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Interview mit «Viva Polonia»-Autor: 

«Für Polen sind Angeber das Schlimmste»

27. Mai 2008 10:25
Steffen Möller
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Mit einer Liebeserklärung an Polen gelang Steffen Möller ein überraschender Bucherfolg. Kerstin Rottmann fragte ihn, was an DSDS-Star Thomas Godoj so typisch polnisch ist, warum sich Deutsche und Polen viel näher als gedacht sind und wie das «Toiletten»-Mysterium zu lösen ist.

Netzeitung: «Deutschland sucht den Superstar» – und findet mit dem Sänger Thomas Godoj einen gebürtigen Polen. Zufall oder Zwangsläufigkeit, weil Polen derzeit schwer im Kommen ist?

Steffen Möller: Nee, echt? Wusste ich gar nicht – aber klar, Godoj, das klingt polnisch. Die Frage ist natürlich sofort, ob er ein richtiger Pole ist oder ob er zu den Oberschlesiern gehört. (Anmerkung d. Red.: Godoj ist in Rybnik geboren, und somit tatsächlich ein Oberschlesier). Diese deutsche Minderheit hat ja in Warschau sogar eine eigene Vertretung – so wie bei uns in Schleswig-Holstein die Dänen.

Netzeitung: Ihrer Reaktion nach zu schließen hat sich sein Sieg in Polen noch nicht herumgesprochen...

Möller: Solche Dinge kommen immer erst mit wochen-, teilweise monatelanger Verspätung rüber. Schade – denn auch sonst ist von den deutsch-polnischen Gemeinsamkeiten, die es ja hundertfach gibt, wenig bekannt. Dass Angela Merkel eine polnische Großmutter hatte, wer weiß das schon? Oder dass es im Jahr 2006 schon 6000 deutsch-polnische Eheschließungen gab und die deutsch-polnischen Ehen unter den ausländischen Ehen mittlerweile die häufigsten sind? Unterhalb der Vorurteile und des schlechten Images, das es auf beiden Seiten gibt, spielen sich Super-Prozesse ab.

Netzeitung: Thomas Godoj, der Sieger der RTL-Show, wird von seinen Fans immer wieder so beschrieben: bodenständig, bescheiden, ehrlich. Entdeckt Deutschland da auch polnische Qualitäten?

Möller: Da würde ich sofort Ja sagen. Das sind ja auch die Tugenden, die man Fußballer Miroslav Klose (ebenfalls ein gebürtiger Oberschlesier, d. Red.) immer bescheinigt, der den Star-Rummel bekanntlich hasst. Polnische Bescheidenheit ist eine sehr wichtige Tugend. Für den Polen sind Angeber das schlimmste auf der Welt. Deswegen muss man sich auch im Fernsehen immer ganz bescheiden geben. Bei dem DSDS-Gewinner glaube ich das sogar wirklich – weil er vom Showbusiness noch nicht verdorben ist. Aber auf dem Gebiet erlebt man auch unheimliche Heucheleien. Mein Finanzmakler hat mir mal gesagt, wenn Sie mal eine Million Zloty gespart haben – also 250.000 Euro – kaufen sie sich ein Haus und züchten eine ganz hohe Hecke drumherum, und tragen sie immer einen alten, abgewetzten Pullover. Und fahren Sie schlechte Autos, sonst gibt es so einen Neid, so eine Missgunst. Aber ehrlich gesagt, in Stuttgart habe ich das auch erlebt. In einem Cafe, angeblich dem ersten Haus am Platz, guckte ich mich um und sagte zu meinem Manager, Michael, schau mal, was hier für abgerissene Typen rumsitzen. Ach, sagte er, halt den Mund Steffen, das sind die reichsten Leute Stuttgarts, aber die haben sich extra ihre alten Klamotten angezogen.

Netzeitung: Komisch, eigentlich gelten doch die Deutschen als das Volk der Missgünstigen – kaum hat jemand Erfolg, wird der ihm geneidet, lautet die Klage.

Möller: Genau – wir Völker sind uns in vielem so ähnlich! Diese Skepsis, dieses leicht missgünstige, wer Erfolg hat, wird runtergemacht... Beide Länder haben aber auch positive Seiten gemein – den Sinn für Gemütlichkeit, Grillen im Schrebergarten, Fußball gucken. Und wir haben die gleiche Geografie. Im Norden das Meer, im Süden die Berge, im Osten die Hauptstadt. Das heißt, beide Länder waren auch immer Durchzugsländer für fremde Armeen. Und dann teilen wir natürlich die Liebe zum Biertrinken...

Netzeitung: Sie selbst wagen in Ihrem sehr erfolgreichen Buch «Viva Polonia» (derzeit Platz 4 der Spiegel-Bestseller-Liste, d. Red.) ja eine kühne Prognose: 2020 werden die Polen in Deutschland so beliebt sein wie heute die Italiener, die einst «Makkaronis» genannt wurden.

