Interview mit «Viva Polonia»-Autor:
«Für Polen sind Angeber das Schlimmste»
Steffen Möller: Nee, echt? Wusste ich gar nicht aber klar, Godoj, das klingt polnisch. Die Frage ist natürlich sofort, ob er ein richtiger Pole ist oder ob er zu den Oberschlesiern gehört. (Anmerkung d. Red.: Godoj ist in Rybnik geboren, und somit tatsächlich ein Oberschlesier). Diese deutsche Minderheit hat ja in Warschau sogar eine eigene Vertretung so wie bei uns in Schleswig-Holstein die Dänen.
Netzeitung: Ihrer Reaktion nach zu schließen hat sich sein Sieg in Polen noch nicht herumgesprochen...
Möller: Solche Dinge kommen immer erst mit wochen-, teilweise monatelanger Verspätung rüber. Schade denn auch sonst ist von den deutsch-polnischen Gemeinsamkeiten, die es ja hundertfach gibt, wenig bekannt. Dass Angela Merkel eine polnische Großmutter hatte, wer weiß das schon? Oder dass es im Jahr 2006 schon 6000 deutsch-polnische Eheschließungen gab und die deutsch-polnischen Ehen unter den ausländischen Ehen mittlerweile die häufigsten sind? Unterhalb der Vorurteile und des schlechten Images, das es auf beiden Seiten gibt, spielen sich Super-Prozesse ab.
Netzeitung: Thomas Godoj, der Sieger der RTL-Show, wird von seinen Fans immer wieder so beschrieben: bodenständig, bescheiden, ehrlich. Entdeckt Deutschland da auch polnische Qualitäten?
Netzeitung: Komisch, eigentlich gelten doch die Deutschen als das Volk der Missgünstigen kaum hat jemand Erfolg, wird der ihm geneidet, lautet die Klage.
Möller: Genau wir Völker sind uns in vielem so ähnlich! Diese Skepsis, dieses leicht missgünstige, wer Erfolg hat, wird runtergemacht... Beide Länder haben aber auch positive Seiten gemein den Sinn für Gemütlichkeit, Grillen im Schrebergarten, Fußball gucken. Und wir haben die gleiche Geografie. Im Norden das Meer, im Süden die Berge, im Osten die Hauptstadt. Das heißt, beide Länder waren auch immer Durchzugsländer für fremde Armeen. Und dann teilen wir natürlich die Liebe zum Biertrinken...
Netzeitung: Sie selbst wagen in Ihrem sehr erfolgreichen Buch «Viva Polonia» (derzeit Platz 4 der Spiegel-Bestseller-Liste, d. Red.) ja eine kühne Prognose: 2020 werden die Polen in Deutschland so beliebt sein wie heute die Italiener, die einst «Makkaronis» genannt wurden.
Netzeitung: «Wir sind Papst» titelte einst die «Bild»-Zeitung, und das gilt ja auch für Polen Papst Benedikt ist dort unser bester Botschafter. Wie sieht es da mit dem heutigen Bundespräsidenten Horst Köhler (ein Kind Vertriebener) und seiner Gegenkandidatin Gesine Schwan aus die ja Präsidentin der Viadrina ist?
Möller: Leider, leider sind beide in Polen völlig unbekannt. Da bin selbst ich bekannter durch meine Fernsehserie «L wie Liebe».
Netzeitung: Können Sie uns das Phänomen «L wie Liebe» mal erklären?
Netzeitung: Sie selbst leben jetzt seit 14 Jahren in Polen, und haben es geschafft, sich dort als Kabarettist zu etablieren. Kann man Sie denn auch in Deutschland live sehen?
Möller: Ja, seit dem Erfolg des Buches trete ich nun verstärkt in Deutschland auf. In meinem neuen Programm führe ich die Zuschauer Schritt für Schritt in die Tiefen und Untiefen der deutschen Sprache. Ich erzähle, wie ich mich polonisiert habe, dass ich mittlerweile abergläubisch, gastfreundlich und trotzig wie ein Pole bin.
