31.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
So sieht es nicht überall aus: Pflege in Deutschland
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Die Pflege ist besser als ihr Ruf», heißt es von den Befürwortern des deutschen Systems, Kritiker sprechen von der «Pflege-Katastrophe». Ein Prüfbericht hat Alarmierendes zutage gefördert.
Der zweite Pflegebericht hat eine heftige Debatte über die Qualität der Versorgung alter und bedürftiger Menschen im reichen Deutschland ausgelöst. «Auch wenn sich zum Teil leichte Verbesserungen der Pflegequalität feststellen lassen, bleiben die festgestellten Pflegemängel schockierend», sagte der Präsident des Sozialverbandes Deutschlands, Adolf Bauer, über den Bericht des Medizinischen Diensts der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS). Es sei ein Alarmsignal, dass sich die Pflegequalität seit dem ersten MDS-Bericht nicht stärker verbessert hat.
Pflegekassen und weitere Sozialverbände forderten härtere Konsequenzen gegen «schwarze Schafe» sowie mehr unangemeldete Kontrollen. Sie mahnten mehr Transparenz an. Die Angehörigen müssten sehen, wem sie ihre Pflegebedürftigen anvertrauen. Die Prüfer hatten zudem keinen Zusammenhang zwischen Kosten und Qualität festgestellt. Jedoch befanden sich bei Kontrollen in jüngster Zeit jeder zehnte Heimbewohner und 5,7 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause in einem «akut unzureichenden Pflegezustand». Im ersten, 2004 vorgelegten Bericht, war dies noch bei 17,4 Prozent der Heimbewohner und bei 8,8 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause der Fall.
Zudem gibt es Mängel bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung der Pflegebedürftigen. Bei etwa jedem dritten Pflegefall (Heime: 34,4 Prozent; ambulante Pflege: 29,6 Prozent) stellten die Prüfer unzureichende Gewichtskontrollen oder eine fehlende Ermittlung des Energiebedarfs der Bewohner fest. Dies bedeute aber nicht unbedingt, dass die Betroffenen unterversorgt oder mangelhaft ernährt seien, hieß es. Mehr als 35 Prozent der Heimbewohner und etwa 42 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause werden nicht häufig genug umgebettet. Dies lasse jedoch keine Rückschlüsse auf Probleme wie Wundliegen (Dekubitus) zu.
Seit Jahren auf der AgendaDer katholische Caritasverband warnte vor Hysterie: «Im Interesse alter und pflegebedürftiger Menschen müssen wir jede kritische Anfrage an die Pflege mit großer Sorgfalt prüfen.» Von einem Pflege-Skandal zu sprechen, entspreche weder den bekannten Daten noch dem hohen Engagement der Mitarbeitenden.
Das protestantische Pendant, die Caritas, betonte, es sie richtig, die Anstrengungen zur Verbesserung in der Situation der Pflege weiter fortzuführen. «Die Forderung nach mehr Transparenz in der Pflege und das Ziel, auf diese Weise mehr gesunden Wettbewerb zwischen den Einrichtungen herzustellen, stehen bei uns seit Jahren auf der Agenda.»
Der Deutsche Evangelische Krankenhausverband warnte vor einem Preiswettbewerb um medizinische und pflegerische Leistungen. Die Befürchtung: Qualität und Versorgungssicherheit in Krankenhäusern werde gefährdet. «Preisdumping und Verdrängungswettbewerb gehen immer zu Lasten der Schwächeren.» Der Paritätische Wohlfahrtsverband reagierte auf den Zeitungsbericht: «Die »Bild«-Zeitung entwirft völlig haltlose Horrorgemälde, die mit der Realität der Pflege aber auch gar nichts zu tun haben.»
Personal ist VoraussetzungDer Pflegeexperte Claus Fussek plädierte in der «Frankfurter Rundschau» für mehr Wettbewerb. «Was macht man bei einem Betrieb, der Gammelfleisch verkauft? Er wird zugemacht.» Er könne nicht verstehen, warum schlechte Pflegeheime nicht geschlossen würden.
Die Senioren-Union der CDU beklagte, es sei «ein Skandal, dass unsere Wohlstandgesellschaft so wenig Mitgefühl für ihre ärmsten, ältesten und schwächsten Mitglieder nach einem arbeitsreichen Leben aufbringt.» Die Gewerkschaft Verdi verlangte eine ausreichende Personalausstattung mit qualifizierten Pflegekräften. «Das ist die entscheidende Voraussetzung zur Gewährleistung einer angemessenen Qualität.»
Keine Komission eingesetztEin Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums wies einen Bericht der «Süddeutschen Zeitung» zurück, dem zufolge eine Kommission eingesetzt werden soll, um Ideen zur Behebung von Missständen in Pflegeheimen zu entwickeln. Dies berichtet die Zeitung unter Berufung auf den Entwurf zur Pflegereform. Es werde keine Kommission geben, sagte der Sprecher. Vielmehr sei im Gesetzentwurf vorgesehen, dass Experten neue Qualitätsstandards in der Pflege entwickeln sollen.
DS-Geschäftsführer Pick sagte, die Situation habe sich erkennbar verbessert, es bestehe aber nach wie vor Handlungsbedarf. Begriffe aus Medienberichten wie «Pflege-Schock» oder «Pflege-Skandal» wies er zurück. Caspers-Merk sagte der Deutschen Presse-Agentur dpa: «Noch vor einigen Jahren war die Pflegequalität in vielen Einrichtungen deutlich schlechter.» Sie verwies zudem darauf, dass Heimen bereits heute Fristen gesetzt würden, Missstände abzustellen.
Verbesserungen möglichSozialverbände räumten ein, dass es erhebliche Verbesserungspotenziale in der Pflege gebe. Sie warnten zudem vor einem Verdrängungswettbewerb und Preisdumping. Der Chef des Verbands der Angestellten-Krankenkassen, Werner Gerdelmann, forderte härtere Konsequenzen bei qualitativ schlechten Pflegeeinrichtungen. «Schwarze Schafe» müssten im Extremfall leichter aus der Versorgung herausgenommen werden können. Dies sei heute ein langer juristischer Weg. Zudem forderte er klare gesetzliche Standards für die Zertifizierung von Pflegeeinrichtungen.
Caspers-Merk versicherte, die anstehenden Pflegereform werde für mehr Transparenz sorgen. Qualitätsberichte über einzelne Einrichtungen müssten danach künftig veröffentlicht werden. «Nur Transparenz wird dabei helfen, dass man Missstände aufdeckt.» (nz/dpa)