Debatte um Weimarer Rede:
«Kaltgestellt und zum Schweigen gebracht»
Netzeitung: Aber wie erklären Sie sich dann die Heftigkeit der Reaktion? Es ist ja von Eklat und Skandal die Rede. Der Historiker Reinhard Rürup attestierte zum Beispiel Schäfer einen «Mangel an politischem Instinkt». Schäfer habe den Eindruck erweckt, als gehe es ihm um eine Akzentverschiebung in der deutschen Erinnerungskultur. Teilen Sie diese Analyse?
Wolffsohn: Ein ebenfalls - auf ganz andere Art - so ausgewiesener und integerer Historiker-Kollege wie Reinhard Rürup sollte sich für jenes Spiel nicht hergeben. Hermann Schäfer hat in Bonn u.a. die hochgelobte Vertriebenausstellung zu verantworten. Meisterhaft, mit viel Feingefühl und «politischem Instinkt» hat er dort eines der schwierigsten Themen deutscher Geschichte präsentiert; auch viele andere, heikle. Und nun soll er von gestern auf heute eben diesen politischen Instinkt nicht mehr haben? Wer soll das glauben?
Netzeitung: Auch Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) findet es «völlig abwegig», wenn von der Rede ein inhaltliche Veränderung der Gedenkstättenpolitik des Bundes im Hinblick auf die Bewertung und Aufarbeitung der NS-Diktatur abgeleitet wird. Er bedauerte allerdings, dass die Rede zu Missverständnissen geführt hat. Hätte er sich deutlicher hinter Schäfer stellen müssen?
Wolffsohn: Ich kenne die Reaktion von Herrn Neumann nur aus Ihrer Frage. Zum Grundsätzlichen hat er das Richtige gesagt. Neumann, die CDU, alle demokratischen Parteien der Bundesrepublik haben ihre geschichtsmoralische und -politische Integrität seit Jahrzehnten dokumentiert - auch und nicht zuletzt Hermann Schäfer. Ich bin sicher, dass Bernd Neumann zum wahren und nicht seit gestern wahrgenommenen Hermann Schäfer steht. Wir sollten uns nicht von politisch gewollten Fehlwahrnehmungen und Kampagnen steuern lassen, zumal Hermann Schäfer sich für mögliche echte Fehlwahrnehmungen taktvoll entschuldigt hat. Ich hoffe, dass Bernd Neumann und Angela Merkel zu Hermann Schäfer stehen - anders als Helmut Kohl beim Fall Jenningers. Auch damals riefen viele «Kopf ab!», statt einen kühlen Kopf zu bewahren.
Netzeitung: Die SPD-Politikerin Monika Griefahn appellierte gar an Schäfer, er solle Anstand beweisen und nicht nur als Beauftragter der Bundesregierung zurücktreten, sondern auch seinen Professorentitel zurückgeben. Wie stehen Sie hierzu?
Wolffsohn: Das immergleiche «Spiel» der bald 68-jährigen 68-er: Kluge Konservative diffamieren und mundtot machen, als unanständig anbräunen, um selbst als Strahlefrau oder -mann dazustehen.
Netzeitung: Griefahn schloss sich auch der Aufforderung der beiden Bundestagsvizepräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) und Katrin-Göring-Eckardt (Grüne) an, die Bundesregierung solle ihr Geschichtsbild klarstellen. Besteht hier wirklich Klärungsbedarf?
Wolffsohn: Nein. Wir alle kennen die Akteure der Bundesregierung nicht erst seit gestern. Aber seit gestern bietet sich ein neuer Anlass, vorzugeben, moralisch politische Grundpositionen neu zu entdecken oder zu definieren. Das ist unaufrichtig, weil konstruiert. Wie gesagt, das immergleiche Spiel. Außerdem weiß jeder, dass Bernd Neumann und Hermann Schäfer manches anders sehen als, sagen wir, Frau Wieczorek-Zeul, und das ist auch gut so, weil es zur demokratischen Pluralität gehört. In dieser Pluralität hat keiner die Exklusivität über Integrität, aber keinem sollte die Integrität abgesprochen werden.
Netzeitung: Was sagt die Schäfer-Debatte über den Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte aus?
Wolffsohn: Nichts darüber, wohl aber über miserablen politischen und medialen Stil.
Mit Michael Wolffsohn sprach Dietmar Neuerer

