Mit «Chant» erobern die Mönche des Stifts Heiligenkreuz derzeit die Charts. Die Netzeitung sprach mit Bruder Karl über die Freuden von Totengesängen, seine Rolle in «Das Leben der Anderen», das klostereigene Fitness-Studio und eine kleine Schwäche für Eminem. Mit Video.
In der Ecke steht ein schwarzer Rollkoffer, auf dem Tisch liegt neben Fachliteratur auch ein Handy, und der Blick auf die Uhr am Handgelenk muss auch immer wieder sein: Pater Karl hat momentan einfach wenig Zeit. Der Mönch aus dem Zisterzienserkloster Heiligenkreuz (bei Wien) ist in weltlicher Aufgabe unterwegs. Drei Tage «Promotion» stehen an, für eine CD mit gregorianischen Gebetsgesängen, die sich europaweit mit mehr als 200.000 verkauften Exemplaren zum Chart-Erfolg entwickelt. In Österreich steht «Chant - Music For Paradise» auf Platz eins, in England war es kürzlich Platz sieben, in den USA stand das Album schon vor dem Verkaufstart in dieser Woche auf Platz eins der Download-Charts. Pater Karl, ein hochgewachsener Mann mit Bart und Brille, gekleidet in die klassische weiße Tunika des Ordens mit dem schwarzen Skapulier, gibt sich im Gespräch mit der Netzeitung aber trotz der Aufregung um ihn herum gelassen, auch wenn an diesem Interviewtag beim Label Universal die Zeit drängt.
Netzeitung:«Schnell, schnell, Karl», ermahnte Sie am 28. Februar dieses Jahres ein Freund per E-Mail – und machte Sie dabei auf einem Wettbewerb im Internet aufmerksam...
Karl Wallner: (unterbricht)...genau, er hat mir einen Link geschickt zu einer Homepage von Universal Music. Wir vom Stift Heiligenkreuz leben ja in der Nähe von Wien, in Österreich, und ich dachte, na, dass ist wohl irgendein kleiner Gesangsverein in England. Vor allem wollte ich 7000 Euro sparen – wir hatten nämlich ohnehin geplant, 2008 eine neue CD herauszubringen. Als ich dann am nächsten Tag schnell hingeschrieben habe, hatte ich aber schon das Gefühl, dass könnte was werden! Geschrieben habe ich dann: Entschuldigen Sie, wir sind zwar in Österreich (lacht), aber wir singen guten Gregorianischen Choral, der Papst ist unser Fan, und dass sie sich auf unserer Homepage die Beispiele angucken sollen. Angeschaut haben sie sich dann auch einen Clip, der auf Youtube zu sehen. Zwei Tage später haben sie dann angerufen - und dann ging alles los.
Netzeitung:Hat sich Ihr Leben seitdem verändert?
Infos zu Heiligenkreuz
Die Zisterzienserabtei Stift Heiligenkreuz liegt im Wienerwald, ca. 15 Kilometer südwestlich von Wien. Das Stift ist mittlerweile 875 Jahre alt, und das einzige Zisterzienserkloster der Welt, das so lange ohne Unterbrechung existiert. Zum Kloster gehören fast 80 Mönche. In den letzten Jahren gab es so viele Berufungen, dass die Zimmer knapp werden.
Wallner: Nun, jetzt gerade bin ich drei Tage lang auf Promotour für die CD in Deutschland. Ansonsten geht für mich das Klosterleben aber normal weiter. Das heißt, der Tag beginnt um 5.15 mit Gebeten und Gesängen, dann kommen all die anderen Pflichten. Eigentlich hat sich ja nur mein Publikum geändert – sonst führe ich Taufgespräche oder spreche mit jungen Brautpaaren, nun eben mit Journalisten. Das tue übrigens nur ich - unser Abt hat entschieden, dass das Kloster in Ruhe bleiben soll. Wir reden dort auch nicht über die CD.
Netzeitung:«Singende Mönche auf Tournee» soll es auch nicht geben...
Wallner: Nein, wer uns live singen hören will, muss zu uns kommen. Gerne auch schon um 5.15 Uhr (lacht).
Netzeitung:Welche Rolle spielt die Musik in Heiligenkreuz?
