13.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Merkel auf dem Roten Teppich
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Der mächtigste Staat der Welt rollt Kanzlerin Merkel, dem einstigen «Mädchen» aus der Uckermark, den roten Teppich aus. Ihren Auftritt vor 100 Kameras meistert Merkel bravourös. Aus Washington berichtet Mainhardt Graf von Nayhauß.
Für die Kanzlerin kein Problem. Bei weit geöffnetem Tor wird sie erwartet. Aber statt der zur Verfügung gestellten Riesenlimousine von Typ Cadillac-Northstar, 8 Zylinder, 32 Ventile, schreitet sie die 50 Meter vom Gästehaus, dem Blair House, zum White House zu Fuß. Das hasst der mit ihrem Schutz beauftrage Secret Service, aber wer wagt schon «Lady Europa», wie sie hier bereits genannt wird, zu widersprechen? Nobody.
Außerdem, bereits Helmut Kohl machte das schon bei seinen USA-Besuchen, weshalb ihm der Secret Service den Codenamen «Johny Walker» gab.
Kameras abgeschnüffeltJournalisten, insbesondere aus Old Europe, haben beim Betreten des Amtssitzes des mächtigen Mannes der Welt echte Probleme. Obwohl angemeldet, von Vertretern der Botschaft und des Bundespresseamtes begleitet und zur vereinbarten Zeit um 8 Uhr früh pünktlich zur Stelle, wird der Einlass verwehrt. Nicht einmal vor dem schwarzen Gittertor dürfen sie bei Temperaturen um null Grad warten. Eine barsche Stimmer über Lautsprecher dröhnt: «Clear the gate!»
Schließlich werden sie nach einer halben Stunde eingelassen, TV-Kameras, Fotoapparate, Laptops von Männern in blaugrauem Drillich durchsucht, von einem Sprengstoffspürhund abgeschnüffelt. Alles ohne die bis dahin gewohnte lockere, fröhlich Art der Amerikaner. Das Schockerlebnis vom 11.September zeitigt Nachwirkungen. Früher kamen sie noch mit einem deutschen Schäferhund, den sie «Rommel» riefen. Da war sofort Stimmung.
Speisen im Family Dining RoomNun also, konferieren «George» und «Angie» im Oval Office des Präsidenten erst unter vier Augen (mit den beiden Dolmetschern in Wirklichkeit acht), dann mit ihren hinzugezogenen Mitarbeitern, wobei die Absprache gilt: Dem Präsidenten sitzen sieben Berater zur Seite, die deutsche Kanzlerin darf acht mitbringen.
Beim anschließenden Mittagessen im Old Family Dining Room speist man in gleicher Besetzung. Es gibt Lammbraten.
Danach stellen sich Präsident und «Mrs. Chancellor» im Chrystall Ball Room des Weißen Hauses der internationalen Presse. Hoher, reichlich mit Stuck verzierter Saal, an der Decke drei riesige Kristallleuchter, schwere goldgelbe Brokatvorhänge, übermannshohe Kaminspiegel.
Merkel riskiert einen RundblickDann, kurz vor halb zwölf Uhr betreten der Gastgeber und sein Gast aus Berlin den Saal, das heißt, sie durchschreiten erst einen langen Gang auf roten Teppich, an dessen Seiten Fahnenträger in Uniformen aller amerikanischen Streitkräfte Spalier stehen, den Ball Room. Alles erhebt sich, in Deutschland eine längst vergessene Höflichkeit.
Wie sie so daherkommen, denke ich unwillkürlich: Was für eine märchenhafte Karriere! Das «Mädchen», aus Templin in der Uckermark, in einem Pastorenhaushalt aufgewachsen, dem nun Amerika den Roten Teppich ausbreitet!
Es ist nicht einfach, Haltung zu bewahren, während etwa 100 Fotoapparate und Kameras auf einen gerichtet sind. Aber sie meistert die Situation mit erstaunlicher Selbstsicherheit. Riskiert einen Rundblick, ist beeindruckt von der historischen Pracht des Saales. Was für ein Gegensatz zur modernen, nüchternen Glasarchitektur des Kanzleramtes!
Merkel ermutigtZunächst werden vor den Medienvertretern die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht. Bush würdigt Deutschland als «geschätzten Partner». Als sein Vater Präsident das Präsidentenamt innehatte, waren wir schon mal «Partner in Leadership».
Der jetzige Präsident schaut bisweilen anerkennend auf die rechts von ihm hinter einem Rednerpult stehende Frau. Diese schickt ein fast verschmitztes Lächeln zurück. Alles in Butter? Natürlich nicht. Unterschiedliche Meinungen bleiben, zumal in den eineinhalb Stunden eine ellenlange Agenda durchgegangen werden musste.
Bush: «Wir sprachen über Osteuropa, Irak, Israel und Palästina, die NATO, wir sprachen über vieles.»
Merkel: «Ich muss sagen, ich war höchst ermutigt von unserem Zusammentreffen heute hier, Herr Präsident, und ich hoffe und vertraue, dass wir unsere sehr guten Diskussionen fortsetzen werden.»
Erst nach TagenWie das erste Gespräch wirklich verlief, wird wohl erst in einigen Tagen durchsickern. Nach gut 25 Minuten war die Pressekonferenz beendet. Der Präsident hatte noch zwei, drei Termine und wollte Punkt 14:20 Uhr ins Wochenende in Camp David mit dem Hubschrauber abheben.
Merkel wollte, nach der Einweihung des neuen Hauptquartiers des «Deutschen Marshall Fonds», zurück nach Berlin jetten von wo sie am Montag bereits zur Antrittsvisite bei Putin angesagt ist. She is a busy lady.
Von Mainhardt Graf von Nayhauß, Washington