im Film sind kolumbianische Straßenkinder, die für den Film als Laiendarsteller engagiert wurden. Wie war es, mit denen zu arbeiten?

Diehl: Das Gemisch der Darsteller war sehr interessant. Auf der einen Seite waren da professionelle Theaterschauspieler wie Hernán Méndez und Andrés Parra, die die Ärzte im Film darstellen. Auf der anderen Seite spielten sich Leute aus Siloé selbst und waren dabei sehr authentisch, weil sie das Leben auf der Straße kennen. Mit denen hatte Regisseur Tom Schreiber schon ein Jahr zuvor einen Schauspielworkshop gemacht und so haben wir ihr Vertrauen gewonnen. Jeder Tag war toll mit denen, weil sie nach und nach immer mehr aus ihrem Leben im Slumviertel erzählt haben. Zum Schluss haben wir uns so gut verstanden, dass die Kids gar nicht mehr aufhören wollten zu spielen. Ich glaube, wir haben ihre Lust an der Schauspielerei geweckt.

Netzeitung: Hattest Du manchmal Angst in so einem gefährlichen Stadtteil in Kolumbien zu drehen?

Diehl: Als wir in Cali gesagt haben, wir drehen in Siloé, da bekamen wir die Antwort: In dieses Viertel geht nicht mal die Polizei hinein. Die haben da ihr eigenes Gesetz. So wie die Gastfamilie von meiner Figur Marc am Anfang sagt, er soll da nicht langgehen, so ist es auch. Dann habe ich aber die Menschen kennen gelernt. Sie sagen auf der einen Seite, dass es die Hölle ist. Aber auf der anderen Seite sagen sie auch, sie wollen nirgendwo anders leben. Diesen Widerspruch fand ich sehr spannend.

Netzeitung: Im Film gibt es eine Szene, in der Marc bei einer Taxifahrt ausgeraubt wird. Hast Du das dort so erlebt?

Diehl: Gott sei Dank habe ich das nicht erlebt, aber Mitarbeiter aus unserem Drehteam. Diese so genannten Millionärsspazierfahrten passieren täglich. Der Taxifahrer fährt den Passagier in eine dunkle Gegend, wo seine Komplizen einsteigen und den Fahrgast bedrohen und ausrauben. Das ist ein Klischee, das wahr ist.

Netzeitung: Sehr oft bist du als Arztassistent im Krankenhaus zu sehen. Da geht es sehr blutig zu und Marc muss sofort Schusswunden versorgen. Wie hast Du Dich auf die Szenen im Operationssaal vorbereitet?

Das Filmteam drehte nachts in echten Krankenhäusern
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Diehl: Zwei Wochen vor Drehbeginn war ich in Kolumbien und habe mir die Krankenhäuser dort angesehen. Die sind ganz anders als die deutschen Krankenhäuser. Die sehen eher aus wie Lazarette. Die Patienten dort haben nicht etwa einen Leistenbruch, sondern Steckschüsse. Denen müssen die Pistolenkugeln herausoperiert werden. Das wollten wir im Film auch zeigen. Wir haben nachts in einem echten Krankenhaus gedreht, wo ein Teil für den Dreh gesperrt war. Manchmal haben die echte Patienten durchgeschoben. Ich konnte auf dreißig Zentimeter Entfernung nicht erkennen, was echt war und was nicht. Die Maske war so gut.

Besonders haben mich die Ärzte fasziniert, die einen unglaublichen Humor an den Tag legten. Ich habe zum Beispiel einen Kaiserschnitt gesehen, wo vorher gesagt wurde, die Zwillinge, die da herausgeholt werden sollten, sind beide tot. Dann waren die aber am Leben. In der einen Hand hielt der Arzt den Säugling und in der anderen ein Handy, mit dem er telefonierte. Diese Leichtigkeit mit der Leben und Tod dort behandelt werden, die haben wir bei uns nicht.

Netzeitung: Das wird ja auch deutlich im Film, wo eine Beerdigung stattfindet, die erstaunlich fröhlich abläuft und wo gesungen wird.

Diehl: Die Szene im Film war aber noch harmlos. Die Leute vor Ort haben uns erklärt, dass bei unserer Beerdigung noch etwas gefehlt hat: Normalerweise schießen die Angehörigen und Freunde mit ihren Pistolen in die Luft. Das ist schon interessant, wie wir das reduziert haben, damit es europäisch bleibt.

Netzeitung: Was war eine große Herausforderung für Dich beim Dreh?

Diehl: Eine der größten Herausforderungen im Film war, dass ich Spanisch lernen musste. Ich habe erst einmal vier Wochen einen Spanisch-Intensivkurs gemacht. Auch physisch war der Dreh eine Herausforderung. Ich habe mir beim Drehen die Hand angebrochen. Dann gibt es eine Szene, wo ich zusammengeschlagen werde. Da wurden noch Standfotos gemacht. Da hat mir einer der Darsteller mit voller Wucht die Faust gegen die Nase gerammt. Das Lustige war, dass plötzlich zwanzig Straßenkids da waren, die mir anboten ihn zu verhauen. Das war deren Art mir zu zeigen, dass sie mich mögen und dass ich zu denen gehöre.

Dr. Aleman startet am 14. August in den Kinos. Das Interview mit August Diehl führte Bettina Meier.

«Dr. Alemán» - Trailer:

 
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