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Historiker Wolfgang Müller im Interview: 

«Die Politik setzt auf Vertuschung»

02. Mai 2008 07:16
Skizziert Seelenpfade für globalisierte Menschen: Historiker Wolfgang Müller
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Mit den derzeitigen Mitteln der Politik sind die gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit nicht zu lösen, schreibt Wolfgang Müller in seinem Buch «Inseln der Zukunft». Der Netzeitung schildert der Historiker, wie man den Schattenseiten der Globalisierung begegnen kann.

Netzeitung: Herr Müller, sie malen die Gegenwart in düsteren Farben und geben der Moderne die Schuld an der Unfreiheit der Menschen. Das steht in krassem Gegensatz zum propagierten Selbstverständnis der westlichen Demokratien. Sind sie ein Systemgegner und sehnen sich im Stillen nach der starken Hand eines sozialen Erlösers?

Wolfgang Müller: Nein, dieses westliche Selbstverständnis ist durchaus in Ordnung. Das Ringen um Demokratie und Menschenrechte, eine freie, kritische Diskussionskultur – man wäre blind, wenn man das nicht schätzen würde. Wir sollten jeden Zentimeter davon verteidigen. Ich versuche aber den Blick auf andere Seiten der westlichen Kultur zu richten, die ich in der Tat für problematisch halte. Zum Beispiel die fast schon totalitäre Art und Weise, wie der ökonomische Betrieb die Menschen in Beschlag nimmt: nicht nur äußerlich, im Beruf, sondern auch innerlich.

Natürlich haben Menschen auch in früheren Zeiten hart gearbeitet, oft sogar härter als heute, aber ihr Dasein hatte zugleich andere Ebenen, die vor allem durch die Religion symbolisiert waren. Das ist heute weitgehend weggebrochen. Das heißt, der heutigen Kultur fehlen solche Gegenpole zum Alltagsbetrieb, sie liefert sich diesem Betrieb mit Haut und Haaren aus. Am Ende bleibt dann der Einzelne ratlos und ausgelaugt zurück, mit dem dumpfen Gefühl, das könne doch nicht alles gewesen sein. Und in der Tat: Es ist nicht alles. Da gibt es ganze Dimensionen, die heute nicht mehr in den Blick kommen. Das ist der blinde Fleck unserer Epoche.

Netzeitung: Und wie können wir diesen blinden Fleck beseitigen?

Müller: Das erfordert eine enorme geistige Leistung. Aus meiner Sicht können wir nicht einfach die alten religiösen Modelle reaktivieren. Wir müssen diese Fragen ganz neu angehen, als moderne, skeptische Zeitgenossen. Das kann uns kein Erlöser abnehmen. Ich halte es da mit Lessing: Der war der Meinung, dass die alten Offenbarungen durchaus ihren Sinn hatten, dass wir aber deren Inhalt, der einst quasi von außen gegeben wurde, in unserer Epoche eigenständig erobern und begreifen müssen. Das ist eine, wenn man so will, demokratische Spiritualität.

Netzeitung: Der Niedergang der christlichen Kirchen und die Säkularisierung der Gesellschaft kamen nicht von heute auf morgen, haben den Menschen aber wichtige Fluchtpunkte und Möglichkeiten der Kontemplation genommen. Ersatz wird ihnen geboten durch clever vermarktete Selbstfindungsangebote wie Esoterik, Funsport oder Abenteuerurlaub. Welche Gefahren liegen darin?

Müller: Vor allem die, dass diese Angebote wie Konsumartikel gehandelt werden. Man versucht mal dies, mal jenes, und hangelt sich mit dieser Art von Wellness mit Esoterik-Touch durchs Leben. Mir scheint, das wird – um es etwas altmodisch zu sagen – dem Ernst des Lebens nicht gerecht. Irgendwann hat die Erlebnisgesellschaft ihr Pulver verschossen. Und dann steht der Einzelne vor schlichten und elementaren Fragen, die sich durch die Einnahme von Yogi-Tee nur partiell beruhigen lassen.