Möller: Genau das ich erzähle zum Beispiel einen polnischen Witz über Deutsche, und die Deutschen lachen. Genauso wie ich einen deutschen Witz über die Polen erzähle einen Klauwitz ganz in der Tradition von Harald Schmidt natürlich. Und Sie glauben es nicht beide Seiten lachen dann auch über sich selbst.
Netzeitung: Ziemlich unwitzig finden viele Deutsche in Polen ja den Katholizismus, die Tendenz zur Homophobie und die Kaczynski-Brüder...
Netzeitung: Und die Probleme der Schwulen und Lesben?
Möller: Da lässt sich nichts beschönigen, die sind da. Das ändert sich aber, auch, weil es da eine große Lobby gibt. Jacek Poniedzialek, ein sehr beliebter polnischer Schauspieler, hat sich kürzlich in der bekanntesten TV-Show des Landes (der Kuba Wojewodzki-Show) geoutet. Er spielte auch in «Mjak Milosc - L wie Liebe» mit. Es ist politisch nicht mehr korrekt, wenn Sie in der Öffentlichkeit schwulenfeindliche Töne von sich geben. An der Uni Warschau werden Sie dafür von den Studenten richtig ausgebuht.
Netzeitung: Wären noch die Zwillingsbrüder...
Möller: Kann man noch nicht ganz ad acta legen. In Polen ist ja immer so gewesen, dass jeder Premierminister in den letzten 19 Jahren abgewählt wurde. Auch Donald Tusk wird dieses Schicksal wohl bevorstehen. Und es kann sein, dass dann Jaroslaw Kaczynski wieder kommt. Auch wenn die Opposition gegen ihn so stark ist, dass viele Beobachter in Polen sagen, solange Kaczynski da ist, hat die Opposition ein leichtes Leben, weil sie sich nämlich immer gegen ihn vereinigt. Mal sehen.
Netzeitung: Ihr Buch geht mittlerweile in die sechste Auflage und ist ein echter Überraschungserfolg. Kritiker allerdings bemängeln, dass ihre Liebeserklärung an Polen auch ein bisschen klischeebeladen ist. Sehen Sie das auch so?
Netzeitung: Was planen Sie als nächstes?
Möller: Demnächst gibt es «Viva Polonia» auch als Hörbuch. Als Bonus ist da noch ein zwanzigminütiger Crash-Kurs drauf, die wichtigsten polnischen Wörter etwa. Außerdem mache ich eine kurze Feature-Reihe auf Radio Eins in Berlin. Und Filmproduzenten sind auch schon an mich herangetreten mal sehen, was draus wird. Ansonsten war ich gerade in England, zwei Monate lang und habe die dortige Polen-Welt studiert. Es gibt dort ja 1,5 Millionen Polen, die als Gastarbeiter arbeiten. Ich habe noch nie so viele Autogramme gegeben wie in London - in Polen sind die Leute ja an mich gewöhnt, aber in London haben sie mich ganz überrascht gefragt: Sind Sie denn auch auf Arbeitssuche hier so wie wir?
Netzeitung: Am 8. Juni spielt Deutschland gegen Polen bei der EM auf welcher Seite schlägt Ihr Herz?
Netzeitung: Haben die Polen auch ein deutsches Fußball-Trauma, ähnlich dem der Engländer?
Möller: Genau das gibt es. Die Polen haben noch nie gegen Deutschland auch nur unentschieden gespielt. Sie haben immer eins auf die Mütze gekriegt. Sie selbst sind ja ohnehin die größten Skeptiker und sagen, ja, gegen Aserbaidschan und die Farör Inseln sehen wir immer gut aus. Aber gegen Deutschland? Nie und nimmer.
Netzeitung: Drei Tipps für einen gelungenen Polen-Urlaub?
Steffen Möller: Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen, Scherz Verlag. Das Hörbuch erscheint Anfang Juni im Argon Verlag.

