Amerikaner wissen, wen sie nicht wählen
30.10.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Letztes Wochenende bin ich also wieder in den USA gewesen, wie ich das alle halbe Jahre tue, um mich auf dem Laufenden zu halten. Allerdings: Ein Visum brauchte ich nicht. Germany gehört nämlich zu den 27 «guten Ländern», deren Staatsbürger nach wie vor keines benötigen. Argentinier dagegen, um ein Beispiel zu nennen, sehr wohl. Und das erwähnte Formular mit den «Requested information for all passengers entering the United States of America», gab ich erst beim Einchecken in Berlin-Tegel ab. Reichte völlig.
Erst meine Tochter schaffte es schließlich durchzukommen.
Also bin ich am Sonnabend von Berlin über Amsterdamm nach Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota geflogen. Beim Umsteigen die nächste Überraschung: Die amerikanische Fluglinie Northwest, die für KLM die Atlantiküberquerung betreibt, hatte meine Sitzplatzreservierung einfach aus dem Computer geschmissen. Ich landete im mittleren Block ganz hinten bei den Toiletten. So ist das mit den vielgepriesenen «Alliances» der Fluglinien.
Nun stellte ich eine Frage, die ihn zunächst überraschte, gleichzeitig amüsierte: «Wer wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten?» Bekanntlich wird der in gut einem Jahr gewählt, und die Kandidaten scharren schon mit den Füßen. «Ich weiß nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden.»
Ich fragte in den nächsten drei Tagen andere. Die Antwort der Kellnerin im Coffee Shop kam wie aus der Pistole geschossen: «Hillary!» Und, wiewohl George W. Bush nicht ein weiteres Mal kandidieren darf: «Ich bin kein Bush-Fan.» Dann tippte sie sich an die Stirn, um mir klar zu machen, dass der einen Vogel habe.
Auch der junge Wachmann des Hotels nannte das Irak-Problem als entscheidend für seine Stimmenabgabe: «Dem, der den besten Rückzugsplan hat. Das heißt, nicht Abzug um jeden Preis, sondern so, dass ich nicht bald wieder in der Irak muss. Ich war dort bereits als Panzersoldat eineinhalb Jahre.» Er sagte es mit dem verschmitzten Lächeln eines noch einmal Davongekommenen.
Neuerdings werden Scheidungen per Anzeige mitgeteilt - als E-Mail oder sogar gedruckt verschickt wie Hochzeitsanzeigen. Weiter: Junge Milliardäre, die ihr Vermögen mit Internetportalen innerhalb weniger Jahre machten, wie der aus Russland mit seinen Eltern eingewanderte Max Levchin, der die von ihm entwickelte Bezahl-Anwendung Paypal von Ebay mindestens 1,54 Milliarden Dollar bekam und damit jetzt mehr Moneten hat, als er jemals ausgeben kann, langweilt sich. «Ich kann drei, vier Stunden mit der Freundin am Strand liegen und mit meinem Hund spielen - aber was mache ich die restlichen 20 Stunden?» Er ist nicht der einzige mit diesem Problem. Levchin arbeitet jetzt weiter bis zu 18 Stunden täglich, entwickelt neue Programme und wird vermutlich noch reicher.

