«Marokko ist nicht Teil eines Terrornetzwerks»
18.07.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung.de: Sie sind Tourismus-Beauftragter ihrer Fraktion im Bundestag. Können Sie Marokko ruhigen Gewissens als Reiseziel empfehlen?
Klimke: Ich kann es, weil es ein wunderbares Land ist, mit herrlicher Natur, Stränden und Bergen, Wüste und wunderbaren alten Städten. Die touristische Infrastruktur wird vielerorts ausgebaut. Man darf sich vor der Gefahr des Terrorismus nicht ducken, denn dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht, außerdem können uns Anschläge überall treffen. Ich verweise nur auf die mehrfachen Anschläge in London, wo wir trotzdem ohne größere Bedenken hinfahren. Natürlich wissen wir, dass es Anschläge in Marokko geben kann.
Ich sehe aber auch, dass die marokkanische Gesellschaft auf einem guten Weg ist: Das Land demokratisiert sich, eine Bürgergesellschaft entsteht. Die Informationspolitik der Regierung ist ein Zeichen dafür, dass Marokko Anschläge besser verarbeitet als andere undemokratischere Staaten. Zudem ist der Anschlag im April durch die Professionalität der Sicherheitskräfte vereitelt worden.
Netzeitung.de: Marokko gilt als Teil eines viele Länder umspannenden Terrorrings um den halben Globus. Inwiefern belastet das die Zusammenarbeit zwischen dem Land und Deutschland?
Klimke: Nicht Marokko ist Teil eines Terrornetzwerks. Die Regierung bekämpft den Terrorismus aktiv und versucht, auch die Ursachen anzugehen. Deshalb belastet die Bedrohung unsere Beziehungen nicht, sondern animiert uns dazu, Marokko bei seiner wirtschaftlichen Entwicklung auch aus Eigeninteresse zu unterstützen. Marokko hat beachtliche Schritte auf dem Weg zu einem demokratischen Islam gemacht. Diese Entwicklung zu stabilisieren, liegt auch in unserem Interesse. Deshalb haben wir Marokko in der Entwicklungszusammenarbeit zu einem Referenzland für verstärkte Zusammenarbeit gemacht.
Netzeitung.de: Hierzulande warnt Innenminister Schäuble vor Anschlägen und fordert mehr Befugnisse für die Sicherheitsbehörden im Anti-Terror-Kampf. Ist das nicht zu kurz gedacht. Müsste nicht vielmehr auch daran gedacht werden, Terroristen dort zu bekämpfen, wo sie sich laut Geheimdienstinformationen hauptsächlich aufhalten - in Nordafrika beispielsweise?
Klimke: Ich denke natürlich, dass Marokko dort Unterstützung zu geben ist, wo Marokko um solche bittet. Es ist ja bekannt, dass sich in der Region Westsahara Terroristen aufhalten sollen. Hier wäre es wünschenswert, wenn für das Problem der Westsahara bald eine Lösung gefunden wird, damit die Flüchtlinge zurückkehren können und die Sicherheit in der Region gewährleistet ist.
Marokko hat für die Westsahara ja kürzlich eine weitreichende Autonomie angeboten. Ich halte das für ein ernsthaftes und realistisches Angebot, das genau geprüft werden muss. So sehen das auch die Bundesregierung und die Koalitionsfraktionen des Bundestages. Inzwischen gibt es ja auch direkte Gespräche zwischen Marokko und der Polisario. Wenn jetzt beide Seiten aufeinander zugehen, wird die Region stabilisiert und eine der längsten UN-Missionen wäre erfolgreich beendet.
Netzeitung.de: Bedeutet Entwicklungszusammenarbeit nicht auch Unterstützung im Anti-Terror-Kampf, und müsste Deutschland in dieser Hinsicht Marokko oder andere afrikanische Länder stärker unterstützen?
Klimke: Als Entwicklungspolitiker trete ich dafür ein, dass wir vor allem die Ursachen des Terrorismus bekämpfen. Es zeigt sich, dass in den letzten Jahren auch wegen des starken Bevölkerungswachstums in islamischen Ländern und den daraus resultierenden Armuts- und Beschäftigungsproblemen gerade junge Menschen von Terroristen, die unter dem Deckmantel des Islam auftreten, instrumentalisiert werden.
Aus diesem Grund müssen wir zusätzlich zu unserer eigentlichen Entwicklungszusammenarbeit die Instrumente für einen interkulturellen Dialog massiv ausbauen. Aber auch innerhalb eines jeden Landes müssen Fortschritte erzielt werden, darum muss es Marokko schaffen, seine demokratischen Reformen mit nachhaltigem Wachstum zu verbinden, das allen Bevölkerungsschichten zu Gute kommt. Dann haben wir zum Verschwinden des Terrorismus einen guten Beitrag geleistet.

