08. Sep 2006 14:04
Michel Friedman hält den Kampf des Westens gegen Terrorismus für «oberflächlich». Die Netzeitung sprach mit dem Ex-Vize des Zentralrats der Juden über die richtigen Antworten auf Terrorgefahren und den Nahen Osten.
Netzeitung: Herr Friedman, fünf Jahre 11. September sind auch fünf Jahre Anti-Terror-Kampf. Waren die Kriege in Afghanistan, im Irak und die Vielzahl der Anti-Terror-Gesetze die richtigen Schlussfolgerungen internationaler Politik? Friedman: Wir nehmen in der Analyse der Geschehnisse bis heute nicht wahr, dass wir nicht nur in einer Bedrohung leben, sondern dass es sich tatsächlich um Terrorismus handelt. Die Reaktion der westlichen Welt, der Anti-Terror-Kampf, ist eine sehr oberflächliche Herangehensweise. Hinter diesem Terrorismus steckt mittlerweile eine Vielzahl von Staaten, vor allem diktatorische Regime. Über eine Milliarde Menschen empfinden den Westen als Feind, als das schlimmste, was überhaupt existieren kann. Ein Teil der Staatsführer skandalisiert diese Feindbilder bis zur Vernichtung hin.
Netzeitung: Wie kann man dem begegnen?
Friedman: Diese Situation ist eine Herausforderung, der man nicht mit Videokameras und Anti-Terror-Dateien allein begegnen kann. Das alles sind Placebos, weil es letztendlich hinter der terroristischen Bedrohung eine, wenn auch nur denktheoretische gibt, dass uns diese Länder nicht nur mit Terroristen, also Soldaten ohne Uniform, sondern in klassischer Kriegsführung bedrohen könnten. Deswegen haben wir auch zu Recht Angst vor einer atomaren Aufrüstung des Iran.
Netzeitung: Soweit das Problem, was muss die Politik tun?
Friedman: Wir müssen eine Auseinandersetzung darüber führen, inwieweit wir diese Bedrohung aushalten können, die eine Bedrohung nicht nur durch kleine terroristische Grüppchen, sondern durch ganze Staaten und ihren Bevölkerungen ist. Wir müssen uns erneut und wieder einmal die Frage stellen, ob es nicht kriegerische Konzepte eines Tages geben könnte, die uns angreifen, und ob wir bereit sind, uns zu verteidigen oder gar präventiv vorzugehen.
Das ist ein so ungeheures Bedrohungspotenzial, dass unsere Sehnsucht nach Verdrängung größer ist als eine Auseinandersetzung und Bewältigung. Unsere Konsequenzen sind immer nur oberflächliche Reaktionen, die sich mit dem Grundthema noch nicht beschäftigen. Wir müssen uns mit dieser Auseinandersetzung stellen oder wir werden verlieren.
Netzeitung: Gehen aus ihrer Sicht die Bemühungen im Nahen Osten in die richtige Richtung?
Friedman: Ich bejahe ausdrücklich, dass die Uno und auch endlich Europäer und Deutsche sich dafür engagieren, das Potenzial terroristischer Zerstörung zu bekämpfen, das die ganze westliche Welt bedroht. Der Einsatz der UN- und der Deutschen Truppen hat nicht nur vordergründig eine Schutzfunktion für Israel, sondern ist letztendlich eine Schutz für Deutschland selbst. Sich in diesem Konflikt aktiv zu engagieren, ist eine konstruktive und richtige Entscheidung.
Mit Michel Friedman sprach Tilman Steffen