01. Jun 2007 07:28
Vor einem Millionen-TV-Publikum soll eine todkranke Frau eine Niere an einen von drei Dialysepatienten vergeben.
sprach mit Medienwissenschaftler Groebel über Quote, Tabubrüche und Prominenz als Leistung.
Netzeitung.de: Herr Groebel, an Ideen scheint es Big-Brother-Erfinder Endemol ja nicht zu mangeln, wie wir an der «Big Donor Show» sehen, bei der eine Niere zu gewinnen ist. Ist das, was am Freitagabend im niederländischen Fernsehen läuft, Quotenschinderei oder Einsatz für den guten Zweck? Jo Groebel: Endemol-Chef John de Mol ist als Geschäftsmann ein Getriebener. Er verkörpert den niederländischen Typus des «Kopmann en Dominee», er ist Kaufmann und Missionar zugleich. Er tritt für die gute Sache ein und weiß dies zugleich mit Einkünften zu verbinden. Das ist auch bei der «Big Brother»-Reality-Show zu sehen gewesen, die er unter anderem als sozialpsychologisches Experiment konzipiert hatte.
Er wollte mit seinen Projekten auch immer Fernsehgeschichte schreiben und Einfluss auf die Welt nehmen. Er ist ein Meister darin, mit verhältnismäßig geringem Aufwand ein Riesenaufsehen zu erregen. Netzeitung.de: Der Sender will das nun für die gute Sache ausnutzen...
Groebel: Gegründet worden ist die Fernsehstation BNN vor zehn Jahren vor allem, um die Jugend anzusprechen, um den gezielten Tabubruch zu wagen. Das Argument, die Show sei nicht kommerziell und es gehe nur um den guten Zweck, ist meiner Ansicht nach Heuchelei. Natürlich geht es ums Geschäft. Die derzeit weltweite Aufmerksamkeit für die Show ist auch eine Währung und wirkt sich unmittelbar gewinnbringend für den Sender aus.
Netzeitung.de: Was wiegt schwerer, die notwendige Werbung für das Problem-Thema Organspende oder die ethischen Zweifel der Kritiker?
Groebel: Es geht bei der «Big Donor Show» nicht nur ums Zurschaustellen von angeblich Freiwilligen, wie etwa bei «Big Brother». Hier geht es um Menschen, die um etwas Überlebenswichtiges kämpfen müssen, nämlich um die Niere. Die Show ist eine Art Gladiatorenkampf: Ein zum Sterben verurteilter Mensch nutzt jede Gelegenheit, um seinem Tod zu entrinnen. Gewinnen wird in der Show aber nur einer, zwei müssen voraussichtlich sterben. Der Sender nutzt eine menschliche Notlage aus, um Quote zu machen. Das zum Thema einer Unterhaltungsshow zu erheben, ist ethisch nicht vertretbar. Ebenso problematisch ist die Rolle des Publikums, das wie beim Gladiatorenkampf den Daumen heben oder senken kann - zugunsten oder gegen die Bewerber.
Das Argument, man wolle mit der Show Aufmerksamkeit für die Problematik der Organspende schaffen, zählt nicht. Denn es gibt viele andere Möglichkeiten, auf den Mangel an Spenderorganen hinzuweisen. Das hat bei «Life Aid» für Afrika, öffentlichen Darmspiegelungen, durch Spendengalas, die Millionen einbrachten, viel besser funktioniert, ohne eine Notlage auszunutzen. Den Nutzen daraus ziehen in erster Endemol und der Sender.
Netzeitung.de: Der frühere Chef des Senders, der den Wettbewerb um eine Spenderniere jetzt ausstrahlt, soll wegen einer fehlenden Spenderniere gestorben sein. Hätte dieses Show-Konzept bei einem anderen Sender überhaupt eine Chance gehabt? Groebel: Es wird schon kontrovers darüber diskutiert, aber in den Niederlanden ist manches anders als in Deutschland. Es gab dort schon etliche Shows, bei denen Menschen aus ihrer Notlage heraus gegeneinander antraten, etwa überschuldete Familien. In Holland geht man ja auch anders mit Tod und Sterben um – was man an der liberalisierten Sterbehilfe sieht.
Netzeitung.de: Bei «Wer wird Millionär» mit Günther Jauch kommt man mit Allgemeinbildung voran, bei Endemol-Shows muss man nur der Publikumsmehrheit gefallen. Ist Können heute gar nicht mehr gefragt?
Groebel: Die traditionelle Leistung ist heute nicht mehr ausschließliche Voraussetzung für Erfolg. Das Spielen mit der Öffentlichkeit, das Kultivieren der eigenen Prominenz ist ein ebenso akzeptables Produkt und mit einer Leistung verbunden. Ich warne davor, pauschal kulturpessimistisch vorzugehen. Man kann das Werteprinzip an sich kritisieren – also hinterfragen, ob Prominenz an sich eine Leistung ist. Jedoch kommt beim Publikum nur der an, der ein Mindestmaß Authentizität aufweist und der Arbeit und Verve in seine Präsentation investiert. Auch wer mit einem Prominenten ins Bett ging und dadurch berühmt wird, hat diesem neuen Genre 'berühmt sein' etwas geleistet.
Der Medienforscher Jo Groebel lebte zwischen 1991 und 2000 in den Niederlanden. Er ist Direktor des Deutschen Digital-Institutes Berlin.