«Ich habe diesen Staat als Feind erlebt»
03.11.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Roth: An meinen wenigen freien Tagen an Feiertagen wie Weihnachten, Silvester, Ostern, Pfingsten und im Sommerurlaub habe ich mich komplett zurückgezogen und damit befasst. Es war eine Suche nach meinen eigenen Wurzeln. Woher kommt das eigentlich, sich für die Rechte von Flüchtlingen, Frauen oder Schwulen und Lesben einzusetzen? Es soll aber keine Selbstbespiegelung sein, sondern ich möchte Menschen dazu anregen, Reichtum anders zu definieren als in einer egomanen Spaßgesellschaft.
Roth: Michel Friedman, der Herausgeber meines Verlags ist, hat mir schon seit Jahren gesagt, er fände es spannend zu begreifen, warum bei Leuten wie mir der Einsatz gegen jede Form von Diskriminierung mehr ist als ein normaler Einsatz für einen politischen Gesetzestext. Als die neue Regierung gebildet worden ist, hat Friedman mir gesagt: «Mach das jetzt!» Er hat unterschätzt, dass Opposition mindestens genauso viel Arbeit ist wie Regieren. Eigentlich hatten wir an einen anderen Termin gedacht. Dieses Jahr sollte ja eigentlich Bundestagswahl sein.
Netzeitung: Das Buch war für den Wahlkampf gedacht, den es 2006 gegeben hätte, hätte Gerhard Schröder sich nicht im Mai 2005 für Neuwahlen entschieden?
Roth: Nein, es sollte kein Wahlkampfmaterial sein. So ein Schmarrn! Unsere Wahlprogramme sind eigentlich immer umfangreich genug.
Netzeitung: Der Titel des Buches «Das Politische ist privat» - eine Umdrehung des 68er-Slogans «Das Private ist politisch» - lehnt sich an ihr Plädoyer an, das Persönliche in der Politik mehr in den Vordergrund zu rücken. Dem eigenen Erleben entspringe Motivation für Politik, schreiben Sie. Woran machen Sie fest, dass der menschliche Anteil in der Politik in den Hintergrund getreten ist?
Roth: Ich finde, es gibt zunehmend einen technokratischen Politikstil. Politik braucht aber Glaubwürdigkeit, und die bekommt sie auch über die Authentizität von Personen. Das fehlt mir immer mehr. Es gibt eine Beliebigkeit an Auffassungen. Positionen werden nach Konjunktur gewechselt. Vor der Wahl wird etwas anderes versprochen als man nach der Wahl umsetzt. Und dann wird gesagt, es ist unfair, wenn man daran gemessen wird. Politik ist für mich mehr als nur über Gesetzestexte abzustimmen. Es ist das Einmischen in die eigenen Lebensbedingungen und Verantwortung für andere. Deshalb beschreibe ich auch, was es heißt, es zu fühlen und zu leben, gegen die Todesstrafe zu sein. Aus diesem Grund beginne ich das Buch mit der Begegnung in der Todeszelle.
Netzeitung: Sie sprechen von der Begegnung in Arizona mit dem zum Tode verurteilten Walter LaGrand eineinhalb Wochen vor seiner Hinrichtung 1999. Ausgehend von dieser Beschreibung blicken Sie zurück, wie Sie erstmals zur Politik kamen. 1971 traten Sie den Jungdemokraten bei, der linksgerichteten Jugendorganisation der FDP, und blieben lange Mitglied. Haben Sie mal die FDP gewählt?
Roth: Nein, das habe ich nie. Ich war Jungdemokratin, ohne FDP-Mitglied zu sein. Aber liberale Persönlichkeiten wie Gerhart Baum oder Hildegard Hamm-Brücher haben mir schon sehr gut gefallen.
Netzeitung: 1974 hospitierten Sie am Landestheater Memmingen neben dem heutigen Chef der Grünen-Bundestagsfraktion, Fritz Kuhn. Er sagte Ihnen: «Aus dir wird nix.» Haben Sie über diese Einschätzung seitdem mit ihm noch einmal geredet?