Möller: Naja, das war schon eine sehr optimistische Prognose (lacht). Polen hat ja einen großen Nachteil gegenüber Italien, es hat nicht so einen großen touristischen Reiz. Auch Deutschland gilt in Polen nicht als Urlaubsland. Aber das soll sich ändern. Ich mache gerade eine Werbekampagne für die deutsche Touristikzentrale in F.a.M.. Wir haben zwei Internet-Filme gemacht, die es auch auf Youtube gibt. Dabei geht es einmal um den Europapark in Rust und einmal um die Autostadt in Wolfsburg. Das Ziel ist, polnische Touristen nach Deutschland zu holen. Die Polen haben bereits jetzt mehr Hotelübernachtungen in Deutschland als die Japaner. Umgekehrt steigen die Zahlen ja auch.

Netzeitung: «Wir sind Papst» titelte einst die «Bild»-Zeitung, und das gilt ja auch für Polen – Papst Benedikt ist dort unser bester Botschafter. Wie sieht es da mit dem heutigen Bundespräsidenten Horst Köhler (ein Kind Vertriebener) und seiner Gegenkandidatin Gesine Schwan aus – die ja Präsidentin der Viadrina ist?

Möller: Leider, leider sind beide in Polen völlig unbekannt. Da bin selbst ich bekannter – durch meine Fernsehserie «L wie Liebe».

Netzeitung: Können Sie uns das Phänomen «L wie Liebe» mal erklären?

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Möller: Die Sendung ist etwa vergleichbar mit deutschen Serien wie «Sturm der Liebe». Zwei Sendetermine, abends zur Prime Time, mit bis zu zehn Millionen Zuschauern – Polen hat ja «nur» 38 Millionen Einwohner. In Polen ist sie die mit Abstand beliebteste TV-Serie überhaupt und ich spiele dort – allerdings mit bereits einem Jahr Pause – einen deutschen Kartoffelbauern, der Frittierkartoffeln anbaut und ansonsten Pech in der Liebe hat. Dort bin ich gerade zum zweiten Mal verheiratet, aber meine Frau ist auch schon wieder auf dem Sprung.

Netzeitung: Sie selbst leben jetzt seit 14 Jahren in Polen, und haben es geschafft, sich dort als Kabarettist zu etablieren. Kann man Sie denn auch in Deutschland live sehen?

Möller: Ja, seit dem Erfolg des Buches trete ich nun verstärkt in Deutschland auf. In meinem neuen Programm führe ich die Zuschauer Schritt für Schritt in die Tiefen und Untiefen der deutschen Sprache. Ich erzähle, wie ich mich polonisiert habe, dass ich mittlerweile abergläubisch, gastfreundlich und trotzig wie ein Pole bin.

Netzeitung: Gibt es denn Dinge, über die beide Seiten lachen würden – außer vielleicht übereinander?

Möller: Genau das – ich erzähle zum Beispiel einen polnischen Witz über Deutsche, und die Deutschen lachen. Genauso wie ich einen deutschen Witz über die Polen erzähle – einen Klauwitz ganz in der Tradition von Harald Schmidt natürlich. Und Sie glauben es nicht – beide Seiten lachen dann auch über sich selbst.

Netzeitung: Ziemlich unwitzig finden viele Deutsche in Polen ja den Katholizismus, die Tendenz zur Homophobie und die Kaczynski-Brüder...

Steffen Möller
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Möller: Tja, die katholische Kirche – die nimmt in meinem Buch ja gleich ein ganzes Kapitel ein. Also ich glaube, dass es in Polen viel fanatischere Christen gibt – die Zeugen Jehovas klingeln alle Nase lang an der Tür. Der polnische Katholizismus ist ruhig, geradezu relaxt. Dadurch, dass 99 Prozent aller Menschen dazu gehören, braucht man keine große Reklame zu machen. Im Alltag habe ich noch nie erlebt, dass mich jemand moralisch anmacht. Im Gegenteil, dadurch, dass Weihnachten und Ostern in Polen noch mehr gefeiert werden, sind das große Familienfeste, während in Deutschland leider nur allzu oft der Familienkrach im Vordergrund steht.

Netzeitung: Und die Probleme der Schwulen und Lesben?

Möller: Da lässt sich nichts beschönigen, die sind da. Das ändert sich aber, auch, weil es da eine große Lobby gibt. Jacek Poniedzialek, ein sehr beliebter polnischer Schauspieler, hat sich kürzlich in der bekanntesten TV-Show des Landes (der Kuba Wojewodzki-Show) geoutet. Er spielte auch in «Mjak Milosc - L wie Liebe» mit. Es ist politisch nicht mehr korrekt, wenn Sie in der Öffentlichkeit schwulenfeindliche Töne von sich geben. An der Uni Warschau werden Sie dafür von den Studenten richtig ausgebuht.

Netzeitung: Wären noch die Zwillingsbrüder...

