Fäuste, Sauna, Schmusekurs: Merkels Erbe
17.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Ein redlich' Wort macht Eindruck, wusste schon Shakespeare mitzuteilen. Darum war es richtig, dass Angela Merkel in ihren Gesprächen mit Präsident Putin undemokratische Zustände in Russland offen ansprach. Nach dem Schmusekurs von Gerhard Schröder war das überfällig.
Vor genau 50 Jahren reiste ein deutscher Bundeskanzler zum ersten Mal nach Moskau: Konrad Adenauer (CDU). Er kam mit vier Flugzeugen, einem Sonderzug, zwei Mercedes-Staatskarossen und blieb sechs Tage! Sein oberstes Verhandlungsziel: Die Freilassung der nach zehn Jahren Kriegsende immer noch in der Sowjetunion festgehaltenen deutschen Krieggefangenen und Zivilinternierten.
Als er am Verhandlungstisch darauf hinwies, dass nicht nur die Deutschen in Russland Gräueltaten begangen hatten, sondern auch russischen Soldaten in Deutschland, sprang der 1. Sekretär der KPdSU, Nikita Chruschtschow, wütend auf, drohte mit den Fäusten. Prompt erhob sich Adenauer und reckte ebenfalls die Fäuste.
Als die Gespräche ins Stocken gerieten, befahl Adenauer absichtlich auf einer von den Russen abzuhörenden Telefonleitung, die Flugzeuge für die vorzeitige Rückkehr startklar zu machen. Prompt bekam er vom sowjetischen Staatschef, der damals Nikolai Bulganin hieß, die «ehrenwörtliche» Zusage für die Freilassung der deutschen Gefangenen (Dem Kreml wurde im Gegenzug der Austausch von Botschaftern zugesagt).
Klare Worte auch vom sozialdemokratischen Bundeskanzler Helmut Schmidt. In den Siebzigerjahren ging es um den «Nato-Doppelbeschluss». Der besagte, dass die Nato gegen Russland gerichtete, atomare Mittelstreckenraketen stationieren würde - unter anderem in Deutschland, wenn die Russen nicht ihre längst in Stellung gebrachten, auf Westeuropa zielende Raketen, abbauten. Andererseits: Im Wege von Verhandlungen könnten beide Seiten auf diese Waffen verzichten.
Schmidt unmissverständlich zur damaligen Nummer 1 der Sowjetunion, Leonid Breschnew: «Im Falle eines Scheiterns der bevorstehenden Verhandlungen werde ich für das Zustandekommen einer westlichen Nachrüstung notfalls die Existenz meiner Regierung riskieren!» Der Sowjetmensch kapierte, lenkte ein.
Nach Beendigung des Kalten Krieges waren zwischen Helmut Kohl einerseits und andererseits den starken Männern Russlands - erst Michail Gorbatschow, dann Boris Jelzin - andere Töne angebracht. Das zahlte sich aus, brachte Deutschland 1990 die Wiedervereinigung.
Als Gorbatschow, der kleine, untersetzte Mann mit dem Feuermal auf der Stirn, dem die Einheit Deutschlands in erster Linie zu verdanken ist, kurz darauf Staatsbesuch in Bonn machte, bedankte er(!) sich bei Kohl: «Ich möchte Ihnen die Hand drücken im Sinne der hervorragenden Zusammenarbeit.» Nach dem offiziellen Programm lud ihn Kohl in seine pfälzische Heimat ein: zur Schlachterplatte mit Saumagen in den «Deidesheimer Hof», zu Kaffee und Käsekuchen ins Kohl'sche Heim in Oggersheim.
Mit Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin ging Kohl in die Sauna und auf die Jagd, wiewohl er kein Jäger war, brachte ihn bei einem Staatsbankett auf dem Bonner Petersberg fürsorglich ins Bett, weil Freund Boris zuviel getrunken hatte.
Bei anderer Gelegenheit, 1994 bei einem Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs auf Korfu, erstmals mit Jelzin als Gast, spürte Kohl beim Abendessen plötzlich die Hand des neben ihm sitzenden Russen, der ihm, nach einem Blick in die Runde, zuflüsterte: «Helmut, die mögen mich nicht.» Kohl redete ihm das aus.
Kohl vergaß jedoch nie, bei Jelzin zu intervenieren, wenn notwendig. Zum Beispiel 1995, als russische Kampfflugzeuge die tschetschenische Hauptstadt Grosny ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung bombardierten. Er rief Freund Boris an und gab zusätzliche eine öffentliche Erklärung ab: Er sei zutiefst besorgt über das Ausmaß der Gewaltanwendung.
Weder Kohl noch Schmidt und schon gar nicht Adenauer wären auf die Idee gekommen, die Führer Russlands «lupenreine Demokraten» zu nennen, wie Gerhard Schröder das bezogen auf Putin tat.
So gesehen, hat Angela Merkel gegenüber Putin den richtigen Umgangston getroffen: freundschaftlich - aber mit notwendiger Distanz.

