Interview: 

netzeitung.de«Nur die Revolution kann Veränderung bringen»

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Ströbele (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ströbele
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Der Mitgründer der Berliner Grünen, Hans-Christian Ströbele, wurde durch den Tod Benno Ohnesorgs zum Revolutionär. Ulrike Schulz sprach mit dem Politiker über Gewalt, etablierte Regeln und was von den 68ern heute noch übrig ist.

politikorange*: Herr Ströbele, wann fingen Sie an, sich politisch zu engagieren?

Hans-Christian Ströbele: Bei mir war der 2. Juni 1967 ein Schlüsselerlebnis. Das war der Tag der Demonstration gegen den Schah-Besuch. Am nächsten Tag habe ich in der B.Z. das Foto einer blutüberströmten Frau mit der Überschrift: «Von Steinen der Chaoten getroffen» gesehen. Aber dann sagte genau dieselbe Frau: Von wegen, von einem Stein der Chaoten getroffen, ich wurde von einem Polizeiknüppel getroffen! Später hieß es, ein Polizist sei erstochen worden.

Die Wahrheit war, dass ein völlig harmloser Mann namens Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen wurde. Ich hab mich über beide Geschichten so empört, dass ich mich entschlossen habe, mich Horst Mahler, der damals der Anwalt der Studenten war, als juristischer Zuarbeiter zur Verfügung zu stellen. Von da an war ich Teil der Bewegung und der Außerparlamentarischen Opposition, der Apo...

politikorange: ... und damit Teil der 68er Revolution.

Ströbele: Genau. Wir kamen zu der Überzeugung: Diese Gesellschaft wollen wir nicht! Nur die Revolution kann die Veränderung bringen. Ich war davon total überzeugt. Damals antwortete ich auf die Frage nach einer Altersversicherung: Nee, brauche ich nicht, bis dahin hat die Revolution gesiegt. Ich habe die Revolution also nicht nur für notwendig, sondern für machbar und realistisch gehalten.

politikorange: Schön und gut, aber eine Revolution beginnt man, indem man sich gegen das etablierte System wendet. Sie wurden stattdessen Teil des Systems, spätestens mit Ihrem Eintritt in die SPD.

Ströbele: Es bildete sich die Auffassung heraus, dass es mit ewigem Demonstrieren nicht weitergeht. Wir fingen an, die Frage der Gewalt zu diskutieren. Einige sind in den Untergrund gegangen, andere wählten den Gang durch die Institutionen. Ich bin deshalb 1970 in die SPD eingetreten. Dutschke predigte: Wir kämpfen weiter für unsere Ziele, aber eben überall. An den Werkstoren, im Gerichtssaal und in den Institutionen.

politikorange: Gewalt war ja ohnehin ein zentrales Thema damals. Wie haben Sie sich positioniert?

Ströbele: Ich habe diese Gewaltdiskussion mitgemacht, aber dazu nicht Stellung genommen. Andere haben sich bewaffnet. Es gab die allgemeine Meinung, die Revolution sei angesagt. Man muss das auch über Deutschland hinaus sehen, es gab in vielen Ländern ähnliche Entwicklungen, man sah sich in einem weltweiten Zusammenhang.

politikorange: Es scheint, als sei heute von dieser weltweiten Bewegung wenig übrig geblieben – außer einem verklärten Rückblick auf den Mythos 68.

Ströbele: 68 hat Spuren hinterlassen: Deutschland ist in vielen Bereichen liberaler geworden. Als ich als Anwalt anfing, war es beispielsweise strafbar, wenn zwei erwachsene Männer Geschlechtsverkehr hatten. Das hatte zur Folge, dass sich um die Homosexuellenszene Verbrechen und Erpressung bildeten. Heute ist Homosexualität gesellschaftlich akzeptiert. So gibt es eine ganze Reihe von Sachen, die sich durch das Infragestellen der etablierten Regeln verändert haben.

politikorange: Sehen Sie heute noch revolutionäres Potential?

Ströbele: Ich sehe das Potential darin, dass auch in Heiligendamm so viele junge Leute da waren. Ihnen fehlt aber ein theoretischer Unterbau. Das führt dazu, dass das Engagement relativ schnell wieder weg ist. Das war damals anders. Die Apo hatte den Anspruch, Theorien und Vorstellungen darüber zu entwickeln: Was ist falsch, was ist die Ursache für den Faschismus, und wo muss es hingehen, dass so etwas nie wieder passiert?

politikorange: Finden Sie im Rückblick, dass Sie erfolgreich mit Ihren Zielen waren?

Ströbele: Natürlich hätte man einiges anders machen können. Aber die Grundrichtung halte ich nach wie vor für so richtig, dass ich einen großen Teil meines jetzigen politischen Lebens dafür einsetze und mich an der Frage orientiere: Wie kann ich zu einer Veränderung der Welt zu gerechteren Verhältnissen beitragen? Ich bin sicher, dass ich da auch weitermachen werde, solange es meine Gesundheit zulässt.

Hans-Christian Ströbele wirkte maßgeblich an der Gründung der «Tageszeitung» (taz) und des Berliner Landesverbandes der Grünen mitgewirkt. Vielen gilt er als Vorzeige-68er: Zusammen mit Horst Mahler, dem heutigen Holocaust-Leugner, schuf er 1969 das sozialistische Anwaltskollektiv. In den 70ern vertrat er die RAF-Gefangenen der ersten Generation. Mit ihm sprach Ulrike Schulz.

*Die Netzeitung veröffentlicht dieses Interview als Partner des Medien-Projekts «Mythos 68» von Jugendpresse.de und der Bundeszentrale für politische Bildung.