Roth: Wir haben im selben Jahr Abitur gemacht, er in Memmingen, ich in Krummbach, dann haben wir uns am Landestheater getroffen und dann in München gemeinsam begonnen, zu studieren. Dieser Satz von ihm bezog sich auf die Wahl meiner Hauptfächer. Ich habe Theaterwissenschaft als Hauptfach studiert und nebenbei Germanistik. Ich habe nur die richtig radikalen linken Seminare besucht. Und Fritz ging in Linguistik-, Alt- und Mittelhochdeutsch-Seminare. Ich habe zu ihm gesagt: «Wie kann man nur so etwas studieren?» In einer Zeit, in der der deutsche Herbst so spürbar war, war das für mich undenkbar. Und er hat gesagt: «Wie kann man Theaterwissenschaft studieren? Aus dir wird nix.» Dann haben wir uns Jahre nicht mehr gesehen. 1990 entdeckten wir uns bei einem Parteitag der Grünen wieder. Er lachte und sagte, er hätte befürchtet, dass ich diese Roth sei, von der er gehört hatte. Diese gemeinsame Geschichte und Herkunft schafft bei allen politischen Differenzen auch eine Nähe und Vertrautheit.
Roth: Nein. Es gibt so viele Bücher über die Gruppe und jedes erzählt eine eigene Geschichte. Weil es schon so viele Mythen darum gibt, wollte ich aufschreiben, wie ich als Beteiligte die Zeit damals erlebt habe. Viele Leute amüsieren sich über diesen Teil des Buches nach meinen bisherigen Erfahrungen am meisten, etwa über die Begegnung der Band mit den Grünen: In Gelnhausen haben wir der Grünen-Spitzenkandidatin unser Mikrofon und unser Licht angeboten. Sie lehnte mit der Begründung ab, das sei Stromverschwendung, unökologisch, und stellte sich neben das Mikro ins Dunkel. Niemand hat sie gesehen oder etwas verstanden. Das war wirklich so. Das ist meine Geschichte der Scherben. Die ist vielleicht politischer als von anderen, die die Zeit dunkler und in anderen Sphären erlebt haben.
Ich wollte keine Legenden oder Mythen neu bilden, sondern beschreiben, was ich dabei gelernt habe, zum Beispiel, was Reichtum ausmacht. Uns ging es materiell wirklich nicht gut. Da waren die Pakete meiner Oma eine echte Überlebenshilfe. Aber Reichtum hat sich dadurch bemessen, dass du in einem Zusammenhang gearbeitet und gelebt hast, wo Privates und Beruf identisch waren. Es gab keine Trennung. Es war der Traum, keiner entfremdeten Arbeit nachzugehen. Wir haben uns mit künstlerischen Mitteln eingemischt, mobilisiert und uns nicht gefallen lassen, dass die Verhältnisse sind, wie sie sind. Das wollte ich beschreiben. Am Beispiel von Rio Reiser wollte ich deutlich machen, wie politisch das Private ist. Dass er es in einer harten links-alternativen Anarcho-Szene schwer hatte, auf sein Schwulsein bestehen zu dürfen und für diesen Individualismus kritisiert wurde, weil man doch eigentlich Revolution machen müsse.
Netzeitung: In dem Song «Keine Macht für niemand» sangen Ton Steine Scherben 1972: «Ich bin nur frei zu wählen, welche Diebe mich bestehlen, welche Mörder mir befehlen.» In dem selben Lied heißt es: «Keiner hat das Recht, Menschen zu regieren.» Auch wenn Sie erst lange nach dem Song zur Band stießen: Als Managerin müssen Sie hinter diesen staatsverachtenden Zeilen gestanden haben?
