11. Sep 2008 09:12
Thomas D steht mit seinem dritten Soloalbum «Kennzeichen D» in den Startlöchern.
sprach mit dem Musiker über deutsche Eigenheiten, Pöbel-Rap und 20 Jahre Fanta 4.
Netzeitung.de: Gratulation, Sie sind gerade zum «sexiest Vegetarier» gewählt worden.Thomas D: Ja, und danach kommt Dirk Bach! [lacht] Ich bin Erster geworden, wer hätte das gedacht?
Netzeitung.de: Wen hätten Sie denn gewählt?
Thomas D: Ich hätte auch mich gewählt. [lacht] Das Problem ist ja, dass man hier in Deutschland gar keine berühmten Vegetarier kennt. Die sollen mal rauskommen aus ihren Löchern! Da wird man in einem Atemzug genannt mit Anthony Kiedis oder Leona Lewis. Aber hier? Da gibt es vielleicht noch so einen Typ, der ist Bodybuilder und Veganer. Vielleicht hätte ich den gewählt.
Netzeitung.de: In den USA unterstützen zahlreiche Promis die Tierschutzorganisation Peta, in Deutschland kennt man wenig berühmte Vegetarier. Wie kommt's?
Thomas D: Das liegt an der Einstellung. In Deutschland müssen Vegetarier die ganze Zeit blöde Witze von Fleischessern über sich ergehen lassen. In Amerika hat keiner ein Problem damit, dass Du einen laktosefreien 0,01 Prozent fetthaltigen Latte Macchiato mit Sojamilchschaum und veganer Schokolade obendrauf bestellst. Die sind den einzelnen Vorlieben gegenüber viel aufgeschlossener. In Deutschland ist es immer noch so: Fleisch ist ein Stück Lebenskraft! [lacht] Und natürlich gibt es immer noch das Klischee vom spaßfreien Vegetarier im Strickpullover. Die Vorstellung von Menschen, die kein Fleisch essen, ist fast noch altertümlich. Darin sind die Amis uns voraus.Netzeitung.de: Haben Sie mal überlegt ins Ausland zu ziehen?
Thomas D: Nee, wobei vielleicht aus steuertechnischen Gründen. [lacht] Alles Spaß! Das würde ich nie machen. Nie, Herr Schumacher und Konsorten! Eine Unverschämtheit, finde ich übrigens total asozial. Ins Ausland ziehen, um meine Ruhe zu haben... Schon eher wegen des Wetters. Das wäre ein Grund. Aber ich mache Musik in der Landessprache, darum möchte ich auch hier bleiben.
Netzeitung.de: Wie viel Schwabe steckt denn noch in Thomas D?
Thomas D: Manchmal kommt der schwäbische Akzent durch. Aber hauptsächlich glaube ich, das Umtriebige, das Arbeitssame ist nicht typisch schwäbisch, das ist eher typisch deutsch. Gut, man sagt uns schaffe, spare, Häuslebaue nach, aber wir sind eher so umtriebig wie das Wetter hier, nämlich wechselhaft. Ich hoffe ja, dass die Wurzeln mit der Zeit nachlassen, ich empfinde Kultur und kulturelles Erbe nämlich nicht als Vorteil, sondern als Anhaftungen der Vergangenheit. Ich finde, die Kulturen sollten alle ihre Vergangenheit vergessen, dann könnten Menschen sich als Menschen begegnen, auf einer Ebene.
Netzeitung.de: Aber Sie sind doch selbst ein Kulturschaffender.
Thomas D: Ja, das was ich mache stammt aber eigentlich aus dem Amerikanischen. Wir haben das zu unserer Kultur gemacht. Gut, wir haben unsere eigenen Themen, unsere eigene Sprache verwendet, aber 80 Prozent aller Musikstile sind doch aus dem Amerikanischen geklaut. Und die klauen wiederum vom R’n’B, vom Blues, deren Wurzeln wahrscheinlich nach Afrika führen. Techno ist eine deutsche Erfindung, Marschmusik auch. Aber sonst ist es da schwierig von eigener Kultur zu sprechen. Es geht doch um die authentische Umsetzung der eigenen Gefühle in Musik. Da ist es egal, ob es nach Jazz, Funk, Punkrock oder sonst was klingt. Wenn Du es fühlst, dann ist es deins. Da heißt es beim HipHop – Ja Moment mal, das haben doch die Amis erfunden. Na und? Mir doch egal. [lacht] Ich mache HipHop, weil es meinem Gefühl entspricht und nicht, weil ich auf etwas Anspruch erheben möchte.