Möller: Kann man noch nicht ganz ad acta legen. In Polen ist ja immer so gewesen, dass jeder Premierminister in den letzten 19 Jahren abgewählt wurde. Auch Donald Tusk wird dieses Schicksal wohl bevorstehen. Und es kann sein, dass dann Jaroslaw Kaczynski wieder kommt. Auch wenn die Opposition gegen ihn so stark ist, dass viele Beobachter in Polen sagen, solange Kaczynski da ist, hat die Opposition ein leichtes Leben, weil sie sich nämlich immer gegen ihn vereinigt. Mal sehen.

Netzeitung: Ihr Buch geht mittlerweile in die sechste Auflage und ist ein echter Überraschungserfolg. Kritiker allerdings bemängeln, dass ihre Liebeserklärung an Polen auch ein bisschen klischeebeladen ist. Sehen Sie das auch so?

Steffen Möller
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Möller: Das Buch ist schon deswegen keine Schleimerei, weil ich ja tatsächlich dort lebe, und das nun schon seit 14 Jahren. Wenn es mir nicht gefallen würde, dann wäre ich ja längst weg. Außerdem gibt es in dem Buch auch viele kritische Punkte, die leider von meinen Kritikern nicht aufgezählt werden. So kritisiere ich ja etwa das Hierarchiedenken der Polen, das an den Unis immer noch sehr stark ist. Oder dass die Polen so Mimosen sind, die keine Kritik vertragen können. Oder dass sie oft so starke Minderwertigkeitskomplexe haben und das dann immer kompensieren wollen – aber insgesamt bin ich natürlich klarer Polen-Fan. Für mich sind die wichtigsten polnischen Eigenschaften einfach Herzlichkeit und Humor.

Netzeitung: Was planen Sie als nächstes?

Möller: Demnächst gibt es «Viva Polonia» auch als Hörbuch. Als Bonus ist da noch ein zwanzigminütiger Crash-Kurs drauf, die wichtigsten polnischen Wörter etwa. Außerdem mache ich eine kurze Feature-Reihe auf Radio Eins in Berlin. Und Filmproduzenten sind auch schon an mich herangetreten – mal sehen, was draus wird. Ansonsten war ich gerade in England, zwei Monate lang und habe die dortige Polen-Welt studiert. Es gibt dort ja 1,5 Millionen Polen, die als Gastarbeiter arbeiten. Ich habe noch nie so viele Autogramme gegeben wie in London - in Polen sind die Leute ja an mich gewöhnt, aber in London haben sie mich ganz überrascht gefragt: Sind Sie denn auch auf Arbeitssuche hier so wie wir?

Netzeitung: Am 8. Juni spielt Deutschland gegen Polen bei der EM – auf welcher Seite schlägt Ihr Herz?

Möller: Vom Kopf her habe ich mir vorgenommen, dass diesmal Polen gewinnen muss. Was dann während des Spiels da in Klagenfurt in meiner Brust passieren wird, das weiß der Himmel. Ich fürchte fast, dass meine deutsche Sozialisierung doch wieder durchkommt. Als Kind habe ich schließlich in Bettwäsche von Bayern München geschlafen. Es gibt so ein paar Sachen, da kommen Sie nie wieder raus. Deutsche Wurst, deutsches Brot – das ist für mich immer noch das Beste auf der Welt. So wie auch alle Polen glauben, polnische Wurst und polnisches Brot sind das Beste. Also ich nehme es mir vor, und dann wollen wir mal gucken.

Netzeitung: Haben die Polen auch ein deutsches Fußball-Trauma, ähnlich dem der Engländer?

Möller: Genau das gibt es. Die Polen haben noch nie gegen Deutschland auch nur unentschieden gespielt. Sie haben immer eins auf die Mütze gekriegt. Sie selbst sind ja ohnehin die größten Skeptiker und sagen, ja, gegen Aserbaidschan und die Farör Inseln sehen wir immer gut aus. Aber gegen Deutschland? Nie und nimmer.

Netzeitung: Drei Tipps für einen gelungenen Polen-Urlaub?

Das Hörbuch von Steffen Möller
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Möller: Krakau besuchen! Meine Lieblingsspeise Zurek probieren, eine saure Mehlsuppe mit Ei und Wurst drin und vielleicht einmal polnische Äpfel kosten, eine Sorte, die Ligol heißt und die es in Deutschland nicht gibt. Und die folgenden drei Regeln beachten: Keine Witze über Johannes Paul den II. reißen. Über Papst Benedikt hingegen, so viel man will. Und genau auf die Toiletten-Piktogramme achten: Es gibt in Polen häufig noch die Zeichen Dreieck und Kreis. Das Dreieck steht für den Mann. Und der Kreis für die Frau. Ich überlasse es jetzt Ihrer ganz persönlichen Phantasie, welche Eselsbrücke Sie sich dazu bauen!

Steffen Möller: Viva Polonia. Als deutscher Gastarbeiter in Polen, Scherz Verlag. Das Hörbuch erscheint Anfang Juni im Argon Verlag.


 
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