«Das Umfeld der Hardcore-Kids mobilisieren»
09.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
An der Lebenswelt der meist sozial ausgegrenzten Schläger, ob sie nun aus dem rechten Millieu oder aus Einwandererfamilien kommen, ändern weder härtere Strafen noch der mediale Pranger etwas. Der Tübinger Erziehungswissenschaftler Walther Specht will mit der von ihm gegründeten Internationalen Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit (ISMO) straffällige Jugendliche mit ihrer Umwelt vernetzen und so längerfristig die Ursachen von Gewalt bekämpfen.
Netzeitung: Herr Specht, das Thema Jugendgewalt ist inzwischen täglich in den Medien. Gibt es eine neue Qualität von Gewalt?
Walther Specht: In der Mobilen Jugendarbeit beobachten wir in Einzelfällen schon mehr Brutalität wie stärkeres Hinschlagen und «Einstiefeln». Das sind erschreckende Anzeichen bei denen man natürlich keine Gleichgültigkeit entwickeln darf. Gegen dieses relativ hohe Niveau, ob nun durch Medien verstärkt oder hervorgerufen, brauchen wir eine breite politische Allianz. Gewalt darf nicht ein Mittel der Konfliktbewältigung sein.
Netzeitung: Die von Ihnen gegründete Internationale Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit ist weltweit tätig. Reden wir eigentlich über ein deutsches Problem?
Jugendgewalt ist ein europäisches Thema. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft darauf reagiert. Ob eher mit Polizei und Justiz, also mit Abschreckung reagiert wird, oder ob sie nach den Ursachen fragt. Wenn nach den Ursachen gefragt wird, kommt man zwangsläufig auf die Lebenslage von ausgegrenzten Jugendlichen, denen die Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum fehlt.
Netzeitung: In Deutschland gibt es nun gerade auch den Reflex «Law & Order». Die Union will früher und länger wegsperren und, wenn möglich, abschieben. Lassen sich junge Männer von Strafandrohung abschrecken?
Walther Specht: Im Allgemeinen nicht. Die Jugendgewalt ist tatsächlich ein männliches Phänomen, aber die Forschung belegt auch, dass es sich dabei eigentlich um ein Gruppenphänomen handelt. Die Gewalt entsteht in Cliquen, Gangs und unter Kumpels. Da ist entscheidend, was die Gruppe für Werte und Normen hat. Ob der Gegner nun jemand ist, den man niedermachen muss oder ob das Gegner sind, die man vielleicht sogar sportlich bekämpfen kann, also mit fairen Mitteln. Ein drohender «Warnschussarrest» oder eine Jugendstrafe spielt in diesen Situationen überhaupt keine Rolle.
Wenn wir mit gewalttätigen Jugendlichen sprechen, sagen fast alle, dass sie auffallen wollen, wahrgenommen werden wollen, also Respekt in negativer Weise erzielen wollen. Wenn sie Angst erzeugen, dann ist das für sie eine positive Erfahrung der Selbstbestätigung. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir diese Bedürfnisse nach Anerkennung und Respekt auf eine andere Weise befriedigen, also ursachenorientierte Sozialarbeit das kann die Polizei nicht leisten.
Netzeitung: Nun haben wir ja aber das Problem der Jugendgewalt. Neben dem schon erwähnten «Warnschussarrest» gibt es den Vorschlag der so genannten Erziehungslager. Kann das eine Alternative sein, mit delinquenten Jugendlichen umzugehen?
Specht: «Erziehungslager» oder der «Warnschussarrest» erzielen nur kurzzeitige Effekte. In den USA wurde vor einiger Zeit ein Projekt namens «Scared Straight» gestartet, bei dem gewalttätige Jugendliche zu lebenslänglich einsitzenden Schwerverbrechern gesperrt wurden, um ihnen die Erfahrung in der Zelle zu vermitteln nach dem Motto «Wenn Du so weitermachst, wirst Du auch so enden.»
Diese Abschreckungstheorie funktioniert nirgendwo auf der Welt. Nach einem Jahr waren 90 Prozent der jugendlichen Straftäter wieder rückfällig geworden. Die Gesellschaft sucht immer schnelle, effektive und kostensparende Lösungen. Eine langfristige Lösung des Gewaltproblems in den Familien, in der Schule, in der Nachbarschaft kostet aber Geld und Manpower.
Diese jetzt diskutierten Lösungen bringen vielleicht in Einzelfällen Jugendliche zum Nachdenken. Aber wie schon erwähnt, sprechen wir hier über ein Gruppenphänomen. Diese kurzzeitpädagogischen Maßnahmen schrecken die Gruppe nicht davon ab, das nächste Mal wieder zuzuschlagen.
Netzeitung: Was sollte man also tun? Es gibt, sagen wir mal, den Enrico aus Berlin-Marzahn oder den Mehmet aus Neukölln, die beide vorbestraft sind und wieder zugeschlagen haben. Was macht man mit denen?
Specht: Wichtig ist, zunächst die Lebenslage dieses Mehmet oder Enrico ernst zu nehmen. In der Mobilen Jugendarbeit würde man dann auch mit seiner Clique Kontakt aufnehmen. Es gibt es sehr viele gute Projekte, die so arbeiten. Die Jungs macht ja zu 90 Prozent das, was «Mann» in der Gruppe macht. Zusammen mit diesen Gruppen Alternativen zur Gewalt zu entwickeln, die auch die Jugendlichen gut finden, das muss das Ziel sein.
