23. Aug 2007 08:16
Bedroht die italienische Mafia das Land? Netzeitung.de sprach mit dem Berliner Kriminalitätsexperten Klaus von Lampe über die Morde von Duisburg, Mafia-Strukturen in Deutschland und italienische Gastwirte.
Netzeitung.de: Herr von Lampe, wie stark ist die italienische Mafia in Deutschland? Klaus von Lampe: In Italien ist die Mafia stark territorial verankert und eingebettet in soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Strukturen. So eine gesellschaftliche Stellung hat die Mafia in Deutschland nicht. Auch die Anzahl der italienischer Mafiosi in Deutschland ist eher gering. Selbst wenn eine ganze Familie von ihnen in Deutschland lebte, könnte die nicht so agieren wie zu Hause. Das ist bei kriminellen Migranten aus anderen Teilen der Welt nicht anders.
Netzeitung.de: Wie passen da die Morde von Duisburg ins Bild? Der Anschlag zeigt doch eigentlich, dass es mafiose Strukturen in Deutschland gibt.
von Lampe: Hauptziel des Anschlags war jemand, der nicht in Deutschland lebte, sondern nur kurzfristig hier war. Hätte der sich in einem anderen Land aufgehalten, wäre diese Tat dort passiert. Außerdem macht dieser Anschlag nicht das Wesen der Mafia aus. Die Mafia vermeidet solche Konflikte normalerweise. Auf Grundlage dieses Anschlags kann man nicht davon sprechen, dass sich Mafia-Organisationen nach Deutschland ausbreiten werden.Netzeitung.de: Also sind die Berichte über die Ausbreitung der Mafia in Deutschland mehr Panikmache?
von Lampe: Sie sind zumindest nicht akkurat. Richtig ist, dass die italienische Mafia Deutschland als Rückzugsgebiet nutzt. Das ist aber schon seit Jahrzehnten so. Es gibt einzelne Mitglieder mafioser Organisationen, die in Deutschland leben und die sich zum Teil auch hier kriminell betätigen, aber immer im Kontext der gesellschaftlichen Bedingungen hier in Deutschland.
Netzeitung.de: In Berlin haben sich gerade italienische Gastwirte zur Initiative «Mafia? Nein danke!» zusammengeschlossen. Ist die Stadt denn ein Schwerpunkt Organisierter Kriminalität in Deutschland?
von Lampe: Genau wie in anderen urbanen Ballungsräumen gibt es in Berlin Organisierte Kriminalität. Die kriminellen Milieus sind an solchen Orten dichter. In Großstädten gibt es keine homogene Bevölkerungsstruktur. Diese Vielfalt spiegelt sich auch bei der Kriminalität wider. Es gibt ganz unterschiedliche Gruppen, die in diesem Zusammenhang in Erscheinung getreten sind, beispielsweise die Türsteher-Szene, die Ost-Berliner Hooligan-Szene, Familien-Clans aus dem östlichen Mittelmeerraum oder Rocker-Banden.
Netzeitung.de: Was ist denn von der Anti-Mafia-Initiative der italienischen Gastwirte zu halten?
von Lampe: Die Initiative ist wohl mehr als eine plakative Marketing-Aktion gedacht. Sie soll den Hysterie-Grad in der Öffentlichkeit senken. Vom Grundsatz her ist es wichtig, die Leute wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und ihnen die Angst vor der Mafia zu nehmen, wenn sie eine Pizza essen gehen. Allerdings kann auch das genaue Gegenteil passieren. Die öffentliche Aufregung über Mafia-Präsenz in Deutschland kann das Einschüchterungspotenzial von Leuten, die sich als Mafiosi ausgeben, erhöhen. Dann entstünde ein Problem dass wir so zur Zeit noch gar nicht haben. Auch deshalb ist beim Umgang mit dem Thema Mafia in der Öffentlichkeit Vorsicht geboten.
Klaus von Lampe forscht an der FU Berlin an Organisierter Kriminalität und arbeitet derzeit an einem EU-Forschungsprojekt zu diesem Thema. Mit ihm sprach Harald Czycholl.