Letztlich führt kein Weg daran vorbei, das eigene Leben zu prüfen und, soweit man es eben kann, in Ordnung zu bringen. Dabei wird man von allein auf die Frage stoßen, ob die eigenen Lebensprinzipien tragfähig sind und einen Grund in der Wirklichkeit haben – oder nur das flüchtige Ergebnis einer Selbsthypnose sind. Im Übrigen: Selbst wenn man bestimmte Fragen gar nicht bis ins Letzte klären kann: Sie in ihrer vollen Tiefe zu spüren, vermittelt dem Leben schon eine schöne Qualität.

Netzeitung: Die globalisierte, beschleunigte und durch moderne Kommunikationsmittel «geschrumpfte» Welt ist so komplex geworden wie nie zuvor. Wie sollen sich Menschen gegen den information overload und die Vereinnahmung wehren?

Müller: Indem sie sich die Herrschaft über den eigenen Kopf nicht abnehmen oder abkaufen lassen. Natürlich stürzt unendlich viel auf uns ein, unendlich viel Unsinn, aber auch viel Interessantes. Manchmal, wenn ich eine gute Zeitung aufschlage oder zu bestimmten Themen im Internet stöbere, bin ich geradezu ergriffen angesichts dieses fantastischen Angebots. Aber man darf sich davon weder im Schlechten noch im Guten kirre machen lassen: Das Entscheidende ist und bleibt unsere Fähigkeit, diesen Stoff zu durchdringen und zu verarbeiten.

«Lernen muss sich in humanen Formen vollziehen»

Diese Fähigkeit wird heutzutage wenig trainiert. Das fängt schon in den Schulen an, in denen zu viel Stoff oberflächlich aufgenommen wird, aber am Ende kaum etwas sitzt, also verwurzelt und verstanden ist. Im Grunde verhält sich die heutige Kultur wie ein Mensch, der permanent so viel zu sich nimmt, dass er es gar nicht mehr verdauen kann. Dann fühlt man sich eben zum Kotzen. Nein, dem ganzen Getue um die Informationsgesellschaft zum Trotz: Leben und Lernen muss sich in humanen Formen vollziehen. Und wir sollten den Mut haben, uns die Dinge im eigenen Rhythmus anzueignen.

Netzeitung: Wer den Mut besitzt aus dem Getriebe auszusteigen, dem drohen Ausgrenzung und Chancenverlust. Müssen die Menschen in die innere Emigration fliehen, um dem Strudel zu entrinnen und zumindest den Frieden mit sich selbst zu finden - oder gibt es auch andere Auswege?

Müller: Innere Emigration – das hieße Resignation. Nein, wir sollten an dem Ziel festhalten, dass wir in dieser Welt – und nicht mit dem Rücken zu ihr – glücklich werden können. Natürlich kann es Phasen geben, in denen ein Rückzug sinnvoll ist, um Kräfte zu sammeln und den Kopf frei zu bekommen. Aber produktiv wird die Sache erst dann, wenn aus dieser Distanz heraus der Alltag neu betrachtet wird und man versucht, ihn nach bestimmten Prinzipien neu zu formen.

Provokatives Werk:
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Das ist freilich ein mühsamer Prozess. Solche Veränderungen können nicht auf einen Schlag gelingen. Das war ja der Irrtum von Groß-Ideologien wie dem Marxismus, dass man nur an einer Stelle den Hebel ansetzen müsse, etwa bei der Verstaatlichung der Produktionsmittel, und dann werde der Rest schon folgen und der «neue Mensch» ins Leben treten. Inzwischen spürt fast jeder: Solche Veränderungen müssen von unten her wachsen. Es geht zunächst darum, bestimmte Teilbereiche neu zu gestalten, Räume anderer Gesetzlichkeit zu schaffen - eben die «Inseln der Zukunft».