Roth: Von 1970 bis 1985 hat sich bei der Band ja viel getan. Bestimmte Stücke sind irgendwann nicht mehr gespielt worden, weil sie nicht mehr der Auffassung der Band entsprachen. Ich hätte mich aber auch nicht von dem Text distanziert. Als der Text entstanden ist, hat er genau gestimmt und Gefühle von jungen Leuten ausgedrückt, die keine Perspektive hatten. Ich beschreibe das in einem anderen Teil des Buches über Demonstrationen gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf. Dort habe ich diesen Staat als Feind erlebt. Diese Wasserwerfer! Diese unglaubliche Konfrontation! Dieser Staat klappte sein Visier herunter und behandelte Menschen, die für eine andere Energie oder gegen öffentliche Gelöbnisse sind, wie Feinde. Insofern sind Titel wie «Keine Macht für niemand» oder «Macht kaputt, was euch kaputt macht» Ausdruck einer Situation in einer bestimmten Zeit, später wurde es nicht mehr gespielt. Es gab aber eine Weiterentwicklung in Form anderer Lieder. Ich distanziere mich nicht von meiner Vergangenheit. Diese Texte haben damals ein Lebensgefühl ausgedrückt. Es war ein Ausdruck von Auseinandersetzung, von Kämpfen und von Brutalität in dieser Gesellschaft.
Netzeitung: In der ebenfalls 1972 veröffentlichten Hausbesetzer-Hymne «Rauch-Haus-Song» über die Besetzung des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses in Berlin heißt es: «Wenn die das Rauch-Haus wirklich räumen, bin ich aber mit dabei und hau den ersten Bullen, die da auftauchen, ihre Köppe ein».
Roth: Sie zitieren den Originaltext der Platte. Auf der Bühne ersetzte Rio das «ihre Köppe ein» durch «was auf die Fingerlein». Dieser Song ist auch zu meiner Zeit noch gesungen worden. Nehmen Sie das Beispiel Frankfurt: In den schönen Vierteln werden heute enorm hohe Mieten für wunderschöne alte Bürgerhäuser verlangt. Dass es diese Häuser überhaupt noch gibt, hat was mit den Hausbesetzern zu tun, auch mit uns durchaus bekannten Persönlichkeiten. Die haben gesagt: «Diese Häuser lassen wir nicht kaputt machen.» Der «Rauch-Haus-Song» ist eine Hymne - aber immer mit den «Fingerlein».
Netzeitung: Wolfgang Seidel, erster Schlagzeuger und Mitgründer der Band, sagte in einem Interview: «Claudia Roth ist da ja noch die Lachnummer, wenn sie alte Scherben-Nummern wie eine Art Karnevalsmusik bei Grünen-Parteitagen laufen lässt, während ihre Politik die Leute diszipliniert, die so leben wollen, wie es in den Songs gefordert wird.»
Roth: Ich habe ihn nie kennen gelernt, weil er vor mir bei der Band war. Das ist keine Karnevalsmusik, und sie gehört auch nicht ihm allein. Ein Song wie «Ich will ich sein» ist etwas, was viele in meiner Partei genauso empfinden. Ich sehe das als beste Übersetzung von Anti-Diskriminierung. Es gibt auch keinen besseren Text gegen Rassismus und Rechtsextremismus als «Mein Name ist Mensch».
Roth: Ich weiß nicht, ob die Bewerbung, ernst genommen worden wäre, wenn sie nicht von dem damaligen Fraktionsgeschäftsführer Michael Vesper in die Männer-WG nach Bielefeld mitgenommen worden wäre. Michael hat, was man eigentlich nicht tut, meine Bewerbung mit den Platten in seiner WG herumliegen lassen. Da gab es einen großen Scherben-Fan, der ihm gesagt hat, die müssten mich einladen. Es war eine Verkettung von glücklichen Umständen. Ich hatte ganz einfach keine Arbeitszeugnisse. Möglicherweise wäre es heute schwieriger.
Netzeitung: Auf diesen Punkt lief die Frage hinaus. Joschka Fischer brachte es vom Straßenkämpfer und Gelegenheitsjobber ohne Abitur zum Bundesaußenminister. Sie wurden von der Managerin einer anarchistischen Rockband mit einem abgebrochenen Studium zur Vorsitzenden einer Regierungspartei. Wird es solche Biografien weiterhin geben, oder ist so etwas heute nicht mehr möglich?
