Wo bitte geht's nach Guantanamo?19. Mai 2007 16:14
Michael Moore unter den Palmen von Cannes
Warum Michael Moore zehn Kilo abgenommen hat, und warum Javier Bardem trotz Pilzkopf ein verdammt cooler Killer ist. Sophie Albers berichtet vom Filmfestival in Cannes.
Es wird schwierig, diesen Film auf einen Nenner zu bringen. Die Guten sterben irgendwann, die Bösen auch – vielleicht ein bisschen später. Immerhin lebt man länger, wenn man nicht sonderlich schmerzempfindlich ist. Aber eigentlich ist das alles auch egal, weil am Ende das Land gewinnt, das Amerika ist, ob nun auf der einen oder anderen Seite der Grenze zu Mexiko. Die Coen-Brüder Joel und Ethan haben ihren neuen Film präsentiert, und mit «No country for old men» ist ihnen wohl die entspannteste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte gelungen.
Die Bilder sind grandios und weit, die Charaktere gewaltig. Angefangen mit Josh Brolin, der auch in Tarantinos «Death Proof» eine Rolle spielen wird und hier ein bisschen an den jungen Kris Kristofferson erinnert, über die Gesichtslandkarte von Tommy Lee Jones, bis zu Javier Bardem, der der langen Reihe charismatischer Leinwandkiller einen stoischen Pilzkopf mit portablem Bolzenschussgerät hinzufügt.
Vielleicht gerade wegen des Killers, aber auch von der Anlage der ganzen Geschichte her erinnert «No country for old men» immer wieder an Tony Scotts «True Romance», in dem 1993 auch ein Koffer mit Drogengeld verschwunden war und ein durchgeknallter Profikiller den eigentlich harmlosen Finder jagte. Bardem kann sich ohne weiteres mit Christopher Walken messen. Vielleicht ist da sogar eine Palme drin. Allerdings fällt der Film gegen Ende etwas ab.
Tommy Lee Jones in 'No country for old men'
Von Anfang bis Ende unterhaltsame 123 Minuten bietet das neue Werk von Michael Moore, das in Cannes Weltpremiere feiert. Und das neue Dokutainment hat viele überrascht, so sehr, dass in der Pressevorführung von «Sicko» sogar Tränen flossen. Dabei war der Meister der Invers-Propaganda doch eigentlich schon durch nach dem großen Erfolg von «Fahrenheit 9/11», der 2004 die Goldene Palme gewonnen hatte. Doch «Sicko» berührt wirklich – egal wie offensichtlich Moores Methoden sind.
Dem Tod überlassenDer Mann ist zwar zuweilen widerlich arrogant, doch spricht er die Dinge an, die Millionen Menschen in den USA das Leben schwer machen oder sogar nehmen. Und das in für jedermann verständlichen kleinen Häppchen, die er mit wohlwollendem Zynismus würzt. Es geht darum, wie Amerika seine Kranken behandelt. «Sicko» erzählt von Krankenversicherungen, die aus reiner Profitgier kranke Kinder sterben lassen, Krebskranken die Therapie nicht bezahlen oder einem Hirntumor-Patienten im finalen Stadium sagen, das Ding in seinem Kopf sei nicht lebensgefährlich, also keine Operation nötig.
50 Millionen Menschen in den USA sind nicht krankenversichert, so Moores Zahl am Anfang. Sie müssen jegliche medizinische Versorgung selbst zahlen, ob neue Zähne oder eine abgerissene Hand. Ein Mann muss nicht entscheiden, welchen Finger er retten will, sondern welchen er sich leisten kann. Doch auch mit Versicherung sieht es übel aus: Moore lässt ehemalige Angestellte von den Methoden berichten, wie Krankenkassen Kranke abweisen, und er lässt Mütter von Kindern erzählen, die nicht behandelt werden und sterben.
Michael Moore unterhält sich in 'Sicko' mit einem Arzt.
Dem US-Status-Quo stellt Moore dann die staatliche Krankenversorgung in Kanada, Großbritannien und Frankreich gegenüber. Die malt er allerdings ziemlich rosa, was er damit verteidigt, dass sie immer noch unendlich viel besser sei als in seiner Heimat, die das staatliche Krankenkassensystem als kommunistisch verteufelt.
