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Momente aus Raus Leben

27. Jan 2006 23:01
Trauer um Johannes Rau
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Johannes Rau war auf seinen Tod vorbereitet. Dennoch liebte er das Leben und seine Mitmenschen, hatte Humor. Die Politik verglich der ehemalige Bundespräsident mit dem Nüsse-Knabbern - er konnte kaum von ihr lassen.

Von Mainhardt Graf von Nayhauß

Er hatte Angst vor der Nacht, die den Tod bringen könnte. Jedenfalls als er vor seiner ersten Nierenkrebsoperation Anfang der Neunzigerjahre stand. Seine Frau Christina war bei ihm. «Irgendwann habe ich angefangen, ihr zu sagen, was noch alles zu tun wäre, wenn ich den nächsten Tag nicht überlebe. Ich habe mich von ihr verabschiedet, indem ich ihr alles erzählte, was mich bewegte. Und ich habe die Lieder für meine Beerdigung ausgesucht.»

Man darf annehmen, dass Johannes Rau dieses Mal nicht anders handelte. Mit einer Ausnahme: Damals machte er sich noch große Sorgen über seine Familie. «Mein erster Gedanke nach der Entdeckung des bösartigen Tumors war: Was wird nun aus meiner jungen Frau und den drei kleinen Kindern?» Seine Frau Christina war erst 36, die Kinder acht, sieben und sechs. «Ich hatte bereits die Lieder für meine Beerdigung ausgesucht!»

Inzwischen sind die Kinder erwachsen und seine Frau ist materiell abgesichert.

Johannes Rau, Sohn eines protestantischen Predigers, war zeitlebens ein gläubiger Mensch. Er schöpfte Hoffnung aus dem Bibelspruch des Apostel Jacobus, der da lautet: «So Gott will, und wir leben, so werden wir dies oder das tun.» In besonders argen Situationen half ihm ein Satz, den er einmal vom früheren Regierenden Bürgermeister von Berlin, Heinrich Alberts, gesagt bekam: «Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hände.»

Er selbst predigte nicht nur Nächstenliebe – «Versöhnen statt spalten» –, er praktizierte die Hinwendung zu den Menschen. Mir schrieb er vor drei Jahren, als ich mich ebenfalls einer Krebsoperation unterziehen musste, einen höchst mitfühlenden Brief:

«Ich habe die Nachricht von Ihrer Erkrankung ungläubig und bestürzt zur Kenntnis genommen. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass wir uns beim Interview und zum Empfang des Diplomatischen Korps im Schloss Bellevue getroffen haben. Ich entsinne mich, wie gut gelaunt Sie waren, und wie stolz Sie von der Karriere Ihrer Tochter berichtet haben. Umso mehr hoffe ich nun, dass die Behandlung erfolgreich war und Sie Ihre Lebensfreude bald zurückgewinnen...Meine Frau und ich sind in Gedanken bei Ihnen.»

Er liebte das Amt des Bundespräsidenten, das er nur fünf Jahre (1999-2004) ausüben durfte. «Das Schönste sind die vielen Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster Art, ob mit Bürgern oder Staatsoberhäuptern. Denn das Wichtigsten in der Politik ist ja, dass man nie vergessen sollte, für wen man sie macht: für die Menschen!»

Aber er verhehlte nicht seine Abhängigkeit von der Politik, in der er über ein halbes Jahrhundert seinen Lebensinhalt sah. «Das ist wie Nüsse knabbern – einmal angefangen, kann man davon nicht mehr lassen.»

Ich mochte seinen Humor. Als er Schloss Bellevue mit dem wunderschönen Park verlassen musste und als Altbundespräsident mit Büroräumen in Berlin Mitte, Friedrichstraße Ecke Unter den Linden, vorlieb nehmen musste – im Erdgeschoss eine VW-Niederlassung, im selben Anwesen auch der Deutsche Sparkassen- und Giroverband, dessen Präsident vor Jahren Horst Köhler war – scherzte er: «Ich zieh' bei Köhler ein.»

An der Tür seines privaten Arbeitszimmers in Berlin-Dahlem prangte ein Aufkleber «SUPPORT THE PRESIDENT». Ein amerikanischer Sticker aus der Anfangszeit des Irak-Krieges.

Einmal erzählte ich, dass der Taxifahrer, der mich zu ihm fuhr, sagte: «Aha, zum Bundespapa wollen Sie!» Wir er das fände? «Ich empfinde mich nicht als Bundespapa.»

Er hasste alles, was ihn alt und kränklich erscheinen ließ. Lieber war ihm der Spitzname 'Bruder Johannes'.

«Wenn Leute kommen und nicht wissen, ob sie 'Exzellenz' oder 'Herr Bundespräsident' oder 'Herr Rau' sagen sollen, entgegne ich oft: 'Sagen Sie doch Bruder Johannes, dann ist alles in Ordnung.'»

Das Amt stieg ihm nie zu Kopf. Er beherrschte die Kunst der für jedermann verständlichen Rede - und nutzte sie. Er sprach über Armut, Arbeitslosigkeit, Kinderreichtum, Dosenpfand, Volksentscheide, Terrorismus, Europa, Zuwanderung, Ehrlichkeit in der Politik («Wir brauchen mehr davon») – kaum ein Thema, zu dem er sich nicht mahnend zu Wort meldete. Nun nicht mehr.

Der Tod eines Guten ist das Unglück vieler.

 
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