Roth: Ich hoffe sehr. Vielleicht habe ich meine Geschichte auch aufgeschrieben, um deutlich zu machen: «Das geht.» Es ist kein Buch mit der Botschaft «Jeder ist seines Glückes Schmied». Ich hatte viel Glück und will nichts verklären: Der Preis ist verdammt hoch für das Leben, das ich gelebt habe und lebe. Das war manchmal schon ganz schön heftig, wenn du kein Geld mehr für die Gasflaschen hattest oder Haferschleim essen musstest, weil nichts mehr da war. Ich möchte auch an junge Leute appellieren, in sich selbst hineinzuhören, sich nichts aufdrängen zu lassen und so zu leben, wie sie wollen. Der Preis ist hoch, aber es ist ein großer Mehrwert fürs Leben.
Claudia Roth: Die Pressemitteilung bestand aus dem Bertolt-Brecht-Gedicht, das vorne im Buch abgedruckt ist: «Der reißende Strom wird gewalttätig genannt/ Aber das Flussbett, das ihn einengt/ Nennt keiner gewalttätig.» Es war der Höhepunkt einer parteiinternen Auseinandersetzung über Gewalt und die Frage: Ist es im Kampf gegen Gorleben und Brokdorf legitim, an Strommasten zu sägen? Da war Otto eindeutig auf einer Seite und hat dann ziemlich überreagiert. Es war dann aber auch konsequent, dass er diesen grünen Zusammenhang verlassen hat und in eine andere Partei gegangen ist.
Netzeitung: Die «andere Partei» ist die SPD, die nach sieben Jahren Rot-Grün eine Koalition mit der Union eingegangen ist. Bis vor einem Jahr war das höchste Regierungsamt für einen Grünen-Politiker das des Vizekanzlers. Heute ist es der Posten des Freiburger Oberbürgermeisters. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommmern, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz scheiterten die Grünen am Einzug ins Parlament. In Berlin erzielten Sie zwar ein respektables Ergebnis, aber der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit entschied sich gegen eine rot-grüne Koalition. Im Bundestag wird die FDP als Oppositionsführer wahrgenommen. Wie kommen die Grünen aus der Krise?
Roth: Wir haben gute Werte in den Umfragen und hatten zuletzt Wahlergebnisse, die an unsere besten Ergebnisse Mitte der 90er heranreichen. Natürlich ist es eine große Enttäuschung gewesen, in Rheinland-Pfalz aus dem Landtag zu fliegen. In Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt haben wir zugelegt, auch wenn wir die Hürde nicht überwunden haben Vor allem in Berlin und Baden-Württemberg haben wir zuletzt deutlich hinzugewonnen. Die Stimmung ist gut. Nach der rot-grünen Regierungszeit wurde oft gesagt: «Die Grünen haben ihre historische Aufgabe erfüllt: Das Thema Umwelt ist bei den anderen Parteien angekommen. Eigentlich sind die Grünen gar nicht mehr nötig.» Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen, dass da nichts dran ist. Gerade hat der erst 34 Jahre alte Boris Palmer mit einem klar auf Ökologie setzenden Wahlkampf die Universitätsstadt Tübingen gleich im ersten Wahlgang erobert und die bisherige Amtsinhaberin von der SPD weit hinter sich gelassen.
Unser Zukunftskongress war auch ein Auftakt zu einer neuen Debatte. Der Anspruch von jungen Leuten ist richtig, zu sagen, man müsse das Thema Umwelt radikaler thematisieren, damit die Leute merken, dass drängende Probleme wie die verheerende Klimakatastrophe bei den anderen Parteien nicht angekommen sind. Damit meine ich aber keinen Katastrophismus. Mir ist gar nicht bange, dass wir in einer Krise wären. Wir haben im Gegensatz zu anderen Parteien einen Zuwachs an Mitgliedern. Unsere Themen haben etwas mit der notwendigen Gestaltung der Zukunft zu tun. Wir sind bei den zentralen Punkten Vorreiter. Dank unserer Politik sind wir ja heute etwa in den Technologien der erneuerbaren Energien weltweit führend. Mehr und mehr höre ich aus Kreisen, wo man es nicht für möglich hält, dass sie durchaus mit einem weinenden Auge auf die Zeit von Rot-Grün zurückblicken.
Mit Claudia Roth sprach Timo Hoffmann.
Roths Autobiografie «Das Politische ist privat. Erinnerungen für die Zukunft» ist im Berliner Aufbau Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.

