«Am Ende steht die Große Koalition ohne Koch»
Jürgen W. Falter: Nach politischer Praxis hat die stärkste Partei das Recht, mit Sondierungen zu beginnen. Trotz des minimalen Vorsprungs vor der SPD wird Koch auf sein Erst-Zugriffsrecht pochen. Ypsilanti wird parallel versuchen, die FDP von ihrer Ablehnung einer Ampelkoalition abzubringen. Sie wird da vermutlich auf Granit beißen. Man wird alle Varianten durchspielen. Am Ende steht möglicherweise eine salomonische Lösung: Die Große Koalition ohne Koch, geführt aber durch die CDU oder Neuwahlen, das gab es in Hessen schon einmal.
Falter: Es böte ich eine Rochade zwischen Verteidigungsminister Jung und Koch an und eventuell innerhalb des Bundeskabinetts ein Wechsel von Wirtschaftsminister Glos in sein Wunschressort, das Verteidigungsministerium. Koch könnte dann Bundeswirtschaftsminister werden.
Netzeitung: Doch zunächst müssen sich SPD, FDP und Grüne und CDU auf potenzielle Partner zubewegen, mit denen sie eine Zusammenarbeit bisher ausschlossen. Welche Koalitionen wären denn aus programmatischer Sicht zu bewerkstelligen, ohne dass der Gesichtsverlust der beteiligten Parteien zu hoch ausfällt?
Nun werden Koalitionen nicht aufgrund von Programmen geschlossen. Auch die Personen müssen miteinander können. Wenn dies zutrifft und programmatisch nahe liegende Konstellationen nicht zu verwirklichen sind, entwickelt das vermeintlich unplausiblere Modell einen ganz eigenen Charme.
Und: Wir haben, wie gesagt, in Hessen auch schon erlebt, dass es nach quälend langen, erfolglosen Koalitionsbildungsversuchen Neuwahlen gab. Derzeit will das sicher keiner, aber in einem halben Jahr könnte das ganz anders aussehen.
Jürgen W. Falter ist Politikwissenschaftler an der Universität Mainz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Politischer Extremismus und Fremdenfeindlichkeit sowie Wahlen und politische Kultur. Mit ihm sprach Tilman Steffen.

