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Was von Pauli bleibt

30. Sep 2007 09:11
Nicht-Bayern würden Pauli wählen
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Ende einer riskanten Mission: Gabriele Pauli wollte die CSU reformieren und verbrannte sich dabei selbst. Doch Kenner bescheinigen ihr einen Achtungserfolg – mit Langzeitwirkung, wie Tilman Steffen berichtet.

Bilderschau:
Gabriele Pauli – der Underdog der Christsozialen. Ohne sie wäre die Veranstaltung in München ein Parteitag wie jeder andere gewesen, mit erwartbaren Worten und Ergebnissen. Nichts davon diesmal. Paulis Anspruch war hoch, der Aufprall hart: Die Parteitagsdelegierten demütigten sie bei der Wahl zum CSU-Vorsitz tief. Hinter Favorit Erwin Huber und Mitbewerber Horst Seehofer landete sie abgestraft auf Platz drei - mit 2,5 Prozent, 24 von fast 1000 Stimmen, was einer Steinigung gleichkommt. Sie flog aus dem Parteivorstand, ihr Bezirksverbandschef Günther Beckstein hielt sie als Kandidatin für «nicht mehr vermittelbar». Vergessen ist, dass sie den überfälligen Rückzug Edmund Stoibers anstieß – vor einem knappen Jahr, als sie sich öffentlich gegen bespitzelnde Nachforschungen betreffs ihrer Stoiber-kritischen Haltung verwahrte.

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Lief da was falsch? «Ich habe keinen Fehler gemacht», sagt Pauli in einem Randgespräch am Ende. Wollte sie gar nicht Vorsitzende werden, sondern die erstarrte CSU nur wach rütteln? Wäre es ihr nur um den Sieg gegangen, betont die Verliererin, hätte sie all die strittigen Themen der letzten Monate dar nicht angesprochen. Denn die kosteten sie schließlich ihre Sympathie.

Bis 2008 ist Pauli noch Landrätin im fränkischen Fürth. Für die Zeit danach fehlt ein Plan. «Da wird sich schon etwas finden», sagt sie und spricht von Gottvertrauen. Selbstbetrug und Realitätsferne wollte sie bei ihrer Partei kurieren, die Politikverdrossenheit der Menschen mindern. In der braun-grauen Menge der Parteitagsdelegierten lenkte ihr rot-schwarzes Outfit die Blicke.

Während der Spitzengarde das Idiom angeboren ist, vertrat sie am Mikrofon dialektarm ihre Ziele. Gabriele Pauli hat nicht nur eine Botschaft, am Samstag war ihre Mission sie selbst. Die CSU fühle nicht mehr, «was die Bürger fühlen», hatte sie in ihrer Bewerbungsrede für den Chefposten beklagt und auf die sinkende Wahlbeteiligung in Bayern von zuletzt 57 Prozent verwiesen.

Die CSU-Führung orientiere ihre Politik daran, «was ankommt». Die Delegierten grummelten, Hubers Mundwinkel wiesen noch weiter abwärts als sonst. Weil jede zweite Ehe zerbricht, plädierte Pauli vor den Delegierten ein letztes Mal dafür, dass die Partner ihr Versprechen im Sieben-Jahres-Rhythmus erneuern – oder eben lösen. Sie sprach über die Frauen in der CSU, die sich «viel zu oft zu sehr zurückhalten». Die Lücken zwischen diesen Worten füllten ein betontes Lächeln, was den Eindruck von Entrücktsein hinterließ. Inhalt und Form der Pauli-Performance erinnerten eher an die Grünen als an die CSU.

Urwunsch nach Harmonie

Gemeinsam nachdenken, Bestehendes infrage stellen, gemeinsam Neues konzipieren, ist ihr Mantra. Ist diese Frau noch in der richtigen Partei, fragte sich einer der Politik-Korrespondenten. Zu Recht, denn die Paulisierung der CSU kommt hier schlecht an. «Viel zu esoterisch», hieß es am Rande des Delegiertentreffens.

Die Parteioberen in den vorderen Sitzreihen vermieden auch jeden sichtbaren Ausdruck des Interesses an Paulis Rede, weiter hinten hatte die Einzelkämpferin dagegen auch aufmerksame Zuhörer. Zum Schluss ihrer 17-minütigen Bewerbung baute sie eine Brücke zu Widersacher Beckstein. Der künftige Ministerpräsident hatte ihr öffentlich den Besuch eines Psychaters und ein Sabbat-Jahr empfohlen. Um das Chaos der letzten Monate aufzuarbeiten, nehme sie Becksteins Angebot eines persönlichen Gesprächs gern an, sagte Pauli und erhielt für diesen Satz sogar Applaus. Was zeigt, wie groß die Furcht ist der CSU ist vor fortgesetzter Rebellion, wie groß der Urwunsch nach innerer Harmonie, nach starker Führung.

