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Hitlers Spätheimkehrer und die Medien

19. Sep 2006 08:31
Der Spitzenkandidat der Nordost-NPD Udo Pastörs (re.) und ZDF-Moderator Peter Kranz
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Soll man mit Nazis Interviews führen? Nach den Wahlen vom Sonntag stellt sich diese Frage wieder, denn üblicherweise kommen in den TV-Studios Gewinner zu Wort - im ZDF auch der NPD-Kandidat. Doch mehr als Propagandageschwafel war nicht.

Von Mainhardt Graf von Nayhauß

Mit dem Einzug der NPD in den Schweriner Landtag – nach Sachsen und Brandenburg das dritte Länderparlament mit Rechtsradikalen – fragen sich jetzt nicht nur die Politiker, wie sie sich künftig gegenüber Hitlers Spätheimkehrern verhalten sollen. Auch die Fernsehanstalten überlegen, wieviel Platz sie in der Berichterstattung den Abgeordneten der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) und der Deutsche Volksunion (DVU) einräumen sollen? Totschweigen oder zu Worte kommen lassen?

Die Berichterstattung am Wahlsonntag war ein neuerlicher Testlauf. Zum Beispiel für das ZDF.

Bei der Sachsen-Wahl vor zwei Jahren kam es im ZDF-Wahlstudio zum Eklat: Die NPD erreichte überraschend mit zwölf Abgeordneten den Einzug ins Parlament. Als deren Spitzenmann, Holger Apfel, in einer ersten Parteienrunde, von der Moderatorin Bettina Schausten in die Zange genommen wird: «Wann sagen Sie den Wählern, dass sie eigentlich Neonazis sind?», wich dieser aus und setzte zu einem Propagandageschwafel an: «Dies ist ein großer Tag für alle Deutschen ..., ist eine Quittung für eine immer asozialere Sozialpolitik». Da entzog ihm Schausten das Mikrofon, rief erregt: «Seien Sie bitte still!» Die anderen Politiker verließen aus Protest das Studio.

Diesmal war das ZDF auf der Hut, hatte für die Interviewrunde in Schwerin extra den Leiter des ZDF-Studios Potsdam, Peter Kranz, abgestellt. Der hatte sich, gestützt auf seine gründlichen Kenntnisse ostdeutscher Verhältnisse, sorgfältig vorbereitet. Er fuhr dem NPD-Spitzenkandidat Udo Pastörs in die Parade, als dieser die Frage «Wollen Sie (im Landtag) gezielt provozieren?» überging und scharf konterte: «Sie gestatten mir, Ihre Frage so zu beantworten, wie ich das möchte und nicht so, wie Sie es hören möchten.»

Als der NPD-Mann dann eine Oppositionspolitik im Landtag ankündigte, «diese rot-roten Leute zu desavouieren», brach Kranz das Interview ab: «Beleidigung...., das scheint offensichtlich Ihr Ziel zu sein.»

Ein bisschen zu früh, dachte mancher Zuschauer. Hätte man doch gern gewusst, was die NPD Konkretes vorhat, es sei denn, sie hat nichts vorzuweisen.

Bettina Schausten, die auch dieses Mal für das ZDF als «Frontfrau» durch den Wahlabend führte, sagte am nächsten Tag: «Das ist eine ganz schwierige Sache. Lässt man die NPD-Vertreter nicht ausreden, fühlen sich diese als Opfer. Lässt man sie reden, heißt es, der Interviewer sei nicht hart genug gewesen.»

Bereits vor einem Jahr veranstaltete der «Verein Berliner Journalisten» einen Diskussionsabend zum Thema «Soll man mit Volksverhetzern Interviews führen? Wie gehen Fernsehreporter in Live-Situationen mit den fremdenfeindlichen Hassparolen der rechtsextremistischen Landtagsabgeordneten um? Soll man sie überhaupt zu Worte kommen lassen?»

Die Meinungen gingen auseinander.

Joachim Wagner, Korrespondent im ARD-Hauptstadtstudio vertrat die Ansicht, nur Experten mit ausgewiesenem Hintergrundwissen über den Rechtsradikalismus sollten Interviews führen.

Frank Jansen vom «Tagesspiegel», der sich über viele Jahre intensiv mit den Rechtsradikalen beschäftigte, setzte sich in der Redaktion durch, dass mit NPD-Funktionären keine Interviews geführt werden, was nicht ausschließt, dass über sie aber berichtet werden darf – auch mit NPD-Zitaten.

Die Chefredakteurin der Deutschen Welle, Dagmar Engel, vertrat die Ansicht, Journalisten sollten sich im Umgang mit Rechtsradikalen zurückhalten, in der aktuellen Berichterstattung persönliche Meinung vermeiden, das Urteil dem Leser, Hörer beziehungsweise Fersehzuschauer überlassen. «Journalisten sind keine Frontkämpfer gegen Neonazis.»

Das Thema wird in den Redaktionen erneut hochkochen.

 
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