Streit um Integration:: 

netzeitung.deDeutsche Aleviten finden Erdogan «respektlos»

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Der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Ali Ertan Tobrak (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Ali Ertan Tobrak
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Dass die Opfer in Ludwigshafen Aleviten waren, ist kaum thematisiert worden. Stattdessen habe der Sunnit Erdogan das Unglück politisch ausgenutzt, meint der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Deutschlands.

Die Brandkatastrophe von Ludwigshafen ist nicht nur zur Belastungsprobe im deutsch-türkischen Verhältnis geworden, sondern hat auch einen Streit unter Türken heraufbeschworen. Der Generalsekretär der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Ali Ertan Toprak, wirft der türkischen Regierung vor, das Unglück politisch missbraucht zu haben. Außerdem habe die Regierung keine Rücksicht darauf genommen, dass die meisten der neun Toten der religiösen Minderheit der Aleviten angehören.

Vor der Trauerfeier am Sonntag hatten nach Topraks Darstellung Vertreter der Aleviten massiv dagegen protestiert, dass türkische Regierungsvertreter eigenmächtig die Zeremonie der Trauerfeier bestimmen wollten. «Die türkischen Politiker haben total außer Acht gelassen, dass die Opfer Aleviten sind, und das ist respektlos», kritisierte Toprak am Mittwoch. Erst nach massivem Protest seien Wünsche der alevitischen Angehörigen berücksichtigt worden, so Toprak.

700.000 Aleviten in Deutschland
Bekir Alboga, Dialogbeauftragter des türkisch-islamischen Verbandes Ditib, weist die Vorwürfe zurück. Die Ditib ist eng mit der Religionsbehörde in Ankara verbunden. Alboga, der die Trauerfeier am Sonntag in Ludwigshafen mitgestaltete, sagte: «Wir haben sie als Muslime der Barmherzigkeit Gottes übergeben. Wir sind alle Muslime, ob Aleviten oder Sunniten, das spielt überhaupt keine Rolle.»

Für Toprak und viele Aleviten spielt es aber doch eine Rolle. Seit langem ringen alevitische Verbände darum, in der mehrheitlich sunnitisch-islamischen Türkei als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt zu werden. Nach unterschiedlichen Schätzungen sind zwischen zehn und 25 Millionen Türken Aleviten. In Deutschland sind es laut der Alevitischen Gemeinde mit Hauptsitz in Köln rund 700.000, also etwa ein Viertel der türkischstämmigen Migranten hierzulande.

Andere Glaubenspraxis
Alevitische Traditionen weichen in vielen Punkten von der sunnitischen oder auch schiitischen Glaubenspraxis ab. So gehen die meisten Aleviten zum Gebet nicht in Moscheen. Das hatte auch Auswirkungen auf die Trauerfeier in Ludwigshafen. Die Alevitische Gemeinde sprach sich vor den Feierlichkeiten vehement gegen ein sunnitisches Totengebet in einer Moschee aus. Schließlich wurde als Kompromiss vereinbart, dass ein alevitischer Geistlicher und ein sunnitischer Imam nacheinander Gebete bei der Gedenkfeier unter freiem Himmel sprachen.

Verärgert zeigte sich die Alevitische Gemeinde über die Auftritte von Ministerpräsident Tayyip Erdogan und anderen Politikern in Deutschland. Sie hätten die Tragödie benutzt, um sich als Vertreter der türkischstämmigen Migranten in Deutschland zu präsentieren. In den Augen der Alevitischen Gemeinde war vor allem Erdogans Auftritt «ein Vorgeschmack auf den türkischen Wahlkampf auf deutschem Boden», so Toprak. Er kritisierte unter anderem Erdogans Aufforderung an die Türken in Deutschland, sich nicht völlig zu assimilieren. Damit hätte der türkische Regierungschef der deutschen Integrationspolitik unterstellt, auf Assimilation abzuzielen.

Frauen tragen kein Kopftuch
Während der Streit um die Trauerfeier nach der Bestattung der Todesopfer in der Türkei zu Ende gegangen ist, geht die politische Auseinandersetzung zwischen der Alevitischen Gemeinde und der türkischen Regierung weiter. So kritisierte Toprak die jüngst vom türkischen Parlament verabschiedete Öffnung türkischer Universitäten auch für Kopftuchträgerinnen. Alevitische Frauen tragen meist kein Kopftuch. Die Freigabe der islamischen Kopfbedeckung im Hörsaal verstößt nach Ansicht vieler Aleviten gegen die gebotene Trennung von Staat und Religion in der Türkei. (Andreas Gorzewski, epd)