Wo bitte geht's nach Guantanamo?
19.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Die Bilder sind grandios und weit, die Charaktere gewaltig. Angefangen mit Josh Brolin, der auch in Tarantinos «Death Proof» eine Rolle spielen wird und hier ein bisschen an den jungen Kris Kristofferson erinnert, über die Gesichtslandkarte von Tommy Lee Jones, bis zu Javier Bardem, der der langen Reihe charismatischer Leinwandkiller einen stoischen Pilzkopf mit portablem Bolzenschussgerät hinzufügt.
Vielleicht gerade wegen des Killers, aber auch von der Anlage der ganzen Geschichte her erinnert «No country for old men» immer wieder an Tony Scotts «True Romance», in dem 1993 auch ein Koffer mit Drogengeld verschwunden war und ein durchgeknallter Profikiller den eigentlich harmlosen Finder jagte. Bardem kann sich ohne weiteres mit Christopher Walken messen. Vielleicht ist da sogar eine Palme drin. Allerdings fällt der Film gegen Ende etwas ab.
50 Millionen Menschen in den USA sind nicht krankenversichert, so Moores Zahl am Anfang. Sie müssen jegliche medizinische Versorgung selbst zahlen, ob neue Zähne oder eine abgerissene Hand. Ein Mann muss nicht entscheiden, welchen Finger er retten will, sondern welchen er sich leisten kann. Doch auch mit Versicherung sieht es übel aus: Moore lässt ehemalige Angestellte von den Methoden berichten, wie Krankenkassen Kranke abweisen, und er lässt Mütter von Kindern erzählen, die nicht behandelt werden und sterben.
Weil das US-Militär sich rühmt, den Gefangenen von Guantanamo besonders umfassende medizinische Pflege angedeihen zu lassen, nimmt Moore die kranken, allein gelassenen Helden und bringt sie nach Kuba. So kommt es zu der großartigen Szene, in der die drei Boote vor der Bucht warten und Moore ins Megafon ruft: «Hallo, ein paar 9/11-Helfer möchten gerne in Ihre Klinik.»
Natürlich kommen sie nicht hinein, dafür genießen sie kurz darauf den Service des kubanischen Gesundheitssystems, das zu den besten der Welt gehört. Kranken wird geholfen, ohne vorher die Erlaubnis der Versicherung einzuholen, zeigt Moore. Und wenn eine chronisch kranke Frau anfängt zu weinen, weil sie erfährt, in welchem Ausmaß sich die Pharma-Industrie und die Versicherungen in ihrem Land an ihr bereichern, ist das schon ein sehr trauriger Augenblick.
Versprechungen an den Realitäten zu messen und das unbedingte beim Wort zu nehmen ist eine Kunst, die Moore virtuos beherrscht. Dass es zuweilen zum cheap shot verkommt, sollte man nicht den Bösen zu Gute halten, die Moore immer wieder mit Namen und Adresse nennt. Er nutzt die gleichen Mechanismen wie die, die er angreift. Aber er deckt dabei eben tatsächlich auch auf, und dieses Ad-absurdum-Führen der Werbebildchen der egozentrisch-kapitalistischen Gesellschaft ist immer wieder sehr befreiend.
Er selbst habe aus seiner Arbeit an «Sicko» gelernt, dass man besser auf sich aufpassen müsse, sagt Moore später. Denn Prävention sei die beste Waffe gegen raffgierige Krankenversicherungen. Deshalb habe er heute auch die Treppe und nicht den Fahrstuhl genommen und wiege zehn Kilo weniger als das letzte Mal in Cannes. Vielleicht beantragt Moore ja bald Asyl in Frankreich, scherzt ein französischer Kollege beim Hinausgehen

