27.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Der «Karl May der RAF»
Die mediale Omnipräsenz des Ex-Terroristen Boock macht Butz Peters skeptisch. Tilman Steffen sprach mit dem RAF-Experten über die derzeitige Revision der Geschichte des deutschen Terrorismus.
Netzeitung.de: Herr Peters, vermehrt melden sich Ex-RAF-Mitglieder und andere Informanten mit Details aus der Zeit des Deutschen Herbstes. Was treibt diese Leute an? Wollen sie Geschichte nachträglich bewältigen, wollen sie aufklären helfen?
Butz Peters: Die Medien sind beim Thema Deutscher Herbst derzeit einfach hochsensibilisiert. Jedem, der zum Thema RAF etwas beizutragen hat, dem wird ein Forum geboten. Peter-Jürgen Boock etwa liebte es immer, im Rampenlicht zu stehen. Er wollte der Star der RAF sein, bis seine Drogensucht bekannt wurde. Später war er der Liebling von Andreas Baader. Als freier Publizist lebt er ja heute zum Teil vom Thema RAF.
Nun wird er mit einer Geschichte ins Fernsehen und in den «Spiegel» gehievt, die durch nichts belegt ist. Boock sagt, 'nach meinem Wissen' hätten Stefan Wisniewski und Günter Sonnenberg auf dem Motorrad gesessen, von dem aus Siegfried Buback erschossen wurde. Bislang hat niemand gefragt, woher Boock sein Wissen denn bezieht. Überraschend ist in der derzeitigen Phase, dass aus herausgehauchten Details große Geschichten gemacht werden. Es wird suggeriert, dass große Teile der RAF-Geschichte umgeschrieben werden müssten. Seriös ist das Ganze nicht. Es geht um einen einzelnen Aspekt – ist ein Akteur gegen den anderen auszutauschen? – um einen Teil aus einem Kapitel der 30 Jahre währenden RAF-Geschichte.
Netzeitung.de: Boock wollte sich ja der Bundesanwaltschaft offenbaren...
Peters: Die Bundesanwaltschaft hatte ihn zur Vernehmung geladen. Boock hatte jedoch gesagt, er sei krank. Dann taucht Herr Boock plötzlich im «Spiegel» auf und in der ARD. Wenn es ihm wirklich um Aufklärung ginge, hätte er zur Bundesanwaltschaft gehen können. Dass er zuerst zu Medien ging, zeigt, dass Boock im Rampenlicht die RAF-Geschichte nicht nur erklären will: An einem Punkt will er die Geschichte auch noch revidieren. Damit hat er natürlich große Aufmerksamkeit geschaffen.
Netzeitung.de: Wie fundiert ist denn das, was Boock verbreitet?
Peters: Boock ist alles andere als glaubwürdig. Seine Äußerungen zur Rolle von Wisniewski hat er versucht zu erhärten mit dem Hinweis, es sei ihm damals so erzählt worden. Zweifel hat er zerstreut mit der Einschätzung, dass man ihm damals sicher nichts Falsches erzählt habe. Er selbst war ja gar nicht bei dem Buback-Mord dabei.
Seine Aussage ist substanzlos, sie ist nichts anderes als ein weitergegebenes anonymes Gerücht. Selbst seine einstigen Komplizen wie Christian Klar oder Knut Folkerts haben sich später darüber beklagt, dass ihnen Boock x-Mal die Unwahrheit gesagt hatte. Zehn ehemalige RAF-Mitglieder haben 1988 ein Papier verfasst, überschrieben mit «Boocks Lügen». Die Quelle Boock ist das Trübeste, was es im Fall der RAF gibt. Für die damaligen Ermittler war Boock der «Karl May der RAF».
Netzeitung.de: Was ist dann von seiner publizistischen Arbeit zu halten? Ist es Mittel zur Vergangenheitsbewältigung?
Peters: Das ist sein Vehikel, in die Medien zu kommen. Am Mittwochabend im Fernsehen hat er beteuert, die RAF werde ihn bis an sein Lebensende beschäftigen. Mit den Interviews hat er wieder eine Riesennummer gelandet, sogar eine Programmänderung der ARD bewirkt. Für mich ist jedoch überhaupt nicht nachvollziehbar, dass er mit einer so dünnen Behauptung einen solchen Hype erzeugen konnte.
Netzeitung.de: Warum reden wir im 30. Jahr nach dem Deutschen Herbst nur über die Täter, nicht über die Opfer?
Peters: Es haben sich in den letzten Monaten ja auch Opfer-Angehörige gemeldet. Die Täter stehen deshalb im Mittelpunkt, weil einer von ihnen den «Treueschwur» gebrochen hat, niemals Täterwissen preiszugeben. Es ist ein absoluter Bruch in der RAF-Geschichte, dass ein Ex-RAF-Mitglied ein anderes belastet. Alle, die zum harten Kern gehörten, hatten sich bisher daran gehalten. Deshalb haben wir in dieser Woche einen medialen Fokus auf Wisniewski und Folkerts, Christian Klar ist deutlich in den Hintergrund getreten. Jürgen Boock ist vormarschiert. Er wusste genau, was er damit auslöst und natürlich auch die ihn begleitenden Medien.
Netzeitung.de: Gibt es heute so etwas wie ein informelles Netz der Ex-RAF-Mitglieder, ist das, was derzeit passiert, etwa eine Art geistige Renaissance der Terrorgruppe?
Peters: Eine geistige Renaissance ist es nicht. Was meist unter dem Mantel gehalten wird, sind Treffen ehemaliger RAF-Mitglieder, die bis heute stattfinden. Davon bekommt aber die Öffentlichkeit nichts mit. Es war offenbar ein Alleingang Jürgen Boocks. Er konnte mal wieder Star sein. Er konnte im Fernsehen einen Teil der RAF-Denkweise darlegen. Er konnte seine Reue umfänglich schildern. Das war ein rein egomaner Trip. Ich weiß, dass die meisten RAF-Mitglieder über Jürgen Boock die Nase rümpfen.
Netzeitung.de: Nun ermittelt die Bundesanwaltschaft wieder gegen Wisniewski. Wie wahrscheinlich ist, dass Boocks Schilderungen juristische Folgen haben?
Peters: Wenn es etwa im Mordfall Buback ein Fehlurteil gegeben haben sollte, muss es schnellstens korrigiert werden. Dafür gibt es das Mittel des Wiederaufnahmeverfahrens. Ob es jedoch tatsächlich etwas zu korrigieren gibt, ist für mich zurzeit höchst zweifelhaft - in Anbetracht der Angaben Boocks. Denn auch das ehemalige RAF-Mitglied Mohnhaupt ist wie Folkerts wegen Mittäterschaft verurteilt worden, obwohl sie gar nicht am Tatort war. Und: Der jetzt scheinbar entlastete Folkerts hätte sowieso lebenslänglich bekommen, weil er auch für einen Überfall auf ein Waffengeschäft im Jahr 1977 zu lebenslang verurteilt wurde.
Mit Butz Peters sprach Tilman Steffen