Wallner: Unser Kloster gibt seit 875 Jahren ohne Unterbrechung. Und seit 875 Jahren wird gebetet, und immer im Gregorianischen Choral. Das, was wir singen, haben die Leute schon im 12., 13., 17., 18. Jahrhundert gesungen. Der Choral, das ist unsere Gebetsform. Wir haben uns trotz der großen Reformen in der Kirche dazu entschieden, den Gegorianischen Choral weiterzupflegen und nicht auf irgendwelche Kompositionen der 70er Jahre umzusteigen. Das zieht ganz offensichtlich auch viele junge Leute an, die bei uns eintreten.
Netzeitung:Papst Benedikt hat Heiligenkreuz im September 2007 besucht, und dabei Ihre Lobpreisungen als zweckfreies Gebet gelobt – ist das nicht ein ungeheurer Anachronismus in Zeiten, in denen alles nach Nutzwert sortiert wird?
Die Mönche aus Heiligenkreuz
Foto: dpa
Wallner: Das geht nur, wenn man Gott ganz ernst nimmt. Schauen Sie sich die alten Kathedralen an, wo sie, etwa beim Stephansdom, noch auf 107 Meter Höhe kleine, verzierte Statuen findet, die nie ein Mensch sehen wird. Eben weil man nicht für die Menschen gebaut hat, sondern für Gott. Das halten wir genau so. Lobet den Herren, denn er ist gut. Wir geben der ganzen Schöpfung Stimme. Das ist immer auch die Idee des Mönchstums. Wir geben auch den Menschen Stimme, die gar nicht an Gott glauben. Das ist unser Dienst, der Dienst des zweckfreien Gebets.
Netzeitung:Gibt es da ritualisierte Formen?
Wallner: Ja, all das ist in der Liturgie genau festgelegt. Trotzdem wird es nie langweilig, auch wenn wir insgesamt drei Stunden am Tag beten. Es gibt zum Beispiel ein Gebet, das ist täglich völlig gleich und auch auf der CD zu hören. Es ist unser Nachtgebet, und wir können es auch in Finsternis beten, weil wir alle es auswendig können. Andere Teile variieren, je nach Jahreszeit oder zu bestimmten Heiligenfesten, da kommen dann immer dieselben Melodien. Man freut sich dann schon auf bestimmte Gesänge.
Netzeitung:Plattenmanager sind gemeinhin Menschen, die zielgerichtet und schnell arbeiten. War die Zusammenarbeit ein Kulturschock – für beide Seiten?
Wallner: Also die Plattenfirma verdient durch die CD natürlich Geld, und auch wir bekommen natürlich einen Anteil, 55 Cent pro CD, um genau zu sein. Aber der Hauptgrund, warum wir die ganze Sache gemacht haben, mit der Öffentlichkeit und der Promotion, ist, dass dadurch etwas sehr Gutes unter die Leute kommt. In der Kulturdekadenz, die wir heute haben, machen wir auf etwas sehr Wertvolles aufmerksam, das die ganze Kulturgeschichte und die Geschichte der Spiritualität mitgeprägt hat. Europa ist immer stark gewesen, weil es in den Formen des Gebetes und der Meditation Oasen der Kraft hatte.
Netzeitung:Eine Tradition, die allerdings derzeit eher unpopulär ist...
Die Aufgaben der Mönche?
Das wichtigste Tun ist das Gebet, gleichsam eine öffentliche Lobpreisung Gottes. Daneben müssen ca. 20 Pfarren und über 30.000 Menschen in der Seelsorge betreut werden. Dazu kommt die Wissenschaft: Seit 1802 gibt es in Heiligenkreuz auch eine Hochschule.
Wallner: Man sieht ja heute, wie die Leute fast verzweifelt im Osten oder bei irgendwelchen Nonsens-Sachen irgendwelcher Gurus oder in der Esoterik ihr Heil suchen. Wir hingegen bieten etwas ganz Bewährtes, das über 1000 Jahre alt ist, etwas, das eine musikalische Oase der Kraft ist, das heilsam ist, das beruhigend wirkt, auch für Menschen, die vielleicht nicht gläubig sind.
Netzeitung:«Chant» beginnt mit einem Gruß an die unlängst Verstorbenen in Ihrem Kloster, später folgt noch ein Requiem – haben Sie ein so unpopuläres Thema wie den Tod ganz bewusst auf der CD untergebracht?
Wallner: Ja, das war bewusst. Unser ganzes mönchisches Leben ist ja ausgerichtet auf die Ewigkeit. Es würde sonst keinen Sinn machen, auf Frau, Kinder, Familie und all das zu verzichten, wenn man nicht diese letzte Dimension einer ewigen Erfüllung bei Gott hofft. Wobei Gott uns ja auch im diesseitigen Leben viel Schönes schenkt! Klosterleben ist nicht Masochismus. Aber man lebt schon immer auf dieses letzte große Ziel hin. Letztlich ist das bei einem Mönch dann, wenn er gestorben und bei Gott ist.
