22.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Polizeieinsatz an der Realschule Emsdetten
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nach der Schul- Schießerei von Emsdetten streiten Experten und Politik über ein Verbot von Killerspielen. Die Netzeitung sprach mit Polizei- Gewerkschaftschef Speck über Gewaltursachen, Restriktionen und die Wirkung von PC-Spielen.
Netzeitung: Herr Speck, was muss aus dem Vorfall in der Realschule vom Emsdetten folgen? Wolfgang Speck: Wir brauchen dringend ein wirksames Verbot von Gewalt verherrlichenden Spielen für Computer und Konsole. Ich wehre mich dagegen, das wir zur Tagesordnung übergehen. Die Diskussion darf jetzt nicht verebben. Wir brauchen eine Verbotsliste der Produkte, die nicht mehr so einfach über die Ladentheke gehen dürfen. Hersteller und Händler müssen spüren, dass es ihnen nicht mehr so leicht gemacht wird wie bisher. Auch im Internet müssen wir durch Sperren sicher stellen, dass verbotene Spiele nicht mehr heruntergeladen oder gespielt werden können.
Netzeitung: Warum?
Speck: Diese Spiele verändern den Bezug Jugendlicher zur Realität grundlegend. Ihre Realität wird die Videowelt. Sie werden in einer Scheinwelt groß und ziehen sich diese Welt tagtäglich über Videospiele rein. Sie steigern sich in etwas rein und glauben, dass diese Spiele das eigentlicher Leben sind. Das ist gefährlich, denn daraus kann man sie nur schwer wieder zurückholen. Die lebensfeindliche Gewaltverherrlichung durch diese Spiele darf in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die Diskussion darüber muss aufhören, statt dessen müssen Nägel mit Köpfen her.
Netzeitung: Wie sollten Verstöße denn geahndet werden?
Speck: Wir brauchen ein Strafmaß ähnlich dessen der Kinderpornografie, auf jeden Fall so hoch, dass keiner glauben kann, er werde sowieso nicht erwischt.
Netzeitung: Ein Verbot kann doch nicht die einzige Lösung sein. Trifft nicht das Umfeld der Jugendlichen auch eine Mitschuld an dem von ihnen beschrieben Realitätsverlust?
Speck: Sicher, es wäre natürlich leicht zu sagen, die Jugendlichen sind selbst schuld. Parallel zum Verbot Gewalt verherrlichender Spiele müssen wir den Kontakt zum Umfeld der Kinder und Jugendlichen verbessern. Eltern und Schulen dürfen sich nicht allein gelassen fühlen. Wir müssen Kindern und Jugendliche Alternativen bei der Freizeitgestaltung bieten. Die Kinder sind zu oft sich selbst überlassen. Viele Eltern wissen gar nicht, was Sohn oder Tochter am Computer so treiben. Sie wissen nicht, wie sich ihr Kind von Woche zu Woche verändert und sich schließlich ein Ventil öffnet wie in Emsdetten.
Wir haben in Emsdetten erkannt, dass ein solcher Vorfall nicht verhinderbar ist, auch mit 100.000 Polizisten nicht. Man kann einen solchen Gewaltakt aber im Vorfeld verhindern, wenn man versucht, auf diese Jugendlichen einzugehen.
Wolfgang Speck ist Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Mit ihm sprach Tilman Steffen