Die männliche Madonna, zumindest optisch: Morten Harket
Foto: Universal
Dieser Tage erscheint Morten Harkets zweites Soloalbum. Im Interview mit Marie Arnold verrät der Frontbeau von A-ha, welche Vorteile es hat, nicht mehr 25 zu sein – und sendet einen unmissverständlichen Gruß an die Paparazzi dieser Welt.
Berlin, Ende April. Morten Harket lädt zum Interview ins Regent-Hotel. Das angewiesene Zimmer ist zunächst verwaist – aber aus dem Nebenraum zupfen viel versprechende Lagerfeuerklänge. Dann Auftritt Morten: noch immer auf seiner Gitarre spielend. Er sieht sogar noch besser aus als befürchtet, seine bald 49 Jahre mögen sich sonst wo niedergeschlagen haben, in seinem Gesicht jedenfalls nicht.
Die Gitarre wird er während des ganzen Gesprächs auf dem Schoß halten und hin und wieder ein paar Riffs zum Besten geben. Erst mal kocht er sich aber einen Tee, denn auch wenn es draußen 20 Grad hat, ist es im Regent klimaanlagekalt. Dabei haben wir doch keine Zeit! Schließlich gilt Morten als bedachter Gesprächspartner, der sich für seine Antworten sehr viel Zeit nimmt...
Netzeitung.de:Morten, in ein paar Tagen kommt Ihr neues Album raus...
Morten Harket: (Auf Deutsch) Jawohl!
Netzeitung.de:Sie sprechen Deutsch?
Harket: Ein bisschen. (Jetzt wieder auf Englisch) Ich war ja schon oft in Deutschland, da bekommt man einiges mit. Ich könnte einem Gespräch folgen und würde einigermaßen verstehen, worum es geht. Aber für eine richtige Unterhaltung fehlen mir die Vokabeln.
Netzeitung.de:Also machen wir das Interview doch lieber auf Englisch?
Harket: Ja, unbedingt!
Netzeitung.de:In ein paar Tagen kommt also Ihr neues Album «Letter from Egypt» raus, Ihr erstes Soloalbum seit acht Jahren. Sind Sie aufgeregt?
Harket: Ja, schon ein bisschen, aber auf eine gute Art und Weise. Ich habe so lange daran gearbeitet und mir so viele Gedanken dazu gemacht, dass ich wirklich sehr gespannt bin, was jetzt alles so passieren wird.
Netzeitung.de:Haben Sie eine spezielle Verbindung zu Ägypten, oder wie kam es zu diesem Namen?
Harket: Eigentlich ist das eine Metapher. Das Album hätte genauso gut «Letter from the Future» heißen können, das ist ein bisschen abstrakter gemeint. Obwohl es gleichzeitig auch viel mehr als eine Metapher ist, denn ich war tatsächlich in Ägypten, als ich den gleichnamigen Song geschrieben haben.
Netzeitung.de:Was haben Sie denn da gemacht?
Harket: In Ägypten? Urlaub. Ich war einfach eine Weile da.
Netzeitung.de:Es war zu lesen, dass sich auf Ihrem Album ein gewisser «spiritueller Aspekt» wieder findet. Worin liegt dieses Spirituelle?
Harket: Es ist ein sehr spirituelles Album, ohne Frage. Aber ob ich erklären kann warum, oder wie sich das ausdrückt? Nein, kann ich nicht. Man kann Spiritualität nicht mit Worten erklären.
Netzeitung.de:Stimmt es denn, dass Sie generell ein sehr spiritueller Mensch sind?
Harket: Um das zu bestätigen, müsste ich erst einmal wissen, was Sie mit «spirituell» meinen – und da hört es eben schon wieder auf. Meinen Sie gläubig, im Sinne von an Gott glauben? Aber: wer oder was ist Gott? Oder meinen sie spirituell, im Sinne von ätherisch? Es gibt ja viele Interpretationen für den Begriff «spirituell», gerade im Deutschen, und wir werden dabei schon alleine an der Sprachbarriere scheitern. Also erkläre ich es lieber gar nicht erst, das ist einfach ein zu großes, wichtiges Wort.
Das Diktiergerät piepst aufmüpfig, es ist offensichtlich voll.
Harket: [lachend] Oh, gefällt ihm nicht, was ich sage? Ist das zu harter Tobak für ihn?
Er spielt wieder ein wenig auf seiner Gitarre, bis das Gespräch weiter gehen kann.
Harket: Wo war ich also stehen geblieben? Spirituell. Für mich bedeutet das vor allem, an eine Sache heran zu gehen, als ob ich nichts wüsste, also vollkommen geöffnet zu sein für das, was meine Sinne empfangen. Die Dinge klar sehen zu können, so als würde man an einem leeren, sauberen Tisch sitzen.
