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Volksaufstand 1953: 

Der 17. Juni «darf nicht auf den Hinterhof»

17. Jun 2008 19:16
Gäste bei einer Gedenkfeier für den 17. Juni 1953 in Berlin
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Politiker fordern mehr Interesse an dem historischen Tag 17. Juni 1953. Wie es um das Geschichtswissen der Deutschen bestellt ist und ob wir einen neuen Feiertag brauchen, hat Bettina Meier den Bildungsexperten Ilko-Sascha Kowalczuk gefragt.

Netzeitung: Herr Kowalczuk, warum ist der 17. Juni 1953 ein Tag, dem die Menschen heute gedenken sollen?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Am 17. Juni 1953 sind das erste Mal im kommunistischen Machtbereich in Europa eine Million Menschen in über 700 Städten und Gemeinden der DDR auf die Straße gegangen und haben gestreikt. Sie haben sich für politische Freiheit eingesetzt.

Das ist ein Ereignis, an das heute erinnert werden muss, weil Freiheit und Demokratie keine geschenkten Werte sind. Die muss sich jede Generation als Lebensprinzip immer wieder neu erarbeiten. Dafür benötigen wir eine Erinnerungskultur und historische Wegmarken.

Netzeitung: Wolfgang Thierse hält einen Platz des 17. Juni 1953 in Berlin für eine gute Idee. Wie sinnvoll wäre ein Platz des 17. Juni heute?

Kowalczuk: Ich bin auch dafür, dass ein zentraler Platz in Berlin nach dem 17. Juni benannt werden sollte. Das ist längst überfällig und eine Forderung, die seit Jahren besteht. Es gibt einige Erinnerungstafeln. Es gibt einen kleinen Platz, den Max-Fettling-Platz hinter dem Krankenhaus Friedrichshain. Max Fettling war ein Streikführer damals. Es ist ein unscheinbarer, nicht einsehbarer Platz.

Das ist genau das Problem: Man kann dieses großartige historische Ereignis der jüngsten deutschen Geschichte nicht auf Hinterhöfe oder einige Wohnhäuser zurück deligieren, sondern dafür benötigen wir in der Tat einen zentralen Platz. Ich glaube, dass zu einer demokratischen Erinnerungskultur auch immer symbolische Orte gehören. Das sind Orte, an denen die Bürger sich fragen: Warum steht dort ein Denkmal, warum ist ein Platz so benannt? Das gehört zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung dazu.

Netzeitung: Aber es gibt die Straße des 17. Juni in Berlin. Reicht das nicht aus?

Kowalczuk: Das ist richtig, aber es ist noch mal etwas anderes, wenn ein Platz mit einem Denkmal danach benannt wird. Die Straße des 17. Juni ist 1954 unmittelbar nach dem Aufstand umbenannt worden. Das hat sich mittlerweile so ins Bewusstsein eingeschliffen, dass da keine Auseinandersetzung mehr stattfindet.

In der alten Bundesrepublik war der 17. Juni nicht mehr als eine sozialpolitische Errungenschaft, ein sinnentleerter Feiertag. Insofern könnte ich mir gut vorstellen, dass in der Verlängerung der Straße des 17. Juni oder in der Nähe eine neue Würdigung stattfindet. Aber allein durch das Umbenennen von Plätzen oder das Aufstellen von Denkmälern erreicht man nicht genug. Die eigentliche Auseinandersetzung muss in der breiten Gesellschaft stattfinden, im Schulunterricht, in Wissenschaft und Forschung und in der politischen Bildung.

Netzeitung: Der Bürgerrechtler Rainer Eppelmann und der Leiter der Gedenkstätte Berlin Hohenschönhausen haben die Einführung des 17. Juni als Gedenktag vorgeschlagen. Wie beurteilen Sie das?

Kowalczuk:1954 ist als Gedenktag in der alten Bundesrepublik eingeführt worden. Das war ein arbeitsfreier Tag. Der ist 1990 zum letzten Mal begangen worden. Seit 1990 gibt es einen anderen staatlichen Feiertag. Das ist der dritte Oktober, der Tag der deutschen Einheit.

Den 17. Juni jetzt als neuen staatlichen Gedenktag zu fordern, ist absurd. Der Bundespräsident hat 1963 ein Gesetz unterzeichnet, nach dem der 17. Juni ein staatlicher Gedenktag in Deutschland ist. Dieses Gesetz ist bis zum heutigen Tage nicht abgeschafft worden. Das bedeutet der 17. Juni ist weiterhin ein staatlicher Gedenktag. Er ist nur kein Feiertag, so dass da arbeitsfrei wäre. Man müsste diesen Gedenktag heute nur mit einem größeren gesellschaftlichen Leben ausfüllen, damit es ein lebendiger Gedenktag ist.

Netzeitung: Wissen die Deutschen zu wenig über den 17. Juni 1953?

Kowalczuk: Der 17. Juni kommt an den Schulen und Universitäten nur rudimentär oder gar nicht vor. Das hat erhebliche Auswirkungen auf das historische Wissen und das Geschichtsbewusstsein nachwachsender Generationen. Es wurden gerade wieder Umfragen veröffentlicht, was an historischem Wissen über die jüngste Zeitgeschichte bei Schülern vorhanden ist. Das ist schon erschreckend.

Es ist erschreckend, dass da Elementarwissen wie Adenauer und Honecker durcheinandergebracht wird, dass man nicht weiß, was am 17. Juni passiert ist, dass man nicht weiß, was am 13. August 1961, am Tag des Mauerbaus passiert ist. Ich glaube eine freiheitliche und demokratische Bevölkerung braucht auch ein freiheitliches Geschichtsbild. Wenn das nicht gegeben ist, sind Gegenwart und Zukunft in Gefahr.

Der Berliner Historiker und Autor Ilko-Sascha Kowalczuk war Mitglied der Enquete-Kommission «Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit». Mit ihm sprach Bettina Meier

 
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