Netzeitung:Was Anfang dieses Jahres ja gleich mehrfach der Fall in Ihrem Kloster war.
Wallner: Genau. In den vergangenen Jahren hatten wir in Heiligenkreuz regelrechte Masseneintritt von sieben, acht Mönchen pro Jahr. Diese ganz jungen Mönche hatten im Kloster aber nie ein Begräbnis miterlebt, weil fünf Jahre lang kein Mitbruder gestorben war. Und dann, heuer im Februar, starben gleich drei Mönche innerhalb von 16 Tagen. Erstmals seit langem gab es also Totenmessen. Es gibt keine schönere, freudigere, intensivere Gregorianik als dann, wenn wir glauben, dass einer diese Grenze zu Gott überschritten hat. Bei Universal waren sie ja sehr respektvoll und haben uns selbst überlassen, was wir eigentlich singen wollen. Da haben wir uns natürlich für unsere schönsten, würdigsten und hoffnungsvollsten Lieder entschlossen.
Mönche bei der Arbeit
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Netzeitung:Papst Bendikt ist ein erklärter Anhänger der gregorianischen Choräle. Hat er Ihren Erfolg schon mitbekommen?
Wallner: Bei seinem Besuch bei uns vor zwei Jahren hat er wirklich gestrahlt. Benedikt - übrigens, wie ich glaube, einer der gescheitesten Menschen, der je gelebt hat - ist ein Mann, dem man immer stark ansieht, wie er drauf ist. Und er ist, kein Traditionalist, ganz im Gegenteil. Er weiß, dass es Zukunft nur gibt, wenn wir die Vergangenheit mitnehmen, dort, wo sie sich bewährt hat. Der Gregorianische Choral ist einfach viel tragender als, Entschuldigung, diese ganzen dünnen Süppchen der Moderne. Die Madonna machte ja vielleicht gute Musik, aber wird man die in 50 Jahren noch kennen? Unseren Choral hingegen wird es dann noch geben.
Netzeitung:Hat er denn schon Ihre CD?
Wallner: Ja, der Abt hat ihm eine geschickt. Allerdings wäre es hochmütig, wenn wir erwarten würden, dass da eine großartige Reaktion kommt. Vielleicht einmal ein kleines Dankesschreiben? Die Weltkirche lebt ja ohnehin in ganz anderen Dimensionen. Wir in Europa glauben immer, wir sind im Mittelpunkt der Welt – in Rom wird das ganz anders gesehen.
Netzeitung:Sie haben schon erwähnt, dass Sie keine Nachwuchssorgen haben und auch einen großen Anteil an sogenannten Spätberufenen. Was reizt die am Klosterleben?
Gregorianischer Choral
Der Gregorianische Choral ist eine uralte Form des gesungenen Gebetes. Er hat seine Wurzeln eigentlich schon in der Zeit vor Christus, nämlich im Gesang der jüdischen Tempelliturgie. So richtig entwickelt hat sich der Choral im 7. und 8. Jahrhundert, als er im Westen von Rom übernommen worden ist. Der Gregorianische Choral ist einstimmig. Er kennt 8 verschiedene Tonarten. Die Noten sehen ganz anders aus als die heutigen Noten, außerdem gibt es nur 4 Notenzeilen.
Wallner: Uns scheint es so, dass die Leute von einem platten Materialismus irgendwann angeödet sind und dann zu gucken beginnen. Die meisten Berufungen erfolgen mit Mitte zwanzig, also nach dem Studium, nach dem Berufseinstieg. Aber wir haben auch Sechzigjährige bei uns, oder 19-Jährige, die sich neu orientieren wollen. Was die Leute so anzieht, dass wir bald keine freien Zimmer im Kloster mehr haben, ist, dass wir sehr intensiv leben. Die, die kommen, die wollen nichts Billiges haben. Die wollen morgens wieder mit Begeisterung aufstehen. Ansonsten ist es aber auch ganz normal, ganz menschlich bei uns.
Netzeitung:Was meinen Sie damit genau?