Netzeitung.de:Inwiefern denn: klar sehen?
Harket: Wenn man zum Beispiel einen Song schreibt, und man mixt einfach zwei andere Lieder zusammen, dann ist er nicht echt, sondern nur so ein wischi-waschi-Ding. Du musst dem Song eine eigene Identität geben, etwas Einzigartiges, damit man sich auf ihn beziehen kann. Darum geht es mir, wenn ich schreibe. Das ist ganz plötzlich da, wie aus dem Nichts, das ist ein kreativer Moment – und du musst klar genug sehen, diesen Moment zu erkennen.
Netzeitung.de:Brauchen Sie, wenn Sie an einem Song arbeiten, lange, um an diesen Punkt zu gelangen?
Harket: Nein, das geht recht schnell. Das Stück dann zu beenden ist aber eine komplett andere Sache. Man könnte das mit einer Eiche vergleichen: Die braucht Jahrzehnte, um zu wachsen – aber der Samen, der am Anfang steht, ist erst mal sehr klein. So ist das auch mit Songs. Die Idee, dieser eine Moment, ist klein und schnell, aber bis alles fertig ist, dauert es.
Netzeitung.de:Ist es einfacher, diesen Augeblick zu erkennen, wenn Sie einen Song allein schreiben – wie jetzt für Ihr neues Album – als wenn man zu dritt ist, wie bei A-ha?
Was Harket in Ägypten gemacht hat? Urlaub.
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Harket: Nein, weil die Identität eines Songs genauso gut zur gleichen Zeit in mehr als einem Kopf entstehen kann. Wenn mehrere Menschen zusammen an etwas arbeiten, kann er ja sogar das Ergebnis ihrer zusammen gewürfelten Kreativität sein... [er schnipst laut mit dem Finger] ...und plötzlich ist klar, dass er da ist! Alles, was man dann noch tun muss – und das ist der Punkt, an dem dein Talent ins Spiel kommt – ist, in der Lage zu sein, diesen Moment festzuhalten und ihn weiterzuentwickeln. Sonst verliert man ihn wieder. Weil man nicht aufmerksam genug war vielleicht, nicht konzentriert genug. Das ist mir schon sehr oft passiert, aber mit der Zeit, je mehr Erfahrungen man hat, verliert man diese Momente immer seltener.
Netzeitung.de:Es wird also einfacher, je älter man wird?
Harket: Ich denke... [er überlegt lange, klopft nachdenklich auf seine Gitarre] ...da spielen so viele andere Faktoren mit rein. Man ist ja ein spirituelles Wesen, und wenn du das zulässt, wenn du dich selbst in diesen Modus versetzt, still genug stehst – dann kommt es zu dir. Die Fähigkeit liegt eher darin, diesem kleinen Samen zu vertrauen. Das hat natürlich ein bisschen was mit Erfahrung zu tun, ich selbst habe aber schon früh in meiner Karriere als Songwriter erkannt, dass ich nicht auf der Suche nach einem großen Song sein darf. Das geht gar nicht, sie kommen immer als kleine Songs, so klein, dass du sie eben fast nicht sehen kannst. Das sind diejenigen, die groß werden, aber du musst erst mal schaffen, sie zu erkennen.
Netzeitung.de:Gibt es denn im Leben eines Musikers andere Dinge, die mit dem Alter leichter werden? Sie sind jetzt 48, das ist natürlich nicht wirklich alt, aber...
Harket: Oh, doch, schon! Vielleicht nicht, wenn’s ums tatsächliche Alter geht, aber ich arbeite ja schon seit einer sehr lange Zeit als Musiker. Was das angeht, bin ich also ziemlich alt. Ich denke, dass ich vielleicht ein bisschen bescheidener, demütiger werde, und das ist immer hilfreich, bei allem. Wenn du eingebildet und anmaßend bist und wenn es dir wichtig ist, auf eine bestimmte Weise wahrgenommen zu werden, nimmt dir das die Fähigkeit, Dinge zu erkennen. Man muss sich selbst vertrauen, wissen, was man sich selbst schuldig ist, und das ist wahrscheinlich sehr schwer – und hat nichts damit zu tun, was du die Leute von dir sehen lässt, niemals.
Netzeitung.de:Sie meinen ein bestimmtes Image, das man sich aufbaut?
Harket: [überlegt lange] Das ist ein interessanter Punkt. Über die Hälfte meines bisherigen Lebens hatte ich mit den Medien zu kämpfen, die in meinem Privatleben herum geschnüffelt, persönliche Dinge aufgeblasen, sie falsch dargestellt oder aus dem Zusammenhang gerissen haben. Da schien es oft leicht, sich einfach zu überlegen, wie man gesehen werden will, sich ein bestimmtes Image aufzusetzen, um sich zu schützen. In Wahrheit nützt das aber alles nichts. Du musst erkennen, wo dein wahrer Geist liegt, dein Fokus, wer du wirklich bist.
