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Interview mit Katharina Thalbach : 

«Manchmal tut es weh, wenn etwas frei wird»

23. Jul 2008 12:32
Katharina Thalbach in Der Mond und andere Liebhaber
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«Der Mond und andere Liebhaber» zeigt Katharina Thalbach als lebenslustige Heldin des Alltags. Mit Monika Wesseling sprach sie über den Charme des Proletariats, den Mut zur Liebe und warum Frauen stärker sind als Männer.

Katharina Thalbach spielt im neuen Film von Bernd Böhlich eine Heldin, die eine Pleite nach der anderen verkraften muss und doch auf wundersame Weise nicht die Hoffnung auf Glück verliert. Sie kämpft mit großer Leidenschaft und noch mehr Phantasie um ihr Stück vom Kuchen. «Der Mond und andere Liebhaber» ist ein Film über Liebe, Hoffnung, und darüber, dass es niemals zu spät ist, für eine neue Chance. Monika Wesseling traf die 54-jährige Schauspielerin für Netzeitung.de zum Gespräch.

Katharina Thalbach: Sie nehmen unser Gespräch mit dem Telefon auf? Das ist ja genial. Erstaunlich, was in diesen kleinen Dingern alles drin steckt!

Netzeitung: Hanna, die Sie im Film verkörpern, ist wie ein Stehaufmännchen, das Schicksalsschläge einsteckt, als wäre sie unverwüstlich. Halten Sie die Stärke Ihrer Figur für phantastisch oder realistisch?

Thalbach: Ich halte ihre Stärke für absolut realistisch. Ich staune über viele Leute, die ich in meinem ja nicht ganz so kurzen Leben getroffen habe: komischerweise haben die Leute, die richtig viele Schicksalsschläge wegstecken mussten, ob Unfälle oder Sterbefälle, den größeren Lebensmut. Je stärker jemand gebeutelt ist, desto besser weiß man die wenigen Glücksmomente zu schätzen. Ich möchte das nicht zur Maxime erklären «Kinder, lasst Euch weh tun, damit Ihr das Glück versteht», das meine ich jetzt nicht, aber ich beobachte eher Jammern bei den Menschen von denen ich denke 'Mensch, Dir geht es doch super!'

Netzeitung: Denken Sie, Menschen, die das Schicksal härter trifft, sind demütiger?

Thalbach: Das ist genau das richtige Wort. Demut ist ja leider ein bisschen aus der Mode gekommen. Aber als Lebenshaltung finde ich Demut sehr nützlich. Ich meine, wenn wer nicht immer mit dem hadert, was ihm widerfährt, sondern es akzeptiert und sich sagt «mein Gott, ich hab nur diese Jahre und damit muss ich umgehen lernen, sonst bleibt mir nichts», der hat auf jeden Fall einen strategischen Vorteil.

Netzeitung: Warum zerbricht Hanna nicht an den Tragödien, die ihr widerfahren?

Thalbach: Sie lernt mit den Scherben zu leben.

Netzeitung: Woher nimmt sie die Kraft?

Birol Ünel und Katharina Thalbach in 'Der Mond...'
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Thalbach: Sie glaubt an die Liebe. Sie sagt sich «das kann nicht alles gewesen sein.» Wenn ich mich darauf reduziere, dass ich Pech habe, dann ist das alles nichts wert gewesen. Sie sagt sich auch, da muss doch irgendwo noch etwas lauern. Und wer nicht danach sucht, findet es natürlich nicht.

Netzeitung: Wie bewahrt sie sich diese Neugierde?

Thalbach: Diese Frau ist gar nicht so weit weg von mir. Ich bin auch schon 54 und das Leben macht mir immer noch Spaß. Viel Spaß. (Sagt sie mit einem breiten, überzeugten Lächeln.)

Netzeitung: Finden Sie, das Leben macht mehr Spaß, je älter man wird?

