netzeitung.de«Ich will seit zehn Jahren 'Faust' verfilmen»

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Fatih Akin hat in Cannes seinen neuen Film «Auf der anderen Seite» vorgestellt. Aliki Nassoufis und Sascha Rettig sprachen mit dem Regisseur über das Erwachsenwerden - im Leben wie im Film.

Mit seinem jüngsten filmischen Werk wurde Fatih Akin bereits zum zweiten Mal zum Filmfestival in Cannes geladen. Vor zwei Jahren kam er als Mitglied der Jury und seine Istanbul-Dokumentation «Crossing the Bridge» lief außer Konkurrenz.

Ein Gespräch über das neue Drama «Auf der anderen Seite», in dem unter anderem Hanna Schygulla auftritt und das am Mittwoch an der Côte d'Azur Premiere feierte, nahm gleich zu Beginn groteske Züge an.

Zur Verblüffung aller Anwesenden richtete ein forscher Journalist das Wort an Akin. Der Vorschlag: Man solle dem Regisseur besser keine Fragen stellen, schließlich könne er von sich aus erzählen, wie sein Film entstanden sei. Der nicht minder verblüffte Akin begann daraufhin tatsächlich zu erzählen. Anschließend kam es dann aber doch noch zu ein paar individuellen Antworten.

Am Mittwoch hatte «Auf der anderen Seite» in Cannes Premiere. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vor der großen Leinwand im Grand Théatre Lumière saßen?

Fatih Akin: Vor allem, dass sie die Schärfe auf die Untertitel gestellt haben und nicht auf das Bild. Normalerweise ist das Bild 35 mm. Das haben die aber aufgeblasen auf Scope. Dadurch sah alles anders aus, und ich bin Tausend Tode gestorben. Drei Mal bin ich zum Projektor-Typen gelaufen und habe gesagt: «Ey, mach das mal richtig.» Er hat aber nur geantwortet: «We always do it like this.» Dabei habe ich vorher eine technische Abnahme gemacht, und da war das richtig eingestellt. Während der Vorstellung wusste ich daher überhaupt nicht, ob es den Zuschauern gefällt.

Sie waren ja vor zwei Jahren schon mit der Istanbul-Musik-Collage «Crossing the Bridge» in Cannes geladen – allerdings außer Konkurrenz. Was war denn diesmal anders?

Akin: Letztes Mal war es ein Freundschaftsspiel, denn ich sehe das Filmemachen auch als eine Sportart an. Deswegen kann ich nun aber auch sagen: «Ich will gewinnen und ins Endspiel kommen.» 2005 war das halt entspannter, da habe ich den Ball hin und her geschoben und Tricks gemacht. Jetzt ist das anders, jetzt sind viel mehr Verleiher da, die sich für den Film interessieren.

Und vor ein paar Tagen saßen Sie zusammen mit Martin Scorsese auf dem Podium und haben gemeinsam mit ein paar anderen Kollegen die «World Cinema Foundation» vorgestellt, die alte Filme restaurieren und vor dem Verfall retten will.

Akin: Ja, Scorsese hat mich eingeladen, ein Teil dieser Foundation zu sein. Yes, yes, yes! Davon hatte ich immer geträumt, da wollte ich immer hin. Und jetzt trauen die mir das tatsächlich zu. Sie denken: «Der Junge liebt das Kino wie wir.»

Ein amerikanischer Kritiker hat geschrieben, Sie seien mit «Auf der anderen Seite» erwachsen geworden.

Akin: Das weiß ich nicht. Ich bin Vater geworden, also bin ich im Leben auch erwachsener geworden. Ich hab früher gedacht, es ist egal, was morgen ist. Jetzt aber habe ich eine Verantwortung meinem Kind gegenüber und kann nicht so Rock'n'Roll-mäßig dahin vegetieren, sondern würde gerne so lange wie möglich noch am Leben teilnehmen, um meinem Kind viel Wissen beibringen zu können, was richtig und falsch ist.

«Auf der anderen Seite» hat eine andere, ruhigere Bildsprache als der wuchtige «Gegen die Wand».

Akin: Ja, ich habe mich bemüht, ein anderes visuelles Konzept mit Vorbildern aus dem Iran oder China zu entwickeln. Ey, das gibt den Bildern Raum, das gibt den Bildern Zeit. Ruhe, Ruhe, Zen, Alter, hab's mal nicht so eilig.

Das Türkei-Bild fällt recht kritisch aus. Sie selber leben in Hamburg und nicht in Istanbul. Wie sehen Sie gegenwärtig die Situation in der Türkei?

Akin: Als wir 2004 «Crossing the Bridge» gedreht haben, war es die liberalste und freieste Türkei aller Zeiten. Jeder konnte sagen, was er wollte, Menschenrechte wurden anerkannt, es gab einen EU-Kurs, und man war bemüht, Lösungen in der Zypern- und der Armenienfrage zu finden. Aber jetzt, drei Jahre danach, steht die Türkei fast am Abgrund, steht die Türkei vorm Bürgerkrieg. Es fällt mir sehr schwer und tut mir in meiner Seele und meinem Herzen weh, das zu verfolgen und zu beobachten. Ich habe ein großes Bedürfnis, das verarbeiten zu müssen, und Kino bietet mir die Möglichkeit zum Reflektieren. Ich bin froh, die Sicherheit zu haben und im Augenblick zumindest in Deutschland zu leben. Ich glaube, wenn ich in der Türkei leben müsste, würde ich gar nicht klar kommen. Ich wäre sofort im Knast.

Ihre Filme bewegen sich zwischen beiden Kulturen, zwischen Deutschland und der Türkei. Welcher fühlen Sie sich denn näher?

Akin: Ich fühle mich als Vertreter des deutschen Films und auch sehr wohl damit. Ich weiß nicht, wie deutsch oder türkisch ich bin. Das macht mir aber auch keine Kopfschmerzen, solange mich niemand zwingt, mich zu entscheiden.

Ihr Abitur haben Sie über Goethe geschrieben...

Akin: Ja, über «Die Leiden des jungen Werther». Ich konnte mich einfach sehr früh mit ihm identifizieren. Ich sage nicht, ich bin Goethe, aber er hatte auch eine unstillbare Neugier, um die Welt mit eigenen Gesetzen und Gewichtungen zu verstehen. Das versuche ich auch – nichts weiter, als zu begreifen, was passiert. Seit zehn Jahren arbeite ich mit ein paar Kumpels daran, «Faust» zu verfilmen, aber weil es so schwierig ist, arbeiten wir noch immer daran. Ich glaube, wenn Goethe heute leben würde, würde er auch Drehbücher schreiben.

Sie sind als Newcomer im Wettbewerb gestartet und gehören gleich zum Kreis der Favoriten. Was wäre, wenn Sie am Sonntagabend tatsächlich die Goldene Palme in den Händen halten würden?

Akin: Ich will nicht über ungelegte Eier reden und glaube auch ehrlich nicht, dass ich sie kriege. Trotzdem würde ich mich natürlich freuen: Juchu für Deutschland! Juchu für mich und meine Karriere! Dann könnte ich «Auf der anderen Seite» in 150 Länder verkaufen und hätte die Taschen voller Geld. Wichtiger ist aber, dass das Festival schon jetzt hilft, den Film vielen Leuten zu zeigen – er braucht die Aufmerksamkeit hier.

Mit Fatih Akin sprachen Aliki Nassoufis und Sascha Rettig.