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Flucht aus dem Osten: 

«Ich hätte meine Frau in die Psychiatrie bringen müssen»

03. Apr 2008 07:44
Haben es in Deutschland oft nicht leicht: Ausländer
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Nach sieben Jahren in Thüringen gab die Familie des Rudolstädter Theologen Neuschäfer auf: Sie fühlte sich im Osten angefeindet. Die Netzeitung sprach mit ihm über Attacken auf Dunkelhäutige, Ignoranz und mögliche Gründe dafür.

Im Jahr 2000 zog Reiner Andreas Neuschäfer mit seiner Familie ins thüringische Rudolstadt, wo der heute 40-Jährige eine Stelle als Schulbeauftragter antrat. Er gab Religionsunterricht an Gymnasien und betreute weitere Lehrer bei ihrer Arbeit. Die Familie erwarb ein Haus und versuchte, in Thüringen sesshaft zu werden. Acht Jahre später arbeitet er noch in Rudolstadt, seine 32-Jährige Frau und die fünf zwischen einem und zehn Jahre alten Kinder flohen im Oktober 2007 vor den Anfeindungen ins rheinische Erkelenz.

Miriam Neuschäfer ist Tochter einer indischen Mutter, sie und die Kinder haben dunklere Haut und schwarze Haare. Sie sahen sich im Alltag seit Jahren ausländerfeindlichen Attacken ausgesetzt. Heute ist für sie klar: Im Osten Deutschlands ist für sie kein Platz.

Netzeitung: Herr Neuschäfer, wann haben Sie mit ihrer Familie zum ersten Mal gespürt, nicht mehr willkommen zu sein?

Reiner Andreas Neuschäfer: Das war vor fünf Jahren, als unsere Kinder im Kindergarten – in einer christlichen Einrichtung - wegen ihrer Hautfarbe angemacht wurden. Erst in einem Entwicklungsgespräch mit der Erzieherin nach einem Jahr erfuhren wir davon, dass die anderen Kinder mit unseren Schwierigkeiten hatten.

Meine Frau musste sich im Alltag Äußerungen anhören wie: «Das ist ja zum Kotzen, wer hier alles einkaufen geht, und die kriegen auch noch Kinder» oder «Geh doch zurück in den Urwald», «Kannst du überhaupt deutsch». Am schlimmsten war für sie, als erwachsene Frau immer geduzt zu werden. Diese natürliche Respektlosigkeit hat ihr sehr weh getan. Das war 2005.

In der Schule ist unser heute zehnjähriger Sohn dauernd als «Chinese» oder «Nigger» beschimpft worden. Die Schulleitung sagte uns, das sei nicht so schlimm, es sei ja noch niemand verprügelt worden. Später ist er regelrecht gemobbt worden. Vor allem die Beratungs- und Religionslehrerin entwickelte Verständnis für das Problem. Sie startete eine Anti-Gewalt-Kampagne «Faust-los» – gegen Tätlichkeiten und Schlägereien. Doch alle, die im Unterricht daran teilnahmen, machten in der Pause trotzdem weiter. Selbst der Sohn des Bürgermeisters war dabei. Unser Sohn kam eines Tages nach Hause und sagte «Faust-los ist sinnlos».

Netzeitung: Der Bürgermeister von Rudolstadt ließ sich zitieren, es gebe keine Ausländerfeindlichkeit in seiner Stadt…

Neuschäfer: Dass er das abstreitet, finde ich unerhört. Wir hatten Anzeige erstattet, nachdem unser Sohn verprügelt wurde – unter anderem von seinem Sohn. Nur, weil er jünger als zwölf Jahre war, blieb dies ohne Konsequenzen. Das war vor einem Jahr. Da merkte ich, dass wir unsere Kinder nicht mehr vor all dem schützen können, dass wir etwas machen müssen.

Netzeitung: Wann war klar, dass Sie gehen?

Neuschäfer: Den Ausschlag gab ein Kommentar zu den ausländerfeindlichen Vorfall 2007 im sächsischen Mügeln, den ich für eine Kirchenzeitung schrieb. Ich hatte darin vertreten, dass Fremdenfeindlichkeit nicht nur von rechts, sondern auch von politisch links eingestellten Menschen ausgehen kann. Denn auch erkennbar Linke haben meine Frau beschimpft und angespuckt. Fremdenfeindlichkeit ist keine Frage der politischen Einstellung.

Familie Neuschäfer
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Mein Chef in der Kirchenleitung drängte mich daraufhin, mich nicht mehr dazu zu äußern, weil sich Leser auf den Schlips getreten gefühlt hätten. Es gab sogar einen Aktenvermerk. Mir wurde klar, dass hier kein Bewusstsein für das Problem vorhanden ist und dass ich hier falsch bin.

Wir haben Fremdenfeindlichkeit selbst im kirchlichen Rahmen erlebt, etwa im Kinderkreis unseres Sohnes. Diese Ablehnung ist auch ein Problem der ehemaligen DDR, wo Monokultur und Kollektivismus das Akzeptieren anderer Kulturen erschwerten. Da ist vieles unaufgearbeitet geblieben. Denn man gilt schnell als Nestbeschmutzer, wenn man dieses Problem anspricht.

Netzeitung: Hat Sie gar keiner unterstützt, nicht einer aus Kirchgemeinde oder Kirchenleitung?

Neuschäfer: Die für den Südbereich der thüringischen Landeskirche zuständige Oberkirchenrätin zeigte Verständnis. Sie wollte mir eine Pfarrstelle im Grenzgebiet zu Westdeutschland suchen, damit meine Kinder dort zur Schule gehen können, ich aber weiter in Thüringen arbeiten kann. Doch solch eine Lebensweise halte ich für unglaubwürdig. Das wäre keine Lösung. Obwohl es so ist, dass wir nie Probleme haben, wenn wir in Franken oder anderswo im Westen zu Besuch sind.

Derzeit leben wir in einer Wochenendbeziehung. Das war uns lieber als diese Tortur in Thüringen weiter erleiden zu müssen. Ich hätte meine Frau in die Psychiatrie bringen müssen, wenn das so weiter gegangen wäre.

Mit Reiner Andreas Neuschäfer sprach Tilman Steffen

 
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