Thalbach: Es hat sich sehr viel verändert. Heute ist eine Fünfzigjährige Frau nicht mehr wie vor dreißig Jahren. Auch in der Betrachtungsweise dieser Generation hat sich viel getan. Früher hieß es «ihr gehört längst in den Sarg.» Heute sind Frauen mit fünfzig mittendrin. Ich kenne Frauen, die drehen durch, wenn sie dreißig werden. Oder vierzig. Oder fünfzig. Ich habe das alles hinter mir, dieses «nullern», aber bei mir hat sich nie etwas geändert, außer, dass ich mehr zurück kriege. Ich werde reicher. Ich finde älter werden klasse. (Wieder dieses überzeugende, strahlende Lächeln.)

Thalbach in Der Mond und andere Liebhaber
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Netzeitung: Haben Sie nie das Gefühl «mir rennt die Zeit davon, ich schaffe nicht mehr alles?»

Thalbach: Ich habe immer gemacht, was ich wollte. Und da ich so früh angefangen habe - mit allem - habe ich nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben.

Netzeitung: Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?

Thalbach: Gar nicht. Ich musste ja keine speziellen Sachen lernen, außer mich mit einem Arm zu bewegen, was an manchen Drehtagen sehr anstrengend war, weil ja alles so zurückgebunden werden musste. Als Bernd Böhlich mir das Buch schickte, habe ich gejubelt. Er hat mir nichts vorher gesagt, er hat mir kommentarlos das Drehbuch geschickt und ich habe es gelesen und gedacht, «diese Figur hat sehr viel mit mir zu tun». Ich komme auch aus proletarischen Verhältnissen, wenn man so will. Diese arbeitenden Frauen sind mir näher als die High Society aus München. Mit dieser Art von Frauen aus dem Milieu von Hanna kann ich wesentlich mehr anfangen. Was Schicksalsschläge betrifft, da kann ich mich auch nicht beklagen. Insofern war es eher die Frage, wie viel gebe ich von mir her für diese Rolle. Wobei Bernd ein wunderbarer Regisseur ist, weil er unwahrscheinlich sensibel ist und genau weiß, wann er mich in Ruhe lassen muss und wann er wieder etwas rauskitzeln muss. Und dann waren da ja auch noch die großartigen Kollegen. Ich muss sagen, es war einfach. Und das ist das größte Kompliment, das ich Bernd Böhlich machen kann. Ich musste nicht tief schürfen. Der ganze Mumpitz hat gar nicht stattgefunden. Es hat wehgetan, natürlich. Aber manchmal ist es befreiend, wenn etwas weh tut.

Netzeitung: Stimmt es, dass Sie Bernd Böhlich beim nächsten Mal blind zusagen würden? Was muss ein Regisseur haben, um so etwas über ihn zu sagen?

Thalbach: Was ich bei Bernd liebe, ist, dass er nicht nur Regisseur, sondern auch der Autor ist: er schreibt einfach so wahnsinnig schöne Bücher. Ich habe so viel gelacht, beim Lesen. Er beschreibt manches so gut, zum Beispiel innere Haltungen. Da könnte ich mich wegschmeißen.

Netzeitung: Warum versucht Hanna ihrer Freundin Dani (gespielt von Fritzi Haberland) den Mann auszureden?

Thalbach: Vielleicht hat Hanna einen absoluteren Anspruch. Es muss alles richtig sein. Hannas Art an die Liebe zu glauben ist sehr mädchenhaft.

Netzeitung: Setzt Hanna deshalb auch immer wieder alles aufs Spiel?

Thalbach: Ich kenne einige, die so sind. Gerade Frauen.

Netzeitung: Halten Sie Frauen in der Liebe für mutiger als Männer?

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Thalbach: Ich würde sagen, ja. Frauen müssen allein von der Biologie her stärker sein: sie müssen jeden Monat Schmerzen aushalten, sie müssen gebären. Ich möchte den Mann sehen, der eine Geburt aushalten würde. Männer müssen in den Krieg ziehen, weil sie auch kämpfen wollen, so wie wir. Rein von der Biologie her besitzen Frau ein anderes Durchhaltevermögen, eine andere Stärke. Da wir aber nicht in einem Matriarchat leben, wird das so nicht gesehen. Aber ich bin weit davon entfernt, eine Emanze zu sein. Ich liebe Männer. Männer sind ein großes Glück, aber ich sehe sie mit einem gewissen Lächeln.

