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Kerner & Co sind die Inquisitoren von heute

20. Okt 2007 08:11
Eva Herman verlässt den ZDF-Talk von Johannes B. Kerner
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Die Aufregung um Eva Herman ist Quatsch, meint der Historiker Michael Wolffsohn. Nicht sie ist schuld, dass Deutsche in Adolf Hitler auch Gutes sehen, wie eine Forsa-Umfrage ergab, sondern andere.

Wer dumme, genauer: ganz und gar undifferenzierte Fragen stellt, bekommt dumme oder ganz und gar undifferenzierte Antworten.

Das Teuflische an der NS-Politik war ja gerade, dass sie den Deutschen sowohl Zuckerbrot als auch Peitsche bot. Der Historiker Thamer hat deshalb sein vorzügliches und allgemein anerkanntes Buch über Hitler-Deutschland «Verführung und Gewalt» betitelt. Besser kann man es nicht formulieren.

Allen Juden und den vermeintlich «minderwertigen Völkern» wurde nur Gewalt angetan, «bestenfalls» die Peitsche gebraucht, meistens brutalste Instrumente des Massenmordens. «Die Deutschen» (sogenannte arische Deutsche) aber bekamen beides: Wer sich nicht verführen ließ, spürte Gewalt. Verführung und Zuckerbrot wurden den Deutschen geboten, damit sie weiter verdummt würden und dann innerlich bereit waren, Kanonenfutter der Nazis zu sein.

Die Autobahnen hatten nur einen Zweck - den militärischen. Die zivile Nutzung war ein «Abfallprodukt». «Volkswagen» und Volksurlaub der KdF («Kraft durch Freude») - das alles hatte diesem Zweck: Die Deutschen sollten erst gepäppelt, dann an die Fronten geschickt werden, wo sie sterben durften. Die deutsche Gans wurde erst gemästet und dann geschlachtet, denn dass der Nazi-Krieg gegen fast die ganze Welt nicht zu gewinnen war, wussten die Nazis spätestens seit Dezember 1941.

Mit «Kriminellen» (echten oder vermeintlichen) konnte man auf Zuckerbrote gleich verzichten. Das war zugleich ein bequemes Mittel, mögliche «Kriminelle» total abzuschrecken: «Ab an die Front!» Ohne viel Federlesen oder Verführung. Dank der Verführungen merkten die meisten Deutschen nicht einmal, dass sie allein für den Kanonenfutter-Zweck Zuckerbrot bekommen hatten.

In seinem «Testament» hat Hitler unumwunden seine Verachtung dem Deutschen Volk gegenüber ausgedrückt. Es sei, so sah er es, seiner «nicht würdig» und solle daher untergehen. Hitlers «Nero-Befehl» sollte diesen Untergang Deutschlands und der Deutschen durch Deutsche herbeiführen. Für dessen Durchführung war es Gott sei Dank zu spät, aber auch so hatten die Nazis ein total zerbombtes und innerlich gebrochenes Deutschland hinterlassen.

Wer trotz dieser Tatsachen meint, im Nazismus der Deutschen Heil zu suchen, sollte Wilhelm Busch lesen. Bei ihm heißt es: «Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.»

An all dem Quatsch soll Eva Herman schuldig sein? Das ist primitiv. Sie hat den Nationalsozialismus keineswegs grundsätzlich verteidigt. Letztlich hat sie, mit anderen (nicht so gescheiten und daher gescheiterten) Worten nichts anders ausgedrückt als Professor Thamer mit «Verführung und Gewalt». Aber wir leben in einer medialen Massengesellschaft der Analphabeten, in der man (wie einst) für das eigene Versagen (hier: die Unfähigkeit zuzuhören, richtig zu zitieren und richtig zu verstehen) nach Sündenböcken sucht.

Kerner & Co, das sind die Inquisitoren von heute.

Und wer bei Umfragen nur nach den Verführungen durch die Nazis fragt, wird diese bestätigt bekommen - denn diese gab es, damit die Deutschen so dumm würden, sich freiwillig abschlachten zu lassen und dabei andere abzuschlachten. Aber die vermeintlich Gescheiten sind auch nicht klüger geworden. Sie laufen alle mit, voll im Mainstream.

Was für ein Glück, dass in der bundesdeutschen Demokratie die Weichen «von oben» anders gestellt wurden. Der Mitläufer und dann sicher der Mitmacher wegen müsste man vielleicht schon an Auswanderung denken.

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Michael Wolffsohn, 1947 in Tel Aviv (Israel) geboren, ist Historiker und Politikwissenschaftler. Er lehrt an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte.
 
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