netzeitung.deWie aus Hitlerjungen Redakteure wurden

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Titelblatt des 'Spiegel' (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Titelblatt des 'Spiegel'
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Mit brisanten Details wartet ein Buch auf, das zum 60. «Spiegel»-Jubiläum erschienen ist - und von dem Magazin bisher ignoriert wird. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Von Mainhardt Graf von Nayhauß

Am Donnerstag hat der «Spiegel» 60. Geburtstag! Vor 14 Tagen erschien zu diesem Anlass ein Buch: «Der Spiegel« - ein Besatzungskind» (EVA, Hamburg, Euro 19,90). Autor ist der letzte noch Lebende, der bei der Geburtsstunde dabei war: Leo Brawand (82), 41 Jahre (!) selbst beim «Spiegel», davon drei Jahre als wirtschaftspolitischer Korrespondent in Bonn, 10 Jahre Chefredakteur des ebenfalls zum «Spiegel» gehörenden «Manager Magazin».

Das Merkwürdige: Obwohl das Buch vor 14 Tagen auf den Markt kam, ist im «Spiegel» kein Textauszug, keine Rezension erschienen - weder im wöchentlichen Nachrichtenmagazin, noch bei «Spiegel Online», noch im «KulturSpiegel», wo regelmäßig Neuerscheinungen besprochen werden.

Dabei entstand das 230 Seiten umfassende Werk des inzwischen im Ruhestand lebenden Autors in Zusammenarbeit mit dem Spiegel-Verlag. Lektoriert wurde es ebenfalls von einem langjährigen Mitarbeiter des Hauses, Wolfram Bickerich. Der erst kürzlich ausgeschiedene Verlagsgeschäftsführer Karl Dietrich Seikel bestellte 300 Exemplare und verschaffte dem Buchproduzenten drei kostenlose Anzeigen. Und trotzdem kein Vorabdruck im «Spiegel»?

Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

In dem gründlich recherchierten Buch wird daran erinnert, dass Deutschlands führendes Nachrichtenmagazin keine Erfindung seines Herausgebers der ersten Stunde, Rudolf Augstein, war, sondern zwei Jahre nach Kriegsende die Idee eines englischen Offiziers mit dem Befehl, in der britischen Besatzungszone nach der gelenkten Nazi-Presse eine demokratische Presse aufzubauen. Es war der erst 22jährige Panzer-Major John Seymour Chaloner, der nunmehr als Presseoffizier, assistiert von zwei Stabsfeldwebeln namens Harry Bohrer und Henry Ormond, für die Vergabe von Zeitungslizenzen verantwortlich war. Keine Publikation konnte damals, als es den Siegern noch verboten war, Deutschen die Hand zu geben, ohne Genehmigung der Besatzungsmacht herausgegeben werden.

So wird in dem Buch nebenbei beschrieben, wie sich alle möglichen Personen um eine Lizenz bemühten, die damals wie eine Genehmigung zum Gelddrucken betrachtet wurde. Brawand zitiert eine für die britischen Presseoffiziere arbeitende Sekretärin: «Der Herr Springer und die anderen, die waren damals ganz klein mit Hut. Das waren doch Bittsteller bei den Engländern, die sich eine neue Existenz suchten.»

Major Chaloner war neben der Vergabe von Lizenzen für Tageszeitungen besessen von der Idee eines deutschen Nachrichtenmagazins nach angelsächsischem Vorbild. Rudolf Augstein, knapp 23 Jahre jung, als viermal verwunderter Leutnant aus dem Krieg zurückgekehrt, war seit wenigen Monaten bereits junger Redakteur bei dem bereits genehmigten «Hannoverschen Nachrichtenblatt». Mit ihm und anderen journalistischen Novizen bastelte Chaloner ein Magazin zusammen, das Ende 1946 mit dem Titel «Diese Woche» erschien, aber schon Elemente des heutigen «Spiegel» - den roten Rahmen und zum Beispiel die Rubrik Personalien - enthielt, nichtsdestotrotz redaktionsintern eine «Schnapsidee» genannt wurde.

Herausgeber war zunächst die britische Militärbehörde. Weil aber Augstein und seine Kollegen aufmüpfige Artikel gegen die Besatzungsmächte veröffentlichten, geriet die britische Regierung wiederholt in Schwierigkeiten und wies Major Chaloner an, «innerhalb von 24 Stunden» deutsche Lizenznehmer zu finden.

Der zuerst angesprochener Ullstein-Journalist Achilles Markowski lehnte ab. Darauf fiel die Wahl auf Augstein und zwei Mitstreiter, von denen sich «Rudolf»
aber bald trennte. Augstein dachte sich den neuen Titel «Der Spiegel» aus. So erschien die Nummer 1 des neuen Magazins am 4. Januar 1947. Für die Lizenz, die Augstein später zum vielfachen Millionär machte, zahlte er 10.000 Reichsmark.

Da gibt es aber einen weiteren möglichen Grund, warum der heutige «Spiegel» noch nicht auf Brawands Buch über die Entstehungsgeschichte Bezug genommen hat.

Im VII. Kapitel mit der Überschrift «Wie aus Hitlerjungen Redakteure wurden», werden die ehemaligen HJ-Dienstgrade des Gründungsteams aufgelistet und die Genannten in ihren Uniformen gezeigt: «Hans Detlev Becker beispielsweise, über Jahrzehnte Augsteins wichtigster Partner (Anmerkung: z.B als Chefredakteur), war zunächst im Jungvolk Jungenschaftsführer, später bei den 14- bis 18-Jährigen bestätigter Kameradschaftsführer und Mitarbeiter der HJ-Standortpressestelle Hannover.»

Eigentlich kein Grund zur Aufregung, wenn man bedenkt, dass auch Helmut Kohl im Deutschen Jungvolk und Helmut Schmidt zeitweilig bei der Marine-HJ waren. Aber der heutigen Generation fehlt die relativierende Einschätzung der damaligen Zeit, und die Einstufung als «Nazi» ist schnell gefällt.

Schwerwiegender unter heutigen Gesichtspunkten ist Brawands Feststellung: «Allerdings stoßen einige Jahre später auch vier Männer zur Redaktion, deren Vorgeschichte nicht so einfach in die Schublade der Entnazifizierung passt.» Unter anderen zwei ehemalige Hauptsturmführer des Sicherheitsdienstes (SD) im Reichssicherheitshauptamt, das dem SS-Reichsführer Heinrich Himmler unterstand. Einer brachte es beim «Spiegel» zum Ressortleiter für Ausland und Internationales, der andere sogar zum stellvertretenden Chefredakteur.

Bei der heutigen Hysterie gegenüber allem, was mit der Nazi-Zeit zusammenhängt, wäre es gut möglich, dass die jetzigen Macher des Nachrichtenmagazins diese Geschichte mit Brawands Buch nicht wieder hochkochen wollen. Es sei denn, sie kommen in der nächsten Ausgabe - mit Verzögerung - darauf zu sprechen!

Brawands abschließendes Urteil: «Unstrittig ist - das Magazin hatte einige Väter. Dazu gehörte die Entschlossenheit der britischen Weltkriegssieger, dem Verlierer eine Pressefreiheit zu gewähren, für die das Land damals kaum reif genug schien. Dazu gehörte das hartnäckige Vertrauen Chaloners in seine 'Schnapsidee' ebenso wie die mutige Entschlossenheit Augsteins und seiner jungen Mannschaft, diese Idee mit Arbeit, Begeisterung - also mit Leben zu erfüllen.»