Netzeitung.de:Aber hilft das, in Bezug auf die Medien? Liefert man sich damit nicht noch mehr aus?
Harket: Nein. Das funktioniert so ähnlich wie bei Frauen: Sie wollen sich immer auf eine bestimmte Art und Weise präsentieren, sie wollen hübsch sein und nett. Normalerweise driftet das Bild, das sie von sich selbst haben, aber weit von dem ab, wie sie tatsächlich aussehen – sie vertrauen einfach nicht darauf, wer sie wirklich sind. Aber, bei Gott, das sollten sie! Sie können nie attraktiver, anziehender und liebenswerter sein, als wenn sie an sich selbst glauben. Es gibt keinen schnellern Weg, um respektiert und in einem guten Licht gesehen zu werden. Wenn du immer versuchst, anders zu sein, nimmt das einen großen Teil deiner Aufmerksamkeit in Anspruch, das blockiert deine soziale Kompetenz, deine Antennen und deine Fähigkeit zu kommunizieren. Man muss das also alles vergessen, nichts vorspielen, einfach darin vertrauen, was man ist und das alles etwas leichter nehmen.
Netzeitung.de:Sie haben gut Reden. Es ist wahrscheinlich nicht besonders schwierig, in sein Äußeres zu vertrauen, wenn man aussieht wie Morten Harket.
Harket: Ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass das immer einfach wäre. Für mich übrigens auch nicht – ich bin ja schon als Person an sich eine soziale Anomalie. Ich kann zum Beispiel keinen Raum betreten, ohne eine öffentliche Person zu sein, und ohne dass sich das lautstark bemerkbar macht.
Netzeitung.de:Aufgrund Ihrer Popularität?
Harket: Ja, aufgrund meiner Popularität. Das macht mich zu einer Randfigur, und ich muss das mit mir herum tragen. Das ist nicht anders als bei einer Frau, die sehr sexy ist: der Rest ihres Wesens wird nie Gehör finden! Sie hat keine Chance, weil ihr Sexappeal immer zuerst bemerkt werden wird. Das kann zu einem Problem werden. Trotzdem... [er, genau, überlegt wieder lange] ...wie viel Energie Frauen an diesen Dingen verschwenden! Ich zum Beispiel mag keine Frauen, die superdünn sind. Ich bin ein Kerl, ich fühle mich von Frauen angesprochen, die ganz unterschiedliche Formen haben. Das ist einfach ein Fakt, aber Frauen denken so nicht. Sie glauben, dass sie auf eine bestimmte Art und Weise aussehen müssen, und das nimmt 90 Prozent von Ihnen in Anspruch. Dabei liegen sie alle falsch! Völlig falsch! Bei Männern verstärkt sich das auch immer mehr, viele Typen sind sich ihres Äußeren sehr bewusst, und das ist nicht gut für sie. Das ist nie gut!
Netzeitung.de:Die Menschen sollen sich also weniger darum kümmern, wie sie aussehen?
Harket: Nein, im Gegenteil, aber: Man muss respektieren, was man ist und akzeptieren, was einem gegeben wurde. Trotzdem sollte man natürlich tun, was immer man tun kann, um gesund zu sein. Sei nicht zu dünn, und sei nicht zu fett! Viele Leute haben ein Problem mit ihrem Gewicht, und sie lassen das an einen Punkt kommen, an dem sie nicht mehr wissen, wie sie es anpacken sollen. Ich kann das verstehen, ich finde das sogar ganz sympathisch. Aber viele verstehen einfach nicht, dass es respektlos gegenüber ihrem eigenen System ist, sich gehen zu lassen, dass sie sich anders viel besser fühlen würden. Wie bei einem Haustier: Da will man doch auch nicht, dass es verhungert oder verfettet, sondern dass es so gut wie möglich aussieht und gesund ist. Genauso sollten es die Menschen auch bei sich selbst machen. Das wichtigste ist aber wie gesagt, sich selbst zu akzeptieren.
Netzeitung.de:Aber noch mal: Wenn man aussieht wie Sie, kann man leicht mit Steinen werfen...
Harket: Nein, nein, ich habe doch mit genau den gleichen Dingen zu kämpfen.
Netzeitung.de:Ach, kommen Sie! Sie werden 49, sehen aber aus wie Ende 20. Sie sind die männliche Madonna!
'Das Biest bleibt dasselbe, egal wie alt man ist.'
