netzeitung.deVon Triers Hammer und Tarantinos bad chicks

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'Death Proof' in Cannes: Tracie Thoms, Rose McGowan und Regisseur Quentin Tarantino (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Death Proof' in Cannes: Tracie Thoms, Rose McGowan und Regisseur Quentin Tarantino
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Trotz unangenehmer Kollegen und brutaler Türpolitik hat es Sascha Rettig ins Kino geschafft. Dafür hat Cannes ihn mit dem neuen Tarantino und einem deutschsprachigen Palmen-Kandidaten belohnt.

Es ist ganz normal, dass man zur Hälfte des Cannes-Festivalwahnsinns dünnhäutiger wird, und die anfängliche Gelassenheit verschwunden ist. Unausgeschlafenheit, enge, volle Kinos, quasselnde Kollegen, rempelnde Drängeleien und prinzipienreitende Türsteher. Manchmal würde man da gern wie Lars von Trier in seiner dreiminütigen Filmminiatur aus der 60-Jahre-Cannes-Jubiläumskompilation «Chacun son cinéma» reagieren. Darin sitzt der Regisseur selbst im Kino und sieht sich «Dogville» an. Wahrscheinlich ist es die Premiere, denn der Regisseur trägt einen Smoking. Die Situation ist entspannt, doch plötzlich legt der Typ neben ihm los: Er redet und nervt und nervt und redet. Irgendwann fragt dieser selbst ernannte «Filmkritiker und Geschäftsmann» seinen Sitznachbarn, was er denn eigentlich mache. «Ich töte», sagt Von Trier und schlägt ihm mit einem Hammer erst das linke Auge und dann den ganzen Kopf ein.

Da solche Ideen Fantasien bleiben müssen, ist es gut, wenn man bei diesen Anspannungen einfach mal die Gedanken durchpusten kann. Und da kam Quentin Tarantinos Wettbewerbsfilm «Death Proof» gerade recht. «Ich will die Filme machen, die andere Menschen auch dazu bringen sollen, Filme zu machen», sagte der Kultregisseur sein neues Werk. Und fuhr mit «Death Proof» all das auf, was im Kunstkino eher selten vorkommt: heiße und toughe Frauen (unter anderem Rosario Dawson) mit langen Haaren, die zulangen können, lässig herumquatschen und enge T-Shirts tragen, auf denen auch mal «Badass Cinema» steht. Einen gelassen bösen Kurt «Stuntman Mike» Russell mit Gesichtsnarbe und schnelle Autos, die bei Verfolgungsjagden zu Schrott gefahren werden.

Das alles ist natürlich völlig inhaltsleer – muss es aber eigentlich auch sein. Denn diesmal ist der hyperaktive Filmbuff Tarantino, der sich schon durch alle Untiefen der B- bis Z-Movie-Geschichte gewühlt und daraus seine Filme zusammengebaut hat, beim Grindhouse angekommen: Dem räudigen siebzieger-Jahre-Trash, der damals in wohl noch räudigeren Kinos gezeigt wurde. Selbst die Bilder von «Death Proof» sind auf alte Filmkopie getrimmt: Kratzer, Risse, Sprünge, einmal springt er sogar von den ausgewaschenen Seventies-Farben auf Schwarzweiß und irgendwann wieder zurück.

In den USA lief Tarantinos Auto-Thriller bereits in einem «Grindhouse»-Doublefeature zusammen mit Robert Rodriguez' Zombieslasher «Planet Terror». Weil die Kingsize-Packung aber floppte, kommen beide Filme nun noch mal einzeln und eigenständig ins Kino, wofür Tarantino «Death Proof» um fast 20 Minuten verlängert hat. Unter anderem auch mit einem sexy Lap-Dance, der in der amerikanischen Version bisher nur als «missing reel» existierte.

Missing Reel
«Ich hatte ein perverses Vergnügen daran, die Aufregung in der Szene zu steigern – und es dann den Zuschauern doch nicht zu geben», sagte Tarantino, der wohl zu den Menschen gehört, die sich heiß reden, reden, reden und reden, ohne Luft zu holen und offensichtlich dadurch das Gehirn mit Sauerstoff zu versorgen.

Auch wenn «Death Proof» mit seinen ausgedehnten Chit-Chat-Szenen noch etwas geschwätziger wurde, ist der Abstecher ins Schundkino tatsächlich eine lustige Angelegenheit. Nicht nur, wenn zum Finale die Knackarschphalanx der «Girls» zum Vermöbeln auf den wimmernden Russell zugeht. Frauen, ihre Füße und durchschlagende Girlpower sind schließlich nirgendwo so cool wie bei Tarantino. Rosario Dawson jedenfalls konnte sich vor superlativer Begeisterung kaum bremsen: «Der Film hat eine der besten Verfolgungsjagden und die besten bad-ass-chicks, die man je gesehen hat. Er hat den finstersten, schaurigsten Killer, der auf eine Weise finster und schaurig ist, wie man es noch nie gesehen hat. Er macht Spaß und zeigt einen Tarantino, wie man ihn so noch nicht gesehen hat.» Für einen schlechten Film ist «Death Proof» dann auch tatsächlich ziemlich gut geworden.

Gesellschaftliche Randgestalten
Ein hartes Gegenstück zum «trivialen» Tarantino und dem ganzen Glamourexzess mit Brangelina und Co. lieferte Ulrich Seidl («Hundstage») mit seinem Wettbewerbsfilm «Import/Export». Einmal mehr setzt der Österreicher darin seine provokante Erforschung der Lebensumstände gesellschaftlicher Randgestalten fort. Diesmal allerdings zwischen Ost und West, in der Ukraine und in Österreich.

Statt der Radikalität und starken Präsenz der physischen und psychischen Gewalt von «Hundstage» liegt hier jedoch eine Traurigkeit in den immer wieder direkten Bildern aus der hässlichen und kalten Wirklichkeit. In den ukrainischen Slums, bei den sexuell ausgebeuteten Mädchen oder den dahin vegetierenden Alten auf der geriatrischen Station. Nach mehr als zwei Stunden deprimierender und bisweilen sicher exploitativer Tristesse an der Schnittstelle zwischen Dokumentarfilm und Fiktion lässt der sonst so mitleidlose Seidl allerdings erstmals etwas ganz Neues zu: wenige Momente der Zärtlichkeit, der Nähe und zum Schluss sogar zwei Minuten, zwei Einstellungen Hoffnung.
Hoffnung auf die Palme
Ob sich Seidl dafür auch Hoffnung auf die Goldene Palme machen kann? Oder doch eher Julian Schnabels kunstvolles Filmgedicht «Le Scaphandre et le Papillon» über einen Mann, der am «locked in»-Syndrom litt und nur über Augenzwinkern kommunizieren kann. Nach der ersten Hälfte des Festivals ist der Favoritenkreis noch sehr übersichtlich: In den Kritikerspiegeln stehen die Coens mit ihrer blutgetränkten Romanadaption «No Country For Old Men» ebenso weit oben wie das rumänische Abtreibungsdrama «4 Months, 3 Weeks and 2 Days. Bei den Buchmachern hingegen steht die Quote mit 10:1 für Wong Kar Wai Sehnsuchtsroadmovie »My Blueberry Nights« nicht schlecht.

Und Tarantino? Abgeschlagen mit 16:1. Bei all den Härten der Wirklichkeit im Wettbewerb könnte vielleicht aber auch manch ein Jury-Mitglied Tarantino für seinen coolen Car-Crash-Thrill sehr palmendankbar sein.