Buhrufe gab es kleine, der befürchtete Protest gegen die Revolutionärin blieb aus. In den Sitzreihen artikulierte aber auch keiner offen Verständnis für ihre Thesen. «Mit so einem Säusel-Text kann man nicht regieren», ätzte einer und unterstellte Pauli ausgeprägten Hang zum Personenkult. Anlass für diese Diagnose hatte sie auch auf dem Parteitag wieder geliefert, als sie während eines bereits begonnenen Wahlgangs Beckstein eine Erklärung zur chaotischen Lage der Partei abnötigen wollte.

Beckstein schwieg, der Versammlungsleiter blieb hart. Nach vierfachem insistieren scheiterte Pauli dann am Saalmikrofon, dem die Parteitags-Regisseure kurzerhand den Saft abstellten.

Mehr Frauen, mehr Basis

Nach der «politischen Selbstverbrennung» der letzten Wochen, so einer der Parteitagsreporter, hat Pauli mit ihrer Bewerbungsansprache zum Schluss noch einmal die Kurve gekriegt. Doch insgesamt überschätzte die 50-Jährige die Reformfreude der CSU. Paulis Kurs aufzunehmen, hätte den Abschied von der inneren Geschlossenheit der Partei bedeutet, jener christsozialen Tugend, die im Kampf um politische Bedeutung und Einfluss überlebenswichtig ist. Flügelkämpfe nach SPD-Vorbild zu provozieren, wäre für die Regionalpartei politisches Harakiri.

Dass Pauli an Huber und Seehofer scheitern wird, war seit langem klar. Doch nach Stoibers Abschiedsparteitag ist auch sicher, dass ihre Provokationen nicht ohne Wirkung waren, dass die Partei Paulis Thesen nicht übergehen kann. Schon in seiner Bewerbungsrede betonte Huber ausdrücklich, wie wichtig es sei, «mehr Frauen in die Führung hineinzunehmen». Und: Die Partei müsse auf «noch mehr Beteiligung der Mitglieder und der Basis» achten.

Hintergrund:
Auch wenn er Pauli entgegenhält, es brauche «keine neue CSU» und versichert, er werde «auf dem bewährten Kurs fortfahren», gibt es bereits jetzt eine CSU neuer Prägung. Erstmals rangen mehrere Kandidaten um den Parteivorsitz. Erstmals seit Jahrzehnten ist die Macht in Bayern nach dem Willen der Delegierten nun geteilt. Der Franke und Protestant (!) Beckstein führt als Ministerpräsident das Land, der Niederbayer Huber die Partei. Doch das Ende der Machtkonzentration birgt auch die Gefahr der Zersplitterung, warnt der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte. Flügelkämpfe in Landtagsfraktion, Parteivorstand und Landeskabinett wären eine mögliche Folge.

Zuschauermehrheit für Pauli

Zudem ist das Führungsduo maßgeblich auf einen Dritten angewiesen: Verbindung nach Berlin hält Bundesagrarminister Horst Seehofer, der mit den bisherigen Stellvertretern im Amt bestätigte CSU-Vize ist Hubers Gewährsmann in der Hauptstadt. Und dort regiert eine starke Bundeskanzlerin, wie der CSU-Cheflobbyist betont. Seehofer hat deshalb auch gleich noch einmal klar gemacht, was er von einem Parteichef erwartet: «Integrationskraft nach innen» soll Huber zeigen und «durchsetzungsstark nach außen» muss er sein. Denn in Berlin regiert eine starke Kanzlerin, meint der Agrarminister. Da muss die CSU sich konstruktiv zeigen und darf «nicht nur bellen».

Hätten auch Nichtbayern mitzureden gehabt, hätte Pauli Huber ausgestochen. In den Blitz-Umfragen, zu denen ein Nachrichtensender während der Bewerbungsreden aufrief, stimmten zuletzt 69 Prozent der Anrufer gegen den CSU-Favoriten. Die Rebellin hätte mit 59 Prozent der Stimmen das Rennen gemacht.

 
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