Mit 9/11-Helfern Richtung GuantanamoAbsurder Höhepunkt des Films ist Moores Reise nach Kuba: Auch einst als Helden gefeierte Helfer nach den Anschlägen vom 11. September müssen sich mittlerweile von Krankenversicherungen wie Kriminelle behandeln lassen, verlieren Arbeit und Haus, um die Behandlungen für ihre zerstörten Lungen bezahlen zu können.
Weil das US-Militär sich rühmt, den Gefangenen von Guantanamo besonders umfassende medizinische Pflege angedeihen zu lassen, nimmt Moore die kranken, allein gelassenen Helden und bringt sie nach Kuba. So kommt es zu der großartigen Szene, in der die drei Boote vor der Bucht warten und Moore ins Megafon ruft: «Hallo, ein paar 9/11-Helfer möchten gerne in Ihre Klinik.»
Natürlich kommen sie nicht hinein, dafür genießen sie kurz darauf den Service des kubanischen Gesundheitssystems, das zu den besten der Welt gehört. Kranken wird geholfen, ohne vorher die Erlaubnis der Versicherung einzuholen, zeigt Moore. Und wenn eine chronisch kranke Frau anfängt zu weinen, weil sie erfährt, in welchem Ausmaß sich die Pharma-Industrie und die Versicherungen in ihrem Land an ihr bereichern, ist das schon ein sehr trauriger Augenblick.
Versprechungen an den Realitäten zu messen und das unbedingte beim Wort zu nehmen ist eine Kunst, die Moore virtuos beherrscht. Dass es zuweilen zum cheap shot verkommt, sollte man nicht den Bösen zu Gute halten, die Moore immer wieder mit Namen und Adresse nennt. Er nutzt die gleichen Mechanismen wie die, die er angreift. Aber er deckt dabei eben tatsächlich auch auf, und dieses Ad-absurdum-Führen der Werbebildchen der egozentrisch-kapitalistischen Gesellschaft ist immer wieder sehr befreiend.
Dick und dickhäutigWegen der bedrohlichen Situation in der Heimat habe er übrigens mehrere Kopien von «Sicko» außer Landes gebracht, erzählt Moore, der trotz seines beeindruckenden Körperumfangs auch ein bisschen aufgeplustert aussieht. Er liebe das Land, in dem er lebe, doch wünsche er sich, dass seine Landesgenossen schneller lernen würden. Schließlich habe er sowohl bei General Motors, den amoklaufenden Schülern und auch im Falle Bush Recht behalten.
NULL=YESOffizielle Homepage des Cannes Filmfestivalshttp://www.festival-cannes.com/index.php/choose_lang
Der dicke Mann mit dem dicken Selbstbewusstsein wirkt extrem dickhäutig, aber das muss er wohl auch sein, denn das Geschrei wird groß sein, wenn «Sicko» in die Kinos kommt. Nach der Frage, wie weit er für seine Filme gehen würde, macht Moore eine sehr lange Pause, findet aber trotzdem keine richtige Antwort.
Er selbst habe aus seiner Arbeit an «Sicko» gelernt, dass man besser auf sich aufpassen müsse, sagt Moore später. Denn Prävention sei die beste Waffe gegen raffgierige Krankenversicherungen. Deshalb habe er heute auch die Treppe und nicht den Fahrstuhl genommen – und wiege zehn Kilo weniger als das letzte Mal in Cannes. Vielleicht beantragt Moore ja bald Asyl in Frankreich, scherzt ein französischer Kollege beim Hinausgehen
Regenfälle wie aus Kübeln, überflutete Straßen und Keller, fünf Verletzte bei einem Blitzeinschlag: Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte hatten am Nachmittag vor allem im Westen und Süden enorm zu tun.
Schock für Fans des Eisschnelllaufs: Die mehrfache Olympiasiegerin Claudia Pechstein steht unter Blutdoping-Verdacht. Ihr Anwalt will gegen die Sperre des Weltverbandes vorgehen, der keine positive Probe vorweisen kann.