«Die Hetz-Kultur wird bald ziemlich alt aussehen»

In Ansätzen gibt es sie bereits, etwa in der alternativen Szene, mit neuen Wohnformen, anderen Formen des Wirtschaftens: im Grunde überall dort, wo Menschen beginnen, frei und selbstbewusst die Prioritäten ihres Lebens zu bestimmen, statt nur blind zu funktionieren. Da geht es nicht um Nischen, um Schutzräume für Nostalgiker, sondern um zukunftsweisende Projekte, Keimzellen einer größeren Veränderung. Ich bin überzeugt: Eines Tages wird die heutige Hetz-Kultur, die sich für so wahnsinnig modern hält, ziemlich alt aussehen. Aber als Historiker weiß ich auch: Solche großen kulturellen Veränderungen brauchen immer ein paar hundert Jahre.

Netzeitung: Alte Menschen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren, schreiben Sie. Vielmehr würden die heutigen Alten nicht mehr - wie in vormodernen Zeiten - einen Pool der Weisheit bilden, sondern eben nur noch älter als die Jungen und schwächer als die Starken sein. Wie muss sich das Gesellschaftssystem ändern, um auch alte Menschen würdig zu behandeln?

Müller: Es sollte sie nicht nur – gnädigerweise – würdig behandeln, sondern den Menschen eine wirkliche Chance geben, so zu reifen, dass sie im Alter gern respektiert werden, also nicht aus einer trostlosen Verpflichtung heraus, sondern weil sie einen inneren Reichtum ausstrahlen, der auf natürliche Weise attraktiv wirkt. Das kann nur gelingen, wenn Menschen schon in früheren Lebensphasen mehr Räume haben, um ihre Persönlichkeit in allen Richtungen auszubilden. Die Altersweisheit kommt ja nicht auf wundersame Weise als Anhang zum Rentenbescheid herangeschwebt, sondern ist – wenn überhaupt - Produkt eines ganzen Lebens.

Oder von der anderen Seite betrachtet: Wir selbst müssen uns die Räume nehmen, um das Leben von den verschiedensten Seiten zu erforschen und auszuloten, in seiner ganzen Spannweite von höchster Aktivität bis zu tiefer Einkehr und Stille. In dieser Hinsicht hat die heutige Kultur offenkundig eine schwere Schlagseite. - Weisheit ist ein großes Wort, ich möchte wahrlich nicht behaupten, dessen Inhalt definieren zu können. Klar scheint mir aber: Sie wächst nur dort, wo Menschen den Raum ihres Daseins tief ermessen und erfahren - und nicht nur auf demselben Gleis ein paar Runden gedreht haben.

Netzeitung: Wenn man die Prägung eines Menschen mit der Formatierung einer Festplatte gleichsetzt, dann entspräche ihr Vorschlag des «Zur-Besinnung-Kommens» einer Neuformatierung. Doch sind wir keine Maschinen. Wie soll das Ganze denn funktionieren?

Müller: Wohl wahr, wir sind keine Maschinen! Und daher bedeutet das Zur-Besinnung-Kommen eben nicht, das alte Programm zu löschen und mal rasch ein anderes aufzuspielen. Viel eher heißt es: mit den bisherigen Prägungen neu umzugehen, flexibler und souveräner als zuvor, also nicht mehr ihr Gefangener zu sein, sondern - ihr Freund. Jedenfalls ist es ein verbreiteter Fehler zu glauben, man solle irgendwelchen fremden Idealen nacheifern. Natürlich gibt es geradezu leuchtende Ideale, die uns inspirieren können - aber doch nicht zum Kopieren, sondern zu einer Verwirklichung, die unserem Ort in der Welt entspricht. Entwicklung heißt also nicht, etwas anderes zu übernehmen, sondern das Eigene tiefer und umfassender zu verwirklichen. Am Ende ist man derselbe - auf andere Weise.

Plädoyer für die Wiedergeburt der Politik

Es gibt dazu eine hübsche Anekdote aus der jüdischen Tradition: «Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: ‚In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?’»

Netzeitung: Am Schluss ihres Buches ist von der Wiedergeburt der Politik die Rede. Wer das sagt, muss denken, dass die Politik bereits gestorben ist. Woran machen Sie das fest?

Müller: Mir geht es nicht um Politik-Beschimpfung, und ich halte gar nichts von billigen Ressentiments à la «Die da oben, die bringen ja doch nichts zustande». Die so reden, sind nach meiner Erfahrung meist dieselben, die – sobald politisch doch etwas in Bewegung kommt – laut aufschreien, weil sie ihre gewohnte Welt in Gefahr sehen. Es gibt da ein unseliges Zusammenspiel zwischen dieser Trägheit auf Seiten der Bürger und einem Opportunismus auf Seiten der Regierenden, die jede Zumutung meiden und schon gar nicht die Kraft haben, dem Druck der Interessengruppen standzuhalten. In diesem Kreislauf ist die heutige Politik gefangen. Vielleicht ist sie nicht tot, aber sie bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Netzeitung: Und wie kann sich die Belebung der Politik vollziehen?

Müller: Indem wir die Möglichkeiten, die unser politisches System bietet, tatsächlich ausschöpfen, also nicht nur lamentieren und über die politische Bedienung klagen, sondern selbst aktiv werden. Das kann in Parteien sein, deren Innenleben nur so lange öde bleibt, wie die helleren Köpfe sich zu fein sind, um sich einzumischen. Aber es kann auch in unabhängigen Initiativen sein, in praktischen Vorstößen zu neuen Lebensformen, eben jenen Inseln, deren Impulse auf die Gesellschaft ausstrahlen können. Auch das ist im weitesten Sinn politisches Engagement: ein Bemühen um die Polis, das Gemeinwesen, in dem wir leben, das ruhig ein bisschen menschenfreundlicher als heute werden dürfte, für uns und unsere Nachkommen.

Netzeitung: Das bedeutet auch einen Wandel des Demokratiebegriffs. Wie soll Demokratie künftig funktionieren? Wie kann Politikverdrossenheit überwunden werden?

Müller: Mir scheint, der Schlüssel liegt darin, dass erkennbar wird: Es geht um konkrete Projekte. Das gilt an der gesellschaftlichen Basis, wenn Menschen etwas Neues erproben und – mit allen Risiken und Rückschlägen, die dazugehören – in die Wirklichkeit umsetzen. Aber es gilt auch für die große Politik.

«Der Politik fehlen klare Konturen»

Klar ist, dass sich das politische Geschäft in einer modernen Gesellschaft nicht mehr so organisieren lässt wie einst auf dem Marktplatz von Athen. Dennoch wäre auch heute mehr möglich als die nebulösen Pauschalversprechen, mit denen die gängige Politik hantiert. Im Kern geht es um politische Angebote, die klare Konturen haben, vielleicht auch um einen Preis.

Das ist der Hauptfehler der heutigen Politik, dass sie diesen Punkt vertuschen will und dadurch unglaubwürdig wird. Gesetzt den Fall, eine Partei würde mit einem entschiedenen Angebot vor die Wähler treten, nicht super-radikal, aber doch mit deutlichen Akzenten etwa in Richtung Ökologie und, das ist entscheidend, mit einer klaren Ansage, dass ein solcher Weg in Zeiten der Globalisierung kein Honigschlecken ist - dann wäre interessant zu beobachten, wie die Sache ausgeht. Vielleicht ja mit einer politischen Niederlage. Dann würde sich nur einmal mehr zeigen: Wir haben die Politik, die wir verdienen. Vielleicht aber könnte die Sache eines Tages auch anders ausgehen und die Frage auftauchen: Wie konnten wir uns selbst so lange unterschätzen?

Mit Wolfgang Müller sprach Frank Lassak.

 
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