28.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Mit Kulleraugen zum Erfolg: Alemuel.
Foto: Networking Media
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Alles begann mit einem Spaß-Video bei Youtube: Die 18-jährige Alemuel trällerte ein Kinderlied in die Kamera. Bald hatte sie Millionen Zuschauer, hunderte Nachahmer - und nun eine Single im Handel. Mit Video
Ein Mädchen mit Brille und Haarreif sitzt in einem Sessel und bewegt ihre Hände zu einer schlichten, monotonen Melodie. Zu «Kleiner Hai, Dim Dim» formt sie mit ihren Fingern ein L, dann singt sie lispelnd «Großer Hai» und wedelt mit den Armen. Die hier beschriebene Performance ist nicht etwa das Unterhaltungsprogramm einer Kindertagesstätte, sondern der Inhalt eines Youtube-Videos, das schon unglaubliche 2,8 Millionen Mal angeschaut wurde.
Als die 18-jährige Alemuel im Januar 2007 ihren Clip mit dem Namen «Kleiner Hai» postete, konnte sie nicht ahnen, welchen Hype sie damit in Gang setzen würde. Besonders bei Usern unter 15 genießt ihr Song Kultstatus: Jeden Tag kommen rund 20.000 neue Views hinzu. Das Seltsamste ist aber, dass der Auftritt offenbar zum Nachahmen anstiftet. Bei Youtube kursieren ungefähr 400 nachgedrehte «Kleiner Hai»-Filme, in denen Kleinkinder, ganze Schulklassen und sogar Afrikaner die skurrile Choreographie imitieren.
Meeresrauschen und 90er-DancefloorDie unverhoffte Berühmtheit hat Alemuel jetzt einen Plattenvertrag mit EMI verschafft: An diesem Freitag wird ihr «Kleiner Hai» als Single veröffentlicht. Als Werbegag muss die Hobby-Sängerin dann auch gleich auf die ganz große Bühne. Noch am selben Tag tritt sie mit dem Song bei «The Dome» in Bremen auf, wo unter anderem auch DSDS-Sieger Thomas Godoj singen wird.
«Im zeitgemäßen Dance-Sound hat 'Kleiner Hai' das Zeug zum Monsterhit», heißt es von der Alemuel betreuenden PR-Agentur. Der Mix aus Wellensound, Amateurgesang und stampfendem Elektrobeat weckt jedoch eher schmerzhafte Erinnerungen - an One Hit-Wonder wie «Schnappi das kleine Krokodil». Der von der damals fünfjährigen Joy Gruttmann gesungene Song war durch die «Sendung mit der Maus» bekannt geworden und hatte zehn Wochen lang die deutschen Charts angeführt.
Peinlich? «Kackegal!»Dass ein Youtube-Video einen zu «The Dome» bringt, ist neu. Auch für die überraschte Alemuel: «Ich hänge viel im Netz rum, rumstöbern, ausprobieren, was so geht», sagt die Schülerin, die «mit Hippiemusik in einem mitteldeutschen Dörflein» aufgewachsen ist. «Das geilste am Internet ist, dass man jederzeit und überall irgendwelchen Scheiß machen kann - und die Leute schauen es sich an.» Übrigens: Am Ende ihres Songs frisst ein weißer den kleinen Hai, was Alemuel einen nervtötenden Schrei entlockt.
Dass sie jemand peinlich finden könnte, findet sie aber «kackegal». Das Video habe sie auch nur ins Netz gestellt, um genau diese Gleichgültigkeit zu beweisen: «Es ist Silvester in einer Waldhütte entstanden», erklärt sie. «Da war ein Typ, der meine große Klappe nicht mochte und meinte, dass ich mich nie trauen würde, das in der Öffentlichkeit zu machen». Dass ihr Video sich innerhalb eines Jahres zu einem solchen Selbstläufer entwickeln würde, hätte niemand aus Alemuels Freundeskreis erwartet.
Von Null zum Star mit dem web 2.0So absurd es klingt und so wenig die musikalische Motivation auch übereinstimmt: Mit dem «Kleinen Hai» reiht sich Alemuel in eine Riege mit Bands wie den Arctic Monkeys ein. Auch sie nutzten das web 2.0 als Plattform zum Aufbau einer Fan-Community und schafften es, allein durch die Verlinkung ihres Myspace-Profils Konzerthallen zu füllen.
Ob Alemuels Karriere nun dauerhaft in Richtung Bühne verläuft, ist fraglich. Beide Beispiele zeigen aber, dass das Internet die Musikindustrie nicht nur gefährdet, sondern ihr auch Chancen bietet. Sogar die vielen «Kleiner Hai»-Nachahmer erreichen bald ein Stück Berühmtheit: Das offizielle Musikvideo zur Single soll aus einer Montage der schönsten Imitate bei Youtube entstehen.
Video: Alemuels Orginal-Clip zu «Kleiner Hai»
Für das Web ediert von Maike Schultz