Nahaufnahme: Auch Karl Wallner singt
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Wallner: Wir haben etwa eine eigenen Basketball-Mannschaft, und auch einen Fitness-Raum, einige von uns gehen auch joggen. Bei uns ist es eben auf beiden Ebenen sehr gesund - sowohl in der religiösen als auch in der menschlichen Dimension. Das ist einfach eine Attraktion für junge Leute. Wenn man sich heutzutage für Gott entscheidet, trifft man leider auch oft auf frustrierte Menschen. Da ist keine Begeisterung da. Ich sage immer, wenn man die heutige kirchliche Situation anschaut, da hat man das Gefühl, als hätte der Engel über Bethlehem verkündet: Ich verkünde Euch ein großes Problem. Dabei hat er gesagt, ich verkünde Euch eine große Freude! Ich verstehe es einfach nicht, warum im Christentum nicht mehr Optimismus und Selbstbewusstsein ist.
Netzeitung: Wäre das Ihr Rat für ein erfülltes Leben auch außerhalb der Klostermauern?
Wallner: Entschleunigung würde ich vor allem raten. Ein großer Heiliger hat einmal gesagt, wenn einen alles bedrückt, sollte man sich die Frage stellen: Was nützt das für die Ewigkeit? Wenn ich dieses große Ziel der ewigen Gemeinschaft mit Gott habe, dann bildet sich automatisch was. Dann wird dieser Druck weggenommen. Der Druck, sich in diesem Leben permanent zu bestätigen, der Druck, immer das Maximale herauszuholen. Deswegen gehen die Ehen auch so schlecht. Das ist ja alles ganz schön mit Dir, sagen sich die Leut’, aber ist es auch das letzte Glück? Wir hingegen haben Gelassenheit.
Netzeitung:Von dieser Gelassenheit in Heiligenkreuz hat ja auch ein mittlerweile ziemlich prominenter Zeitgenosse profitiert: Florian Henckel von Donnersmarck hat bei Ihnen das Drehbuch für seine später Oscar-prämierten Film «Das Leben der Anderen» geschrieben. Inwieweit hat der Aufenthalt den späteren Film beeinflusst?
Wallner: Ich komme ja sogar namentlich in dem Film vor – er hat eine der Figuren nach mir benannt. Der Florian ist ja der Neffe unseres Abtes Gregor Ulrich Henckel zu Donnersmarck, und auch der Gründer unseres Fitness-Studios – er ist ja ein großer Schwarzenegger-Fan. Außerdem hat unser Pater Simeon ihn bei der Filmmusik beraten. Wissen Sie, als der Florian damals bei uns war, war dieser Erfolg wirklich nicht abzusehen. Kennen gelernt habe ich ihn als einen besonders akribischen Menschen, mit höchsten Idealen und einer großen Kompromisslosigkeit. Sein Erfolg hat uns natürlich sehr gefreut.
Netzeitung: Wie genau haben Sie denn die Oscar-Verleihung verfolgt?
Wallner: Naja, die ersten Journalisten kamen schon nach der Nominierung zu uns ins Kloster. Wir hatten übrigens auch eine eigenen Premierenvorführung des Films bei uns. Da habe ich dann auch bemerkt, dass er diese Nebenfigur, einen Dissidenten, nach mir benannt hat. Das hat mich schon sehr getroffen (lacht). Und später kam der Florian dann noch und hat uns seinen Oscar gezeigt. Wir nehmen in Heiligenkreuz ja nur das ernst, wozu wir berufen sind. Wenn man den Oscar machen will, wenn man da irgendwie medien- oder öffentlichkeitsgeil ist – das würde bei uns nicht funktionieren. Ich sage immer: Es wird über uns verfügt. Und der liebe Gott verwendet uns, so wie auch jetzt wieder. Der Florian ist damals zu uns gekommen, weil er seine Ruhe haben wollte. Wir tun nur unseren Job, und dann geschehen all diese Ding...
Netzeitung:Sie stehen mit «Chant» ja auch in den Popcharts. Schleicht sich da der eine oder andere Hit nicht auch ins Klosterleben ein?
Wallner: Also mir persönlich gefällt alles, was gut klingt. Ob das jetzt Wagner ist oder auch mal Eminem. Wenn bei dem nicht die Texte wären, mit der vielen Gewalt - da würde mir schon einiges gefallen. Beim Training, in unserem Fitnessraum etwa, da hört ein Mitbruder immer Bach. Schrecklich, Bach! Das passt doch überhaupt nicht zum Training. Die jungen Mönche haben da gottseidank einen anderen Geschmack – da ist es halt mal Eminem oder auch mal die Amy Winehouse.
Das Gespräch führte Kerstin Rottmann, alle Infos in den Kästen stammen aus dem Pressematerial von Stift Heiligenkreuz