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Harket: Doch, ehrlich! Ich nehme zum Beispiel sehr schnell zu. Also trainiere ich. Ich könnte zwar noch viel besser in Form sein und habe, was das angeht, auch ein schlechtes Gewissen. Das ist wohl der schluderige Teil meiner Persönlichkeit. Aber generell passe ich auf mich auf. Denn gerade, weil ich eine öffentliche Person bin und fotografiert werde, wo immer ich auftauche, kann ich mir, was mein Aussehen angeht, nicht so viel erlauben wie andere Leute – weil ich sofort mit den Tatsachen konfrontiert werde und damit umgehen muss. Die Messlatte hängt bei mir also ein bisschen höher, und sie ist ein bisschen kritischer als bei anderen Menschen.
Netzeitung.de:Sie sind einem größeren Druck ausgesetzt als der Otto-Normalverbraucher.
Harket: Genau. Es gibt viele Dinge, die mich eigentlich überhaupt nicht kümmern, aber weil sich die Medien dafür interessieren, muss ich mich immer wieder mit ihnen auseinandersetzen. Das ist großer Mist! Und um das zu umgehen, versuche ich eben, ihnen so wenig Angriffsfläche wie möglich zu liefern. Also halte ich mich in guter körperlicher Verfassung, damit meine körperliche Verfassung kein Thema für die Medien wird. Das ist der einzige Weg.
Netzeitung.de:Sind Sie mit den Jahren nicht ein bisschen lässiger geworden, was den Umgang mit Medien angeht? Gleichgültiger?
Harket: Das Biest bleibt ja dasselbe, egal, wie alt man ist. Ein paar Sachen sind natürlich einfacher geworden. Ich bin so gut wie 50 und gehöre also nicht mehr in die Altersgruppe, in der sich Teenagerinnen für einen interessieren, wie das früher der Fall war. Damals hat das fast keinen Raum mehr für andere Sachen gelassen... [er überlegt] ...wenn es nur ein Teil eines großen Ganzen gewesen wäre, hätte mich das nicht weiter gestört, aber es hat all meine Zeit aufgefressen, das hat Überhand genommen! Es hat meine Idee von dem, was ich machen wollte und die Gründe, warum ich es tun wollte, überschattet – obwohl es eigentlich gar nichts damit zu tun hatte. Das war ein Problem.
Netzeitung.de:Heute ist das ausgeglichener?
Harket: Ja, weil ich nicht mehr automatisch als Posterboy für zwölfjährige Mädchen gelte. Mit dieser Sache habe ich also nicht mehr zu kämpfen, seit ich älter bin. Jetzt sind die Mädchen 14 [lacht]. Nein, im Ernst, das ist eine wirkliche Erleichterung für mich.
Netzeitung.de:Geht es in Sachen Boulevardpresse in Norwegen eigentlich genau so rau und ungesittet zu wie in Deutschland oder England?
Harket: Die Mentalität ist ähnlich, nur nicht so geballt. Aber es ist doch so: Wenn du in einer Umgebung wie Norwegen bist, in denen es weniger Paparazzi gibt, wird es dich – wenn sie dich erwischen – umso härter treffen. Generell kann man aber nicht sagen, dass es irgendwo am schlimmsten wäre. In Deutschland ist die Masse an Paparazzi zum Beispiel dichter, als in England, wo sie dafür aber viel brutaler und respektloser sind. Dafür reagieren die Leute unbekümmerter auf die Arbeit der Boulevardpresse, in Deutschland wird sie viel ernster genommen. Der Effekt, den sie auslösen, ist hier ungleich größer.
Er sieht sich nach seinem Presse-Vertreter um, der vor ein paar Minuten leise den Raum betreten hat, um zu signalisieren, dass die Interviewzeit um ist.
Harket: Irgendetwas Bestimmtes, was Sie noch von mir wissen wollen? Ich denke wir haben nicht mehr viel Zeit.
Netzeitung.de:Vielleicht zum Schluss noch schnelle eine Message, die Sie allen Paparazzi dieser Welt mit auf den Weg geben wollen?
Harket: Fuck off! Liebe Grüße von Morten.
Netzeitung.de:Ein schönes Schlusswort!
Harket: Ach, aber wirkungslos, vermutlich. Paparazzi werden immer da sein, solange sie Geld für die Bilder bekommen, die sie von mir machen. So ist es einfach. Viel Glück für beide Seiten des Spiels! Denn ich bin ja ein Teil davon: Sobald das, was ich tue, nicht mehr länger Cash für sie bedeutet, werde ich sie nicht mehr zu sehen kriegen.
Morten Harkets neues Album «Letter from Egypt» erscheint am 30. Mai bei Polydor (Universal)