26.11.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Demonstration gegen Anbau von gentechnisch verändertem Getreide
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Aus der Union kommt Kritik am eigenen Agrarminister - die geplante Aufweichung der Lebensmittel-Kennzeichnung «Ohne Gentechnik» sei Verbrauchertäuschung. Die FDP fürchtet aber, dass die Unionsabgeordneten am Ende doch umschwenken.
In der Union ist über die Kennzeichnung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln Streit entbrannt. Bundestagsabgeordnete der Schwesterparteien halten Agrarminister Horst Seehofer (CSU) vor, er wolle die strengen Regeln für die Deklarierung «Ohne Gentechnik» aufweichen. Wie das Magazin «Focus» berichtet, soll dieses Etikett künftig auch bei Lebensmitteln erlaubt sein, wenn bei der Herstellung gentechnisch veränderte Mikroorganismen (GVO), Enzyme oder Zusatzstoffe zum Einsatz kommen.
Dagegen wehren sich Politiker aus der Unionsfraktion im Bundestag. «Wahrheit und Klarheit sind der beste Verbraucherschutz. Kann sich der Kunde nicht auf Etikettenangaben verlassen, dann ist das Täuschung», kritisierte die Verbraucherschutzbeauftragte der Fraktion, Julia Klöckner (CDU). CDU-Landwirtschaftsexperte Peter Bleser sagte dem Magazin: «Die Mogelpackung wird hoffentlich vom Verbraucher als solche erkannt.»
Scharfe Kritik kommt auch aus der FDP. «Die geplante Kennzeichnung 'ohne Gentechnik' ist reine Verbrauchertäuschung», sagte die Expertin der FDP-Fraktion, Christel Happach-Kasan, der Netzeitung. «Produkte, die GVO-Spuren von Enzymen oder Tierarzneien enthalten, dürfen nicht mit 'ohne Gentechnik' etikettiert werden», forderte Happach-Kasan.
Die Gentechnik-Politik der Bundesregierung sei «eine Katastrophe», ergänzte die FDP-Politikerin. Sie sieht in der Empörung der Unionsabgeordneten einen reinen «Sturm im Wasserglas». Letztlich kapituliere die Unionsfraktion «einmal mehr» vor Agrarminister Seehofer und der SPD.
Gentechnisch veränderte EnzymeHintergrund des Streits sind von «Focus» wiedergegebene Schätzungen der Bundesforschungsanstalt für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe, wonach 80 bis 90 Prozent aller Enzyme in Lebensmitteln für bessere Herstellungsqualität ein Produkt der Gentechnik sind. Schokolade enthalte beispielsweise Lecithin aus gentechnisch veränderten Sojabohnen, Speiseöl werde aus genetisch verändertem Mais oder Raps gepresst.
Im Labor entstehen demnach auch Glutamat für Fertiggerichte und Brühwürfel, ferner Emulgatoren, Vitamine oder Süßstoff (Aspartam). Enzyme erhöhen künstlich die Saftausbeute beim Pressen von Obst, und das Enzym Chymosin wird für die Herstellung von Käse bis hin zur Biovariante eingesetzt.
Noch ist das Gesetz strengDie Union sieht laut «Focus» die Gefahr, dass durch eine lockere Auslegung der Kennzeichnung auf den meisten Produkten «Ohne Gentechnik» klebt und dies beim Verbraucher die Anti-Gentechnik-Haltung verstärkt, weil für die Kunden Lebensmittel scheinbar auch ohne Laborhilfe frisch bleiben und intensiver schmecken. Am Montag wollte der Agrarausschuss des Bundestages Fachleute zur umstrittenen Novelle des Gentechnikgesetzes anhören.
Der Kennzeichnungshinweis «Ohne Gentechnik» darf bislang nur für Lebensmittel und Lebensmittelzutaten verwendet werden, die weder GVO enthalten noch aus GVO hergestellt wurden. Darüber hinaus dürfen die Erzeugnisse nicht unter Verwendung von aus GVO gewonnenen technischen Hilfsstoffen einschließlich Extraktionslösungsmitteln und Enzymen hergestellt worden sein. Sie dürfen auch nicht von Tieren stammen, die mit Futtermitteln oder Futtermittelzusatzstoffen ernährt oder mit Arzneimitteln behandelt wurden, die mittels gentechnischer Verfahren hergestellt worden sind. (nz/AP)