netzeitung.deNach der Schlacht ist vor der Schlacht

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"Unsere Soldaten sind dafür vorbereitet und ausgebildet." (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe "Unsere Soldaten sind dafür vorbereitet und ausgebildet."
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Graf Nayhauß bereitet sich und uns schon einmal auf den neuen Kampfeinsatz der Bundeswehr am Hindukusch vor. Eins ist jetzt schon klar: Afghanistan ist nicht Stalingrad.

Der erste richtige Kampfeinsatz der Bundeswehr im Norden Afghanistans steht bevor. Seit gestern liegt eine diesbezügliche Anforderung der Nato vor, die dort bisher eingesetzten norwegischen Soldaten abzulösen. Da die Deutschen in diesem Einsatzgebiet die «Führungsnation» sind, kommt Drückebergerei nicht mehr in Frage. Also, Germans to the front!

Künftig wird dann nicht nur zurückgeschossen, wenn die Taliban deutsche Militäranlagen oder Bundeswehr-Patrouillen angreifen, sondern es wird selbst angegriffen, um die Aufständischen zu vertreiben. Oder wie es der in Afghanistan bereits stationierte Bundeswehrgeneral Bruno Kasdorf formuliert: «Wo es brennt, werden diese Kräfte eingesetzt.»

Verteidigungsminister Junge gestern aus Kabul: «Unsere Soldaten sind dafür vorbereitet und ausgebildet.»

Wirklich?

Es fehlt zum Beispiel an gepanzerten Rettungshubschraubern und Panzern überhaupt. General Kasdorf: «Wenn man da drinsitzt, hat man einen besseren Schutz. Und hat gleichzeitig abschreckende Wirkung.»

Nicht nur daran mangelt es. Der Kommandeur der abzulösenden norwegischen Einheit, Oberstleutnant Rune Solberg, kürzlich in einem Gespräch mit dem Berliner «Tagesspiegel»: «Sie müssen Ihre Soldaten darauf vorbereiten, dass sie ihr Leben verlieren können!» Genau darum drückt man sich bei uns. Wenn dann deutsche Soldaten wirklich getötet werden, wie im letzten Mai durch einen terroristischen Selbstmordanschlag ein Hauptmann und zwei Oberfeldwebel, legen Kabinett und Bundestag eine Schweigeminute ein! Ist das jemals beim Tod eines Polizisten erfolgt? Nein, weil das zum Einsatzrisiko gehört wie bei einem Feuerwehrmann. Nur für die Bundeswehr gilt diese Einsicht nicht. Noch nicht.

«Nachbearbeitungseminar» mit Weinprobe
Im Gegenteil. Soldaten, die den meist sechsmonatigen Auslandseinsatz hinter sich haben, werden verhätschelt, als seien sie der Hölle von Stalingrad entronnen. Als ich kürzlich im Internet die Webseiten der Bundeswehr anklickte, traute ich meinen Augen nicht: In einem Hotel in Brauneberg an der Mosel, eingebettet in lieblicher Umgebung von Weinbergen, finden «Nachbearbeitungsseminare nach Auslandseinsätzen» statt. «Ziel ist es, psychische Belastungen aufzuspüren und Spätfolgen vorzubeugen. Moderierte Gespräche in Gruppen und Rollenspiele (!) sollen den Soldaten helfen, das Erlebte aufzuarbeiten.»

Selbst dann, wenn sie nie unter Beschuss gerieten.

Weiter im Bundeswehrtext: «So gehören zum Aufenthalt in Brauneberg selbstverständlich eine Weinprobe beim benachbarten Winzer und ein Ausflug nach Trier, außerdem Bootstouren auf der Mosel, Wanderungen durch die Weinberge, Radtouren, Grillparties oder ein Kegelabend auf der hauseigenen Bahn... Auch das ist wichtig, um die Einsatzstrapazen hinter sich zu lassen... Bei stark ausgeprägten Belastungen kann der Betroffene auch zur Behandlung an einen Psychiater überwiesen werden.»

Mit 18 in Stalingrad
Ich hatte das Pech, als 18jähriger Panzergrenadier noch den Zweiten Weltkrieg mitzumachen. Nach einem Nachtangriff im Januar 1945 blieben von den 120 Soldaten meiner Kompanie genau 13 übrig. Ich war der Dreizehnte. Als ich mich gegen Morgengrauen zum rückwärtigen Bataillonsgefechtsstand total erschöpft, geschockt und innerlich aufgewühlt durchschlug, sagte der Kommandeur nur: «Junge, hau' dich irgendwo im Dorf hin, schlaf dich aus.»

Ich fand ein Bett in einem verlassenen Bauerngehöft, schlief 24 Stunden einen totenähnlichen Schlaf, wiewohl das Dorf unter feindlichem Artilleriebeschuss lag. Danach wurde ich einer neuen Einheit zugeteilt.

So sah damals die «Einsatznachbereitung» aus.