Kommunarde Rainer Langhans: «Diesen Sexscheiß, den die immer im Kopf haben»16. Apr 2008 09:11  |  Co-Chef der 'Kommune1': Rainer Langhans
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Wie sexualisiert war die «Kommune 1»? Lystte Laftin, Kathrin Friedrich und Sonja Knüppel sprachen mit Rainer Langhans über Zärtlichkeit, Spiele mit der «Bild» und intrapsychische Erkundungen.
Rainer, wenn du heute an die Studentenbewegung der 68er zurückdenkst, welcher Aspekt fasziniert dich am meisten? Rainer Langhans: Es ist diese spirituelle Seite der ganzen Geschichte, von der ich heute meine, dass sie die wesentliche überhaupt ist. Sie vermag als Einzige zu erklären, was wir damals erlebt haben. Diesen merkwürdigen, historisch einzigartigen Gefühlsaufstand, der gleichzeitig auf der ganzen Welt stattfand. 1967 und nicht erst 68 war so eine Art Urknall gewesen. 67 haben wir wirklich geglaubt, so wird die Welt. Die ganze Welt wird zu Kommunen, erstmal der SDS und dann Westberlin. Die Kommune hat kein Papier produziert, sondern Gefühle und innere Entwicklungen, und dadurch ist sie heute für die Historiker kaum fassbar. Zugleich hatten wir aber auch die größte Auswirkung. Bei der Studentenrevolte haben sich die Leute gefragt, ob die Studenten nicht ganz dicht wären. Aber Sex, da weiß jeder was das ist, das interessiert. Aber die Leute haben bei dem Spruch «Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment» auch gedacht, ihr wärt nicht mehr ganz dicht?
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Langhans: Ja, das war natürlich ein Spruch der Presse. Niemals unserer. Diesen Sexscheiß, den die immer im Kopf haben, bis heute. Wir haben das damals aber gewusst und gedacht, dass sie sich ruhig etwas ausdenken können – je schlimmer desto besser. Die «Bild»-Zeitung haben wir uns auch immer beschafft und überlegt, was wir für Bilder und Shows liefern könnten, die deutlicher machen, dass man freier sein kann und dass es schön ist, liebevoll zu sein. Es gibt heute noch Leute, auch aus dem Kommunenumfeld, die sagen, dass wir uns bei dem Rückenfoto das erste Mal nackt gesehen haben und eigentlich total verklemmt gewesen wären. Scheiße nein! Wir waren in einer gewissen Weise zärtlich miteinander, aber nicht nur auf dieser sexuellen Ebene. Meiner Ansicht nach ist Sexualität ein Sondergebiet der größeren Liebe oder Zärtlichkeit. Sofern es körperlich wird, ist es eher ein Hindernis für Intimität. Wenn es euch nicht um diesen ganzen «Sexscheiß» ging, wie können wir uns dann das Leben in der Kommune vorstellen? Langhans: Die Kommune war eine Gemeinschaft der leidenschaftlich an sich selbst Interessierten. Wir hießen ja auch Horrorkommune, weil wir gemeinsam auf total intrapsychische Erkundungen gegangen sind. Ich bin in dieser Phase ziemlich am Schluss dazugekommen. Du wurdest da nach Strich und Faden auseinander genommen, in Bezug auf deine Reflexe, dein Denken, deine Reaktionen und so weiter. Du warst ständig unter Beobachtung. Du warst nie allein, Tag und Nacht. Durch unsere Aktionen ist diese innere Arbeit dann natürlich völlig zu kurz gekommen. Ich hab dann Ende 67 gesagt, dass wir dieses Innere weiter erforschen müssen. Denn die Dritte Welt oder der Krieg sind eigentlich in unserem Inneren. Wie war damals euer Verhältnis untereinander, gab es hierarchische Strukturen? Langhans: Wir kannten uns einfach wahnsinnig gut und mochten uns auch gerne. Es gab natürlich Auseinandersetzungen. Dieter Kunzelmann wollte immer der Chef sein. Das war okay. Er war auch der Erfahrenste. Wir beide waren ein bisschen wie ein Ehepaar. Er war der extrovertierte, ewige Action-Typ. Wie ein Springteufelchen sprühte er voller Ideen. Ich war der Intellektuelle, der für die ganzen schlauen Typen, die natürlich auch in unserem Umkreis waren, alles wunderbar gerechtfertigt hat.
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Intellektuelle sind scheißängstlich und immer spät dran. Zusammen waren wir ein tolles Team. Deshalb waren wir beiden die Autoritäten. Dieter war fast eine andere Generation. Er wirkte so alt auf uns, mit diesem Bart – wie ein Rübezahl. Ihm ist übrigens Unrecht getan worden. Er hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient. Er hätte sie so gern gehabt – hat sie nie bekommen. Hast du heute eigentlich noch Kontakt zu den ehemaligen Kommunarden? Langhans: Als ich meinen Weg in die Innerlichkeit und zur Spiritualität fand, haben meine früheren Leute, die ich so gut zu kennen glaubte, mit denen ich mein ganzes Bewusstsein und meine ganze Identität gebildet hatte, gemeint, dass ich jetzt völlig durchgeknallt wäre. Fritz Teufel war der Erste und Einzige, der sich bei mir nach 20 Jahren gemeldet und gesagt hat, dass sie mir unrecht getan hätten. Die anderen haben das nicht gemacht. Die finden mich nach wie vor scheiße und irgendwie blöde und durchgeknallt. Ich bin ja der große Verräter für die. Rainer Langhans wurde 1940 in Oschersleben geboren. Nachdem er sich ein Jahr für den Militärdienst verpflichtet hatte, begann er an der FU Berlin Psychologie zu studieren. Er wollte sich und die Menschen besser verstehen lernen. Dieses Bestreben führte ihn im März 1967 in die Kommune 1, in der er ein Jahr später als Politstar und Freund Uschi Obermaiers berühmt wurde. Nachdem sich die Kommune aufgelöst hatte, suchte Langhans seinen Weg in der Spiritualität. Heute lebt Langhans in München und experimentiert zusammen mit vier Frauen an einem neuen sozialen Projekt namens «Harem». Im Februar 2008 erschien seine Autobiographie «Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre.» Mit ihm sprachen Lystte Laftin, Kathrin Friedrich und Sonja Knüppel. Die Netzeitung veröffentlicht dieses Interview als Partner des Medien-Projekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de
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