«Ich hätte Henrico F. gern begleitet»
19.01.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Andreas Hoffmann: Ja, das hat mich schon überrascht. Mit einem solchen Ausgang seiner Jobsuche habe ich absolut nicht gerechnet. Die Dauer des Arbeitsverhältnisses hängt wahrscheinlich von den beiderseitigen Interessen ab, gemeinsam etwas zu erreichen. Ich wünsche Ihm Erfolg!
Netzeitung.de: Ihr Coaching- Angebot hat Henrico F. abgelehnt. Was hätte er denn von einem Training bei Ihnen gehabt?
Andere Coaching- Teilnehmer erkennen darin ihre Möglichkeiten und entwickeln in der Folge Motivation und Kraft, einen neuen Berufsweg mit Perspektiven zu gehen. Ich hätte F. seine Bewerbungsunterlagen erstellt und ihn für Bewerbungsgespräche trainiert. Ich hätte für ihn in der Region nach passgenauen Jobs gesucht, die er ausführen kann und will und in denen ihn das Unternehmen langfristig bindet. Ich hätte ihn in seiner Probezeit gern begleitet, um einen Rückfall zu verhindern. Für all das hätte ich keinen Cent verlangt.
Hoffmann: Ja, auf jeden Fall, denn körperlich schwere Arbeit gibt es nun mal nicht in jedem Beruf. Leichte körperliche Arbeit, administrative Tätigkeiten, Büroaufgaben, Lageraufgaben und anderes wären durchaus möglich. Menschen wechseln den Beruf oft mehrmals im Laufe eines Lebens aus ganz unterschiedlichen Gründen. Absolut entscheidend ist die Motivation und das Engagement des Betroffenen, eine neue Herausforderung ernsthaft suchen zu wollen.
Netzeitung.de: Nachdem er auf Ihre Coaching- Offerte auch im zweiten Versuch nicht eingegangen ist: Wo liegt aus ihrer Sicht das Problem von Arbeitslosen wie Henrico F.?
Hoffmann: Menschen wie Henrico F. fühlen sich ausgestoßen von Gesellschaft und Politik. Sie suchen Zuflucht und igeln sich in einer ihnen vertrauten Umgebung ein. Damit verschließen sie sich für Veränderungen, lassen sich nicht helfen und nehmen Abschied vom «regulären» beruflichen und gesellschaftlichen Leben.
Netzeitung.de: Sehen Sie noch Sinn darin, sich um Menschen wie ihn zu bemühen? Was müssen Arbeitslose wie er an sich ändern?
Hoffmann: Ja! Man sollte die Beweggründe dieser Mitmenschen ernst nehmen und diskutieren! Viele Menschen sind unverschuldet in diese Situation geraten. Sie suchen Anfangs einen Weg zurück in die Beschäftigung, scheitern dann weil sie keine Perspektiven sehen. Menschen wie Henrico F. sollten reflektieren, berufliche Wünsche und Ziele definieren. Sie sollten das eigene «Beraterumfeld» prüfen und, wenn nötig, wechseln und dann Schritt für Schritt dem neuen Ziel entgegen gehen.
Netzeitung.de: Welchen Anteil an der Misere hat die Politik?
Hoffmann: Die Politik greift die Sorgen der Menschen nicht ausreichend genug auf, wie die Begegnung im Dezember gezeigt hat. Der Druck durch Hartz IV hat nur dann Erfolg, wenn den arbeitswilligen ein Weg in den ersten Arbeitsmarkt aufgezeigt wird, und genau das fehlt.
Netzeitung.de: F.s Pressevertreterin, die Chefin der lokalen Arbeitsloseninitiative, hat ihnen vorgeworfen, sich mit dem kostenlosen Trainings-Angebot profilieren zu wollen...
Hoffmann: Als Gegenleistung für das Coaching wollte ich, dass das Coaching Thema in Interviews oder Talkshows wird. Ob er das allein tut oder ich ihn begleite, war völlig offen. Mein Ziel war, zu zeigen, Henrico F. bekommt einen Job und zeigt vier Millionen Arbeitslosen, dass es geht, wenn man will. Sicher hätte ich damit für mein «E-Coaching- Verfahren» werben können.
Wichtig wäre aber auch, dass viele Arbeitssuchende an einem praktischen Fall sehen, dass eine Wende im Leben von Langzeitarbeitslosen möglich ist. Man kann Hoffnung schöpfen und einen neuen Weg einschlagen, statt im Hartz-4-Sarg zu enden und sich dann womöglich «arbeitstauglich» für eine Arbeitslosen- Initiative politisch stark zu machen, wie F. es tat.
Andreas Hoffmann berät mit seiner Regensburger Firma Arteno Consulting Unternehmen, Entscheider, aber auch Erwerbstätige und Arbeitsuchende. Die Fragen stellte Tilman Steffen