Die Gewalt hat eine Funktion: Sie möbelt das Ego auf negative Weise auf, verschafft vermeintlichen Respekt bei den Gegnern, etwa wenn besonders brutal vorgegangen wird oder besonders wortgewandt Bullen beleidigt werden. Die Streetworker müssen Alternativen für diese Funktion erarbeiten und die Jugendlichen agieren lassen aber auf eine Weise, dass keine Gesetze gebrochen werden. Dass das funktioniert, haben viele Projekte mit Outreach-Workern etwa in Berlin gezeigt.
Netzeitung: Wie funktioniert das konkret?
Specht: Wenn zum Beispiel Schlägereien das Hauptproblem sind, dann liegt es Nahe, diese physische Auseinandersetzung in sportliche Bahnen zu lenken. Wir haben zum Beispiel zu Gewalt neigende Jugendliche in Fußballturnieren gegen gegnerische Gruppen antreten lassen. So sind diese Jungs das erste Mal überhaupt mit einem Regelwerk konfrontiert worden. Auseinandersetzung ja, aber eben nicht durch stechen, schlagen, würgen oder durch Schusswaffen.
Wichtig ist, dass man die Gruppe nicht aufzulösen versucht, man muss vielmehr das Wir-Gefühl durch Aktivitäten stärken, die Spaß machen. Rap oder Breakdance sind andere Möglichkeiten. Der einzelne Jugendliche erfährt dann Anerkennung seiner Person über die Gruppe. Dann hat er es nicht mehr nötig zuzuschlagen.
Netzeitung: Das heißt, Vermittlung von Werten und Strukturen durch Sport und kulturelle Gruppenaktivitäten.
Specht: Natürlich. Alle rufen immer nach Regeln und Gesetzen. Aber das müssen Regeln sein, hinter denen die Jugendlichen auch stehen können. Die Streetworker arbeiten mit den Jugendlichen an Regelwerken, die sie selber aufstellen, ohne, dass dabei jemand verletzt, gekränkt, beleidigt oder dass Gesetze gebrochen werden. Solche Zustände kann man inszenieren.
Leider wird das in den Kommunen noch viel zu wenig gefördert und es sind konkret zu wenig Sozialarbeiter darauf qualifiziert. Es geht nicht nur darum, mit den einzelnen Gruppen Freizeit- oder Abenteuerpädagogik zu betreiben, wir müssen dabei unbedingt den so genannten Nahraum der Jugendlichen, also Eltern, Verwandte oder Nachbarschaft mobilisieren.
Netzeitung: Welche konkreten Forderungen an die Politik folgen daraus?
Specht: In jeder Kommune sollten natürlich solche ursachenorientierten und lebensweltlich verankerten Ansätze vor allem breit gefördert werden. Da helfen ein paar mobile Teams als Sozialfeuerwehr überhaupt nicht. Die Arbeit darf sich nicht darin erschöpfen, dass man zu Hardcore-Kids lediglich soziale Kontakte unterhält. Die eigentliche Arbeit findet nicht auf der Straße statt.
Die Sozialarbeiter müssen gemeinsam mit Familien, Nachbarn und den Geschäftsleuten der jeweiligen Viertel ein Klima der kritischen Solidarität schaffen. Die Jugendlichen leiden darunter, dass sie bisher von den Nachbarn nicht geachtet, sondern nur gefürchtet werden. Und die Leute sind bereit Bürgerverantwortung zu übernehmen. In den Stadtteilen, wo durch Mobile Jugendarbeit dieses Konzept ausgebaut ist, ich kann das für viele Städte in Baden-Württemberg sagen, da ist das Problem der Jugendgewalt ein sehr geringes.
Netzeitung: Sie haben einen Teufelskreis angesprochen: Die Zivilcourage ist in Deutschland sowieso nicht besonders ausgeprägt. Die derzeitige Debatte in den Medien schwächt diese kritische Solidarität zusätzlich. Wenn ich durch die Medien impliziert Angst haben muss, in ein Messer zu blicken, verzichte ich natürlich im Zweifel darauf, Jugendliche die in der U-Bahn rauchen, anzusprechen. Wie verhält man sich gewaltbereiten Jugendlichen gegenüber? Streetworker sind ja auch nicht mit Pfefferspray oder Pitbull unterwegs.
Specht: Wenn ich die entsprechenden Jugendlichen nicht kenne, habe ich in der Regel wenige Chancen auf ein Gespräch, zumal wenn sie angetrunken sind. Dann muss ich mir Bündnispartner suchen. Beispiel U-Bahn: Nicht wegducken sondern andere Mitfahrer ansprechen! Die Jugendlichen bügeln ihr Ego ja gerade dadurch auf, dass der Mitmensch Angst hat. Das gibt ihnen für diesen Moment das Gefühl der Stärke und Überlegenheit und ermutigt eher noch zuzuschlagen.
Netzeitung: Gibt es in dem derzeitigen gesellschaftlichen Klima überhaupt noch genügend Interessenten auf Sozialarbeit; Menschen, die als Outreach-Worker in die Problemviertel gehen wollen?
Walther Specht: Wir haben an den Universitäten und Berufsakademien tausende von Bewerbern. Viele müssen abgewiesen werden. Ein Großteil bekommt einen Job. Doch Mobile Jugendarbeit wird leider nicht besonders gut bezahlt. Auch die Arbeitszeiten sind nicht besonders attraktiv, denn da ist man ja schon am Abend oder am Wochenende unterwegs.
Walther Specht ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Tübingen und leitet die Internationale Gesellschaft für Mobile Jugendarbeit (ISMO). Für sein Engagement für gefährdete Jugendliche und wohnungslose, arbeitslose und straffällige Menschen wurde ihm 2002 in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen. Mit Walther Specht sprach Daniel Kählert.