Netzeitung: Hanna ist eine ganz schöne Draufgängerin. Sie nimmt sich, was sie will und bis auf diese eine Situation im Hotelflur, kommt sie ja auch auf ihre Kosten.

Thalbach: Das war viel zu unromantisch, da im Hotelgang. Das kann man ja auch nicht machen. Aber grundsätzlich ist mein Ansatz, dass man sich immer holen sollte, was man braucht.

Netzeitung: Als sie ihrem jahrelangen Verehrer Knuti das Ja-Wort gibt, überwindet sie sich jemanden zu nehmen, für den ihr Herz in Wahrheit gar nicht schlägt.

Thalbach: Da spricht auf einmal die Vernunft.

Netzeitung: Denken Sie, viele Frauen verzichten auf die Liebe für jemanden, der ihnen Sicherheit bietet?

Thalbach: Sicher, aber ich meine, werden sie unbedingt glücklicher? Das ist ja noch die Frage. Hannas Geschichte ist die von einer Frau, die auszog das Glück zu suchen und da hat sie sehr hohe Ansprüche.

Netzeitung: Wie viele gehen auf Nummer sicher und wie viele sind so wie Hanna und trauen sich voll auf Risiko zu gehen?

Thalbach: Mehr, als man denkt! Wenn ich mich so umschaue – auch in meinem Privatleben, in dem ich mehr mit «normalen Leuten» zu tun habe und nicht unbedingt mit Schauspielern oder der Kunstwelt – staune ich immer wieder.

Netzeitung: Sie erlebt eine große, intensive Liebe, auch wenn das nur ein Abend und eine Nacht ist...

Katharina Thalbach
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Thalbach: Mehr Zeit hatten Romeo und Julia auch nicht! Trotzdem sind sie das berühmteste Liebespaar der Welt geworden.

Netzeitung: Wie schätzen Sie das ein, dass der Mann (Gansa, gespielt von Birol Ünel), dem sie ihr Herz schenkt, sie total belügt?

Thalbach: Es gab eine Vorversion des Films, wo noch drin war, dass sie sich selbst vorwirft, «ich muss mir gegenüber eingestehen, ich habe ihn nie danach gefragt». Es ist natürlich der große Schlag für sie, dass es eine endliche und nicht eine unendliche Glückssträhne ist. Das mag man nie, wenn man sich verliebt, sich vorstellen, dass es aufhört. Trotzdem passiert es.

Netzeitung: Denken Sie, ein Mensch kann sich immer wieder neu verlieben oder gibt es ein Limit?

Thalbach: Inflationär sollte man damit nicht umgehen. Dann weiß man es nicht mehr zu schätzen. Aber ich denke, das Herz kann immer wieder neu für jemanden schlagen, nur jedes Mal unterschiedlich. Es gibt so unterschiedliche Formen von Liebe. Ich hatte das große Glück in meinem Leben klasse Männer zu treffen und eine sehr gute Zeit zu haben, die dann auch irgendwann vorbei war. Gut, im Augenblick nicht. Mal sehen, wie lange das wieder geht. (Wirft sie verschmitzt ein.) Aber wenn man einmal so ein großes Gefühl hatte, das sehr allumfassend ist, mit dem Herz, dem Kopf, wenn man miteinander reden kann, Vertrauen hat und mit gemeinsamen Lebenserfahrungen, wenn das sehr intensiv ist, dann nimmt es einen besonderen Platz ein. Das weiß ich aus meinem Leben mit Thomas Brasch. Aber auch wenn die Zeit vorbei ist, lebt man weiter und ich hatte das Glück, dass ich dann andere Männer getroffen habe.

Das Gespräch führte Monika Wesseling

 
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