Netzeitung.de: Geht man von Ihrer Theorie aus, kulturelles Erbe sei überflüssig, warum machen Sie dann Musik?
Thomas D: Ich sehne mich schon danach etwas zu schaffen, das länger anhält. Man kann die alte Kultur nicht beenden, aber vielleicht eine neue erschaffen, in der Menschen verschiedener Herkunft ohne Probleme zusammen leben können. Die zusammen Tee trinken können oder Kaffee. Die die unterschiedlichen Einflüsse, die jeder mitbringt, gemeinsam zelebrieren. So Melting Pot mäßig gemeinsam eine neue Kultur entstehen lassen. Das ist viel sinnvoller als Separation.
Netzeitung.de: Würde es für Sie dann nicht auch Sinn machen, mal eine englische Platte aufzunehmen?
Thomas D: Theoretisch schon, aber praktisch wäre es nicht authentisch. Wir haben ja mal angefangen auf Englisch und uns war sehr schnell klar, dass wir eigentlich nur nachplappern, was die Amis rappen. Die sagen etwa «Yo, motherfucker!» und man denkt sich, okay, das mach ich jetzt genauso. Also müsste man das Wort mit «Mutterficker» übersetzen, aber das wäre ja auch albern. Wenn ich Englisch spreche, dann bin das nicht ich, dann höre ich meinen Englischlehrer. So kommt es mir zumindest vor. Die Muttersprache ist immer noch die beste Ausdrucksform. Auf meiner neuen Platte mache ich aber auch nicht ausschließlich HipHop, sondern habe mich anderen Genres geöffnet.
Netzeitung.de: Zum Beispiel Pop? «Ein guter Song ist immer Pop», haben Sie schließlich mal gesagt. Ist das eines der Dinge, die Sie solo besser verwirklichen können?
Thomas D: Auf jeden Fall. Ich habe mir das schon öfters überlegt. Alleine kann man sich schon mehr verwirklichen, aber es zählen natürlich auch andere Meinungen. Das eine oder andere ist nicht besser oder schlechter. Wenn ich alleine Musik mache, sind natürlich auch andere Leute mit dabei, aber letztendlich ist es dann mein Geschmack, der entscheidet. Bei Vieren sind es eben vier Geschmäcker. Da muss man entweder heftig diskutieren oder, wie wir es in letzter Zeit immer öfter tun, die Geschmäcker der anderen mehr zulassen. Manchmal kommt es mir so vor, als würde die Musik dadurch geradliniger. Man trifft sich in der Mitte. Wenn ich alleine bin gibt es keinen, der mich zur Mitte zwingt. Das macht einerseits Spaß, weil man unglaublich frei ist, ob aber das Ergebnis besser oder schlechter ist weiß ich nicht. Je länger man an einem Stück arbeite, desto schneller kann man es auch wieder kaputt machen. Ich finde nicht jede Fanta 4-Platte geil, ich find aber auch von meiner ersten Soloplatte nur etwa 20 Prozent geil.
Netzeitung.de: Lassen Sie in Bezug auf ihre Soloarbeit Kritik von den anderen zu?
Thomas D: Ja, klar. Ich nenne das die Fanta-Prüfung, da muss man durch. Das Schöne ist, das die Platte tatsächlich ein Siegel bekommen hat, einen Fanta-Stempel, wo draufsteht «Prädikat wertvoll». Die Jungs haben tatsächlich Stücke gefunden, die sie selbst schon als Lieblingslieder deklariert haben. Das sind große Kritiker und wir kennen uns so gut, da ist das eine hohe Auszeichnung.
Netzeitung.de: Was ist mit Ihren zwei Kindern. Beeinflusst das Vatersein Ihre Texte?
Thomas D: Schon. Ich habe zum Beispiel Angst, dass ich einen Song für meine Tochter schreiben muss. Reinhard Mey hat das mal gemacht mit «Keine ruhige Minute». Ich kann diese Gefühle gut verstehen, die hat wahrscheinlich jeder Vater, aber daraus einen Song? Ich habe selbst einen Song geschrieben, der davon handelt, dass meine Tochter mit 18 ihren eigenen Weg gehen muss, ich sie verabschiede und loslassen muss. Meine Tochter ist fünf Jahre alt und ich habe den Song jetzt schon geschrieben! Man will diese Gefühle verarbeiten, aber bitte nicht auf diese ekelhafte Weise - [singsangt] «Dein süßes Lachen. Wenn du morgens in den Kindergarten fährst...», sondern eher so gnadenlos: «Geh, da ist das Leben, du brichst mir das Herz, aber geh!»Netzeitung.de: Wo wir gerade bei der Jugend sind. Was halten Sie von der Berliner Rapper-Szene? Wäre deutscher Gangsta-Rap zu Ihrer Anfangszeit schon denkbar gewesen?
Thomas D:Ich glaube, dass Aggro-Berlin damals noch nicht funktioniert hätte. Das brauchte vielleicht die heutigen Zustände als Nährboden für so heftige Texte. Dabei sind wir mit unserem Mittelstands-Rap auch angeeckt. Die hätten damals gerne ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit gehabt an Stelle der Party-Texte.
Netzeitung.de: Sehen Sie sich als Wegbereiter für die neue HipHop-Szene?
Thomas D:Ich soll an Bushido Schuld sein? Gut, ich nehme die Schuld auf mich! [lacht] Nee, da kann ich echt nichts dafür. Die Fetten Brote hatten Schuld hab ich gehört... Ganz im Ernst, ich weiß es nicht. Durch uns ist Rap auch hier populär geworden und es wurde Platz geschaffen für Neues. Da könnte man uns ja für deutschen Gesang überhaupt die Schuld in die Schuhe schieben, denn nach der Neuen Deutschen Welle war deutsche Musik total out. Die Fantas haben es tatsächlich geschafft, dass auch Bands wie Silbermond wieder ganz selbstverständlich angenommen werden. Die werden heute gespielt, weil sich die Hörgewohnheiten geändert haben. Aber Aggro-Berlin, die hör' ich mir nicht an, das ist mir zu negativ. Ich will nichts von diesen Arschfick-Geschichten hören - keine Details bitte! Ich steh mehr auf Happy-End und so. [lacht]
Netzeitung.de: Dann dürften Sie Lady Bitch Ray lieben.
Thomas D: Total indiskutabel. Und was ich von ihr gehört habe, fand ich nicht mal qualitativ gut. Nicht gut gerappt. Das Ganze war doch eine marktwirtschaftlich Überlegung. Was fehlt uns? Uns fehlt 'ne deutsche Super-Bitch!
Netzeitung.de: Das war bei den Fantastischen Vier anders. Nächstes Jahr haben Sie 20-jähriges Bühnenjubiläum. Sind die Glanzzeiten der Band schon vorbei?
Thomas D: Also ich glaube, dass wir den Höhepunkt noch vor uns haben. Aber da geht die Meinung der Band auseinander. Der Michi [Michael Beck] denkt schon seit 12 Jahren, dass wir den Höhepunkt hinter uns haben. Der Andy [Andreas Rieke alias Ypsilon] hat noch nie was von einem Höhepunkt mitgekriegt. [lacht] Und der Smudo denkt vorher immer, dass es niemals klappen wird und sagt danach immer, «wie wir das wieder geschafft haben!». Ich sage, als Band sind wir noch nicht am Ende! Netzeitung.de: Der Begriff des Rock-Opas existiert bereits, der des Rap-Opas noch nicht.
Thomas D: Nee, vielleicht müssen wir den auch erst erfinden. [lacht]
Mit Thomas D sprach Julia Wilczok.
Thomas D - «Get on Board»: