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Lupe Chaos bei Christiansen

Was haben Latexhandschuhe mit Eisbärbabys und dem deutschen Aufschwung zu tun? Und wieso redete SPD-Stiegler über Klo-Besuche? Graf Nayhauß hat sich gestern Abend sehr gewundert.

Die Begrüßung war gewöhnungsbedürftig. «Schön'n guten Abend», begann Sabine Christiansen am Sonntag ihre Talkrunde. «Haben Sie schon Knut besucht?» Gemeint war das knuddelige Eisbärenbaby im Berliner Zoo.

Die nächste Überraschung: Unter Christiansens Diskussionsteilnehmern Gabriele Pauli, die Fürther Landrätin und Stoiber-Kritikerin, die politisch nicht mehr ernst zu nehmen ist, seit sie für ein Magazin in verführerischer Pose mit schwarzer Maske und Latexhandschuhen posierte. Dabei ging es in der Sendung um Wirtschaftsthemen, um den Aufschwung. «Ist alles nur ein Strohfeuer?», hatte Christiansen anmoderiert.

Kompetenz
Die anderen brachten durchaus wirtschaftspolitische Kompetenz mit: Unternehmensberater Roland Berger, Ludwig Stiegler, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender mit Zuständigkeit für Wirtschaft und Arbeit, «Spiegel»-Hauptstadtbüro- Chef Gabor Steingart, Peter Hahne (ZDF), Autor des Bestsellers «Schluss mit lustig».

Auch dabei die Ikone der DDR-Kommunisten, Sahra Wagenknecht, gewandet rot wie deren Fahne. Außerdem eingangs per Einspieler Finanzminister Peer Steinbrück, der die von Angela Merkel und Co. beschlossene Unternehmenssteuer-Senkung im Befehlston kommentierte: «Es sind keine Unternehmensgeschenke!»

Rummel
Wirtschaftswachstum, Managerbezüge, Kapitalbeteiligung, Mindestlöhne, Hartz IV – für Pauli war wichtig, mit unschuldigem Augenaufschlag ihren fotografischen Ausrutscher zu verharmlosen: «Habe mich sehr gewundert, welchen Rummel es auslöst, wenn ich schwarze Handschuhe anziehe.» Das klang so überzeugend, als wenn sich Roland Berger wie im Kino-Hit «Borat» mit quietschgrünem Eierbecher hätte ablichten lassen – mit der Begründung: «Fotoshooting macht Spaß!»

Christiansen bescheinigte der «Gabi»: «Sie haben Knut verdrängt!» Aber das war auch nur so dahergeplappert. Denn für die Quote war Knut allemal wichtiger als die Landrätin, die übrigens einen weißen Hosenanzug trug, als wolle sie mit Johannes Heesters «Bel Ami» im Duett singen.

Am Kochen
Um das Eisbärenthema in der Sendung am Kochen zu halten, hatte die Redaktion Knuts Tierarzt in die erste Reihe der Studiozuschauer platziert, und Christiansen rechtfertigte dies mit: «Knut auf allen Kanälen. Inzwischen hat Knut sogar Bodyguards.»

Der Eisbärendoktor: «Das kleine weiße Knäuel mit dunklen Knopfaugen regt bei uns Beschützerinstinkte aus.» Christiansen ließ nicht locker: «Ein Phänomen besonderer Art! 500 bis 600 Journalisten reisen an, Kinder schreien, als ob 'Tokio Hotel' käme.»

Fleiß
Während das Thema Knut ausgewalzt wurde, himmelte Pauli den gut aussehenden «Spiegel»-Mann an, und der Unternehmensberater, der doch durchweg über Wirtschaft reden wollte, verfolgte den skurrilen Dialog mit herabgezogenen Mundwinkeln.

Es war Peter Hahne, der das Wirtschaftsthema zurück auf die Gesprächsliste brachte. Brandenburgs Ministerpräsident Platzeck habe ihm bescheinigt, «ohne preußische Tugenden wie Fleiß ginge es nicht».

Die Wagenknecht, nach dem Slalom von der SED über die PDS jetzt bei der Linkspartei: «Nur die Reichen werden durch die Reformpolitik gemästet». «Das ist doch Quatsch, was sie sagen,» funkte der SPD-Mann Stiegler, dessen Markenzeichen ein roter Pulli ist, dazwischen. «Mindestlöhne müssen wir machen!»

Klo-Besuch
Stiegler weiter: «Ich habe mich wahnsinnig aufgeregt, weil man wegen eines Klo-Besuchs auf dem neuen Berliner Hauptbahnhof 80 Cent zahlen muss!» Die Klofrau aber einen Hungerlohn bekäme. Basisrecherche eines Politikers.

Der Unternehmensberater verteidigt die Millionenbezüge von Manager mit dem schiefen Argument: «Wenn wir Topmanager in Deutschland halten wollen, müssen sie auch hinreichend bezahlt werden.» Dass für jeden Abwanderer erfahrungsgemäß kompetente Nachrücker in den Startlöchern hocken, verschwieg er.

Christiansens Beitrag zum Thema überhöhter Managerbezüge: «Da wurde der Löffel wieder in die Suppe gehalten.»

«Erste Korrektur»
Zum Thema Arbeitslosigkeit rief Christiansen einen ebenfalls ins Studio bestellten Landrat aus «Brandenburg» auf, bei dem die Arbeitslosigkeit 25 Prozent beträgt. «Haben Sie das Gefühl, um den Osten kümmere sich niemand?»

Der Landrat: «Erste Korrektur: Mein Kreis liegt in Mecklenburg-Vorpommern.» Und: «Wir ziehen uns gemeinsam an den Haaren aus dem Sumpf.»

Es wurde noch viel geredet. Der SPD-Mann Stiegler sprach die Linke Wagenknecht mit «Gnädige Frau» an. Schließlich machte Sabine Christiansen mit Blick in die Kamera die Absage: «Grüßen Sie Knut von uns allen! Bis nächsten Sonntag!»

Merke: Nächsten Sonntag ist Ostern, und die Talkshow fällt aus.