Mügelns Bürgermeister schockiert mit Ignoranz
Dabei fallen vor allem sächsische Gemeinden seit Jahren durch ausländerfeindliche und rechtsextremistische Umtriebe auf. Immer wieder findet die NPD Veranstaltungsorte für ihre propagandaschwangeren Jahresfeste, wie etwa 2004 in Mücka, wo Sachsens NPD-Landeschef Holger Apfel vor seiner Gefolgschaft gegen das Berliner Holocaust-Mahnmal hetzte.
Hakenkreuzfahne gehisst
Dies zu negieren, nennt der SPD-Innenpolitiker Sebastian Edathy «blauäugig» und mahnt: «Es ist noch nie ein Problem dadurch gelöst worden, dass man seine Existenz bestreitet.» Der Grünen-Innenpolitiker Hans-Christian Ströbele klagte über tagelanges Leugnen der Stadtväter. «Erst wenn es dann unübersehbar ist, wenn schon fast die Hakenkreuzfahne gehisst ist, erst dann ist man geneigt, das zur Kenntnis zu nehmen.» Auch Bundestagsvize Wolfgang Thierse (SPD) oder die Berliner Extremismusexpertin Anetta Kahane warnten vor Ignoranz.
Pöbel in Schach halten
Die Polizei stellte Mügeln drei Tage nach dem Vorfall unter verstärkten Schutz, Ermittler suchen intensiv nach Motiven und Tätern. Etwa 50 zumeist junge Deutsche hatten in der Nacht zum Sonntag in Mügeln acht Inder nach einer Rangelei im Festzelt des Stadtfestes über den Markt gehetzt. Andere Besucher des Festes sollen tatenlos zugesehen haben. Die Inder flüchteten sich in die Pizzeria eines Landesmannes.
Der Rest der eiligst herangeholten Polizeiverstärkung versuchte, den Pöbel im Festzelt in Schach zu halten. Insgesamt 14 Menschen erlitten Verletzungen, unter ihnen alle acht Inder. Während der Hatz gab es ausländerfeindliche Rufe, wie eine Polizeisprecherin betätigte. Bislang gab es zwei Festnahmen. Die 21 und 23 Jahre alten deutschen Tatverdächtigen ließ die Polizei aber wieder laufen. Bürgermeister Deuse bat die Bürger um Hinweise. Der Vorwurf, der auf Mügeln laste, müsse aus der Welt.
Keine Hinweise?
Auch die Passivität der Festbesucher schockiert. Grünen-Bundeschefin Roth zieht Parallelen zur tagelangen Belagerung eines Wohnheimes für Vietnamesen 1992 an der Ostseeküste. «Solche abscheulichen Szenen eines Mobs erinnern mich fatal an Rostock-Lichtenhagen. Auch hier hat die Bevölkerung tatenlos zugesehen.» Die Geschehnisse in Mügeln seien «erschreckend». Ihr Mitgefühl gelte den Opfern dieses Verbrechens.
Streit gibt es jetzt darüber, ob die Attacke vermeidbar gewesen wäre oder nicht. «Es gab im Vorfelde keinerlei Hinweis auf solch einen Zwischenfall. Wir gehen zum jetzigen Zeitpunkt von einer Spontanhandlung aus», sagte ein Sprecher der Ermittler. Bürgermeister Deuse hatte von Hinweisen gesprochen, die er aus dem örtlichen Jugendclub «Free Time Inn» erhalten habe und versichert, er habe sie an die Polizei weitergegeben.
Die Gegend zwischen Leipzig, Dresden und Chemnitz zählt nicht gerade zu den Vorzeigeregionen Deutschlands. Die Milliardenströme des Aufbau Ost konnten den wirtschaftlichen Abschwung und die Bevölkerungsflucht bisher kaum stoppen. Die Folge: «Die Kommunen haben es schwer, in diesem Niemandsland dem vorhandenen Rechtsextremismus etwas entgegenzusetzen», sagt die Grüne Hermenau. Im Kampf gegen Rechts blieben die Gemeinden hinter ihren Möglichkeiten. «Sie kennen ihre Handlungsoptionen nicht.»
Nicht nur im Osten
Auch der SPD-Politiker Edathy hatte beklagt, die Kommunen investierten nicht genug in den Kampf gegen rechtsextremistische Entwicklungen. Hermenau forderte die Landesregierung in Dresden auf, die kommunal Verantwortlichen besser zu schulen, um die Ahnungslosigkeit der Bürgermeister im Umgang mit Extremisten zu beenden. Es gelte zu vermeiden, dass sich eine Zusammenarbeit mit zunächst harmlos wirkenden Jugendlichen als Kooperation mit rechten Kameraden entpuppe. Wenn etwa der Städte- und Gemeindetag solche Schulungsangebote machte, wäre das Interesse groß: «Ich glaube, da würden viele Bürgermeister zugreifen.»
Die Grünen wollen den Osten keinesfalls einseitig als Hort von Rechtsextremisten verurteilt sehen. «Rechtsextremismus ist ein Problem im Osten, aber nicht nur dort», sagt Parteivorsitzende Roth. Ein gefestigtes antisemitisches oder demokratiefeindliches Weltbild sei auch im Westen verbreitet. Wie die Friedrich-Ebert-Stiftung ermittelte, ist es in Bayern sogar noch stärker verankert als in Sachsen